Niederstetten

Kirchenbucheintrag verrät Niederstettener Chor ist mindestens 100 Jahre alt / Evangelische Gemeinde feiert mit Gounods Messe brève no.7

Der sanfte Hauch von Engelsflügeln

Archivartikel

Sie sind „100 plus“ (Jahre alt) und 24 Sänger. Ihre Aufgabe ist die Mitgestaltung von Gottesdiensten; ihr Anliegen ist es, mit Freude zu singen und geistliche Chormusik zu pflegen.

Niederstetten. Der Chor, so hört man, feiert gern. Nicht unbedingt sich selbst: lieber feiern sie zu ihrem „100 plus-Geburtstag“ einen Komponisten, der am Sonntag seinen 200. Geburtstag hätte feiern können: Charles Gounod. Mit seiner „Messe brève no.7“ machte der Chor, den seit 24 Jahren Regine Burdinski leitet, Gounod, der Gemeinde und auch sich selbst ein Klanggeschenk vom Feinsten. Schon das „Kyrie“: so fein wie Engelshaar gesponnen, das „Gloria“: ein strahlend heller Jubel. „Sanctus“ und „Benedictus“: klingende Träume, aufs allerfeinste moduliert, ebenso wie das „Agnus dei“ und das „Domine und Quoniam“.

Gounod, Pariser Malersohn, der seinen ersten Musikunterricht bei der Mutter erhielt, ehe er von internationalen Komponisten unter anderem am Pariser Konservatorium unterrichtet wurde und bei ausgedehnten Reisen in Rom, Wien, Berlin und Leipzig nicht nur Werke alter Meister, sondern auch zahlreiche berühmte Zeitgenossen kennenlernte. Fast wäre der Organist und Kirchenkapellmeister Priester geworden, entschied sich dann aber doch für die Musik. Seine Religiosität führte ihn immer wieder zur Kirchenmusik zurück: Oratorien, Chorwerke, Messen ergänzen das Opern- und Schauspielschaffen Gounods.

Die Messe brève C-Dur entstand um 1845, publiziert wurde sie 1877, in einer zweiten Fassung bearbeitet für vierstimmigen Chor, Soli und Orgel 1890. Es sind eindringliche Klänge, mit denen der auch auf der rein musikalischen Ebene lyrisch gestaltende Komponist das Lob Gottes gestaltet.

Wie der durch den Liederkranz, aus dem der Kirchenchor wohl vor gut 100 Jahren hervorgegangen ist, gemeinsam mit dem Kirchenchor und Bezirkskantorin Anne-Maria Lehmann Gounods „Kurze Messe“ umsetzte, ist phantastisch: Schloss man die Augen, vermeinte man den Hauch leicht geschlagener Engelsflügel wahrzunehmen. Die kaum über 30 Sängerinen und Sängern schienen den Kirchenraum als ganzes zum Instrument umzugestalten.

Pfarrer Roland Silzle schloss in der Predigt an die in der Lesung aufgeworfene Frage an Johannes den Täufer an: Das „Wer bist du?“ übertrug er auf den Chor; der, so Silzle, bereichere das Gemeindeleben, sei Stimme vieler Prediger und manchmal selbst Prediger und oft, gerade wenn die Worte fehlen, Tröster und Mutmacher.

Bezirkskantorin Anne-Maria Lehmann überbrachte die Gratulation und den Dank des Verbands evangelischer Kirchenmusik in Württemberg. Seit gut einem Jahrhundert, so Lehmann, pflege der Chor die – wie es Yehudi Menuhin formulierte – „eigentliche Muttersprache aller Menschen“. Für etliche der Sängerinnen und Sänger wurde der Chor Lebensaufgabe und zweite Heimat.

Seit Jahrzehnten engagiert

Seit zwei Jahrzehnten gehören Sigrun Hauf, Heinz Schönemann und Imgard Wank der Formation an, fünf Jahre zuvor fanden Reinhard Friedrich, Hans-Jürgen Kunz und Ernst Wollinger zum Kirchenchor. Auf glatt vier Jahrzehnte Mitgliedschaft im Kirchenchor können Herta Kandziora und Paula Ziegler zurückblicken, uns seit glatt einem halben Jahrhundert hält Helga Wollinger dem evangelischen Kirchenchor die Treue. Sie und Ernst Wollinger konnten zwar nicht am Jubiläumsgottesdienst teilnehmen – dazu hätten sie ihren Urlub unterbrechen müssen – feierten aber sicher im Geiste mit. Zwei ganz besonders treue Sängerinnen sind Sonnhhild Oberndörfer und Ilse Riegert, die bereits vor sechs Jahrzehnten in den damals mit gerade mal 40 Jahren noch recht jungen Chor eintraten und ihm seither die Treue hielten. Anne-Maria Lehmann überreichte gemeinsam mit Chorleiterin Regine Burdinski und Pfarrer Silzle kleine Blumen- und Weinpräsente und Urkunden.

Glückwünsche vom Liederkranz Niederstetten, der sicherlich als Mutterchor der nun gut 100-jährigen Formation ist, überbrachte Tamara Petersik, die ihren Rückblick auf die Chorgeschichte an der alten, von einer Sänger-Vorgängerin „geerbten“ Notenmappe anknüpfte. In aller Vielfalt gebe diese Mappe Sicherheit – auch, wenn es darum gehe, die „mal schwerer und mal leichter erfüllbaren genauen Vorstellungen der Chorleiterin“ umzusetzen. Der Lederkranz jedenfalls lade den Jubiläumschor zum Ausflug im September ein – ein weiteres „Hobby“ des Kirchenchors neben singen und Feiern. Im Anschluss an den Gemeindegottesdienst anlässlich des „100 plus-jährigen“ Geburtstags des Chores und des 200-jährigen Geburtstags des Komponisten feierte die Festgemeinde noch ein wenig weiter – und entwickelte, darauf könnte man Wetten abschließen – bereits Ideen für weitere Chorprojekte.