Niederstetten

Das Ergebnis zählt

Archivartikel

Vor kurzem habe ich mein Fahrrad in die Werkstatt gebracht. Oft habe ich in den vergangenen Jahren selbst daran herumgeschraubt, wenn es Probleme gab. Nun war aber unter anderem die Gangschaltung kaputt, weswegen ich die Hilfe eines Fachmanns in Anspruch nehmen wollte.

Zum Glück. Denn dem kundigen Blick des Mechanikers fiel sogleich ein viel größeres Problem auf. Die Felgen waren „durchgebremst“, das heißt, so abgerieben, dass sie jederzeit hätten brechen und blockieren können. Dadurch hätte ich im schlimmsten Fall vorwärts über den Lenker fliegen können.

Es sind Ereignisse wie dieser Werkstattbesuch, die mich davon überzeugt haben, dass es für das Leben jedes Menschen einen Plan, ein Schicksal gibt. Meiner Erfahrung nach lassen sich hier drei Gruppen unterscheiden. So gibt es Menschen, bei denen fast alles schief läuft, egal, wie sehr sie sich anstrengen. Daneben gibt es die, die zwar strampeln müssen, im Großen und Ganzen am Ende aber gut dastehen. Und dann gibt es die, denen scheinbar alles zufällt und die spielend ihre Ziele erreichen.

Einer meiner Onkel gehört zu dieser dritten Gruppe. Vor einigen Jahren sind meine Eltern mit ihm und meiner Tante zum Skiurlaub in die Alpen gefahren. Die Familien waren in getrennten Autos unterwegs und obwohl meine Eltern früher losgefahren sind, waren sie viel später am Ziel. Sie mussten nämlich an einem eingeschneiten Pass im Auto übernachten. Mein Onkel dagegen hatte bei der Abfahrt getrödelt, wurde dafür aber schon frühzeitig umgeleitet und konnte über eine andere Strecke problemlos durchfahren. Das Beispiel mag vielleicht etwas trivial klingen, aber meinem Onkel passieren ständig solche Dinge. Außerdem ist er in seinem Beruf als Handwerker sehr begabt, seit Jahrzehnten glücklich verheiratet und Vater dreier wohlgeratener Söhne.

Mich selbst würde ich zur zweiten Gruppe zählen. Der Ausfall der Gangschaltung war erstmal ärgerlich, weil ich das Fahrrad bald darauf für die Fahrt zu einem Termin gebraucht hätte. Aber wenn die Gangschaltung nicht zu dieser Zeit den Geist aufgegeben hätte, wäre vielleicht schon auf der nächsten Fahrt die Felge gebrochen und ich hätte mich schwer verletzt. Im Studium haben mich ungünstige Prüfungstermine und Dozentenwechsel teils viel Zeit und Nerven gekostet. Am Ende standen aber immer relativ gute Abschlüsse. Generell kommt es mir so vor, also ob in meinem Leben häufig Ereignisse so zusammenfallen, dass daraus eigentlich vermeidbare Probleme entstehen. Diese haben jedoch meist keine langfristigen negativen Folgen.

Zur ersten Gruppe gehört einer meiner früheren Kommilitonen. Nach der Schule ist er zur Bundeswehr gegangen und hat es sogar bis zum Leutnant geschafft. Dann griff er jedoch im Streit einen Vorgesetzten an und wurde entlassen. Das anschließend begonnene Studium brach er ab, weil er sein Leben nicht organisiert bekam.

Später sah es eine Weile so aus, als ob es wieder aufwärts gehen würde. Er begann eine Ausbildung, heiratete, bekam ein Kind. Vor ein paar Tagen hörte ich nun, dass er einen Anwalt für Familienrecht sucht und wieder alleine in einem kleinen Zimmer wohnt.

Natürlich sind die Übergänge zwischen diesen Gruppen teils fließend. Meine Selbsteinordnung in der Mitte des Spektrums hilft mir aber, vieles entspannter zu sehen. Zum Beispiel versuche ich, in größeren Zeiträumen zu denken. In ruhigen Momenten gelingt mir das auch. Nur manchmal ärgere ich mich in Stresssituationen dann doch wieder über Kleinigkeiten wie einen verpassten Zug oder einen Stau. Dabei bin ich eigentlich froh, dass ich bis jetzt unbeschadet ans Ziel gekommen bin, auch wenn der Weg dorthin manchmal anstrengend war.