Neckar-Odenwald

Piep...piep!

Beim Arztbesuch ist Warten angesagt. Deshalb sitze ich im Wartezimmer. Auch eine Mutter mit ihrem Kind muss warten. Dem Kind ist langweilig. Es rutscht auf dem Boden herum und räumt den Zeitschriftentisch ab. Da gibt ihm die Mutter ihr Handy und aktiviert eine Spiele-App. Das Kind greift begeistert zu und spielt. Im Seitenblick sehe ich irgendwelche hüpfende Figuren auf dem Bildschirm und die nächste Viertelstunde ist angefüllt mit unterschiedlichen Pieptönen der Spiele-App.

Schade, denke ich, das Vorlesen aus einem Kinderbuch oder einfach das freie Erzählen einer Geschichte wäre doch für das Kind genauso spannend; und es hätte auch für die Entwicklung seines Sprachvermögens viel gewonnen. Manches lässt sich nämlich im Kindergarten und in der Schule nur noch schwer aufholen! Piep…piep fördert ein Kind sprachlich ein bisschen wenig…

Meine Mutter und mein Vater haben mir in diesem Alter Märchen und biblische Geschichten erzählt. Heute hört man von manchen: Bloß keine Märchen, die sind viel zu brutal. Da werden kleine Mädchen von einem Wolf gefressen und Hexen im Ofen verbrannt.

Auch biblische Geschichten seien viel zu grausam: Goliath bekommt vom Hirtenjungen David den Kopf abgeschlagen, Mose ermordet einen Ägypter, eine Königin wird aus dem Fenster geworfen und von Hunden angefressen, und Jesus, Gottes Sohn, stirbt am Kreuz. Welche Bilder entstehen da in Kinderköpfen durch solche Geschichten? Was aber sehen unsere Kinder denn in der Tagesschau und in manchen Filmen, auch über den Rücken ihrer Eltern? Katastrophen, Grausamkeit, Leid und Tod sind als Bilder überall vor Augen. Dagegen kann man Kinder letztlich nicht schützen.

Deshalb brauchen Kinder Erzählungen als Gegengeschichten zu den Bildern des Alltags. Geschichten, welche die Grausamkeit der Welt und der Menschen nicht verschweigen, aber ihnen gleichzeitig helfen, diese zu verarbeiten. Biblische Geschichten haben diese Doppelgestalt: Grausamkeit und Hoffnung zugleich.

Erzählungen, die ihnen von der Grausamkeit der Welt erzählen, aber auch von der Hoffnung und von der Botschaft, dass Verbrechen und Tod nicht das letzte Wort haben; und Kinder brauchen Geschichten zum Spracherwerb und zur Herausbildung eines großen Wortschatzes.

Mein jüngster Sohn ist jetzt 18 Jahre alt. Beim Mittagessen habe ich ihn neulich gefragt, welche biblische Geschichte in der Rückschau auf seine Kinderzeit für ihn am eindrücklichsten ist. Er hat mir gesagt, dass ihn eine biblische Geschichte bis heute begleitet: Die vom verlorenen Schaf.

Eine Geschichte, die Jesus erzählt hat: Wie ein Schaf verloren geht und ihm der Tod durch die Wölfe droht. Aber der Hirte macht sich auf die Suche und findet sein Schaf, rettet es und es kann neu anfangen. „Diese Geschichte sagt er, gibt mir immer wieder Hoffnung, dass ich neu anfangen kann. Nach Niederlagen und Versagen. Bei den Menschen und bei Gott. Am Schluss wird alles wieder gut. Weißt Du, die stand in meiner Kinderbibel.“

Dann erinnern wir uns beim Essen gemeinsam an die Geschichte von Jesus Christus. Dass in ihm Gott Mensch geworden ist, klein und verletzlich. Wie er als junger Mann grausam am Kreuz hingerichtet wurde, aber am Ende Ostern kam; die Auferweckung Jesu von den Toten. Dass Gott bei uns ist, auch wenn wir ihn, wie Jesus am Kreuz nicht spüren, und dass der Tod nicht das Ende ist, sondern die Auferweckung der Toten und das ewige Leben bei Gott.

Mein Jüngster ist kein Frömmler und das Gegenteil von einem Softie. Aber ich denke, er hat aus den vielen Geschichten seiner Kindheit, aus der Bibel, aus den Märchen und dann auch aus vielen Jugendbüchern angesichts der Grausamkeit der Welt Hoffnung mitgenommen. Darüber bin ich froh, hoffentlich bleibt ihm diese Hoffnung sein Lebtag lang lebendig.

Übrigens: Geschichten aus der Bibel für Kinder gibt es auch als mp 3 Download fürs Handy; Grimms Märchen auch; wenn man nicht selbst erzählen will oder kann. „Googeln“ Sie mal…!

Pfarrer Martin Schwarz, Evangelisches Schuldekanat, Mosbach