Neckar-Odenwald

Ärzte aus der Region zur Telemedizin Möglichkeit zur Online-Behandlung von Patienten löst unterschiedliche Reaktionen aus

„Persönlicher Kontakt gehört dazu“

Die Fernbehandlung über digitale Medien wie Webcam, Telefon oder E-Mail ist seit Mitte Mai für Arzt und Patient möglich. Die FN fragten Mediziner aus der Region, was sie davon halten.

Neckar-Odenwald-Kreis. Lange Aufenthalte in Wartezimmern könnten bald der Vergangenheit angehören: Die Mehrheit der Delegiertenversammlung des Deutschen Ärztetags sprach sich Mitte Mai für die Erleichterung von Online-Behandlungen aus, was unter anderem eine Behandlung via Skype, Telefon, SMS oder Webcam ermöglichen würde. Ein klares Signal zur fortschreitenden Digitalisierung des Alltags, sagen manche Doktoren. Aber wie beurteilen die niedergelassenen Ärzte in der Region das Thema? Die Fränkischen Nachrichten hörten sich unter Medizinern im Altkreis Buchen um.

Dr. Claudia Assimus (Hainstadt): „Aus meiner Sicht handelt es sich um eine sehr zukunftsweisende und innovative Geschichte, deren praktischer Nutzen sich für mich sogar neulich erst zeigte: Einer Patientin, die unmöglich in meine Praxis hätte kommen können, konnte ich im Skype-Gespräch helfen. Nachteile sehe ich lediglich im Falle von Untersuchungen, die auf diese Art der Behandlung nicht durchgeführt werden könnten.“

Dr. Achim Eirich (Höpfingen): „Inwiefern diese Möglichkeit im Standardbetrieb von Nutzen sein kann, ist aus meiner Sicht sehr fraglich! Die zwischenmenschliche Kommunikation, die zu einer klaren Diagnostik besonders wichtig ist, wäre hier etwa nicht gegeben. Auch die bei solchen Begutachtungen seitens des Arztes einzusetzende menschliche und medizinische Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Beispielsweise ist die persönliche Inaugenscheinnahme eines Patienten etwa bereits für eine Krankmeldung vorgeschrieben. Eine praktische Relevanz sehe ich daher eigentlich nicht.“

Dr. Michael Haberbeck (Walldürn): „Als Notlösung könnten Online-Behandlungswege in Frage kommen, um einem vielleicht auch gesundheitlich bedingt immobilen Patienten weite Wege zu ersparen. Aber selbst dann ginge das aus meiner Sicht nur als Zwischen- oder Befundkontrolle, wenn der Arzt seinen Patienten bereits gesehen hat. Zur Primärdiagnose oder einer Abschlusskontrolle muss der Arzt seinen Patienten in die Augen sehen können, zumal möglichst zahlreiche Sinneseindrücke zur optimalen und hilfreichen Behandlung wichtig sind.

Auch aus juristischer Sicht steht das Thema auf wackeligen Beinen: Zum Einen werden Abrechnungsbetrügereien alle Türen geöffnet, zum Anderen kann der Patient bei einer fehlerhaften Diagnose durch eine reine ‚digitale Behandlung’ den Arzt belangen, selbst wenn er sich dafür entschieden hätte – es ist ja nur schwer nachweisbar. Sicher wird die Behandlung mit der Zeit in diese Richtung gehen, aber ich als direkter Mensch beobachte diese neuen Wege mit großer Skepsis: Patient und Arzt bilden schließlich eine ‚Funktionseinheit’, was rein online nicht gewährleistet wird.“

Dr. Thomas Schwender (Krankenhaus Hardheim): „Prinzipiell sehe ich die Online-Behandlung und Telemedizin als Zeugnis medizinischen Fortschritts und durchaus positiv an, zumal sie bei bestimmten Indikationen wie beispielsweise einer Verlaufskontrolle denkbar wäre - Bedenken habe ich insofern, weil der eigentlich zur Tätigkeit dazu gehörende persönliche Kontakt nicht stattfindet, was sich gerade bei einem Erstkontakt zwischen Patient und Arzt als schwierig darstellt. Man muss jedoch den weiteren Verlauf abwarten – so benötigte auch die elektronische Gesundheitskarte einige Jahre, bis das Modell im angedachten Sinne funktionierte.“