Niederstetten

Preisverleihung Film-AG der Oskar-von-Miller-Realschule Rothenburg erhält den mit 15 000 Euro dotierten Marion-Samuel-Preis der „Stiftung Erinnerung“

Einzelschicksale sichtbar gemacht

Die Dokumentarfilmgruppe Rothenburg hat den mit 15 000 Euro dotierten Marion-Samuel-Preis der „Stiftung Erinnerung“ erhalten.

Augsburg/Rothenburg. Es sind die tiefen, persönlichen Erlebnisse und Erzählungen der Menschen, die in den Dokumentationen der Rothenburger Film-AG an der Oskar-von-Miller-Realschule nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Sie stellen die Nähe zu Ereignissen her, die sich während und nach der NS-Zeit in und um Rothenburg, aber auch in Dörfern Frankreichs, Griechenlands und im KZ Theresienstadt abspielten. Die Schülerinnen und Schüler richten ihre Scheinwerfer nicht auf die große Politik, sondern auf die Auswirkungen, die Krieg und Verfolgung im Mikrokosmos der Menschen hatte und hat. Wie zum Beispiel auf das Leben von Salle Fischermann, eines Juden, der 1943 aus seiner Heimatstadt Kopenhagen nach Theresienstadt deportiert wurde.

Die SS rekrutierte den 13-Jährigen dort als Lichtjungen und Kabelträger für ihren berüchtigten Propagandafilm „Theresienstadt“, der das Ghetto nicht als Hungerhölle, sondern als Wellnessort mit strickenden, jungen Frauen und zufrieden spielenden Kindern inszenierte.

Der Film der Rothenburger, „Wenn lang die Bilder schon verblassen“ (2005), verwebt die Erzählungen Fischermanns vom echten KZ-Alltag sowie seine Erinnerungen an die Dreharbeiten mit den Originalaufnahmen des in Bruchstücken erhaltenen Propagandafilms. Ein berührender Streifen, der nicht nur die Propagandamethoden und die persönlichen Traumata und den Humor des KZ-Überlebenden Fischermann zeigt, sondern den beteiligten 13- bis 16-jährigen Jugendlichen einen kreativen und biografischen Zugang zur NS-Zeit ermöglichte, der lange über das Filmprojekt hinaus wirkt.

Im Beisein von Fischermann, der extra aus Kopenhagen angereist war, verlieh die Stiftung Erinnerung des Augsburger Ehepaars Walter und Ingrid Seinsch der Filmgruppe Rothenburg jetzt den mit 15 000 Euro dotierten Marion-Samuel-Preis. Unter den etwa 180 Gästen im Rokokosaal der Regierung von Schwaben fanden sich neben zwei Realschülern der neunten Klasse auch der ehemalige Geschichtslehrer und Motor des Dauerprojekts, Thilo Pohle, der Laudator und Vorsitzende der Erinnerungsstätte „Die Männer von Brettheim“, Norman Krauß, fünf ehemalige Filmschüler, Schulleiter Axel Fahl, Konrektor Alex Müller und fünf Kollegen. Anlässlich der Verleihung zeigte die Filmgruppe eine Kurzversion der Theresienstadt-Doku, der 2005 mit dem Dokumentarfilmpreis der Nordischen Filmtage ausgezeichnet wurden. Musiker um Emil Goldschmid, dessen Großonkel der wie Fischermann in dem KZ interniert war, begleiteten den feierlichen Abend.

Erstes und bekanntestes Projekt der Realschüler ist die Dokumentation über die Erhängung dreier Männer kurz vor Kriegsende im nahen Brettheim. Ein halbes Jahr sollte die Befragung der Zeitzeugen dauern, hatte sich Thilo Pohle 1982 vorgenommen.

Doch es dauerte sechs Jahre, bis der Film uraufgeführt wurde. Mehrere Schülergenerationen hatten das Projekt gepflegt, recherchiert, Kamera, Schnitt, Storytelling und Maske gelernt.

Seit 35 Jahren arbeitet Pohle mit Schülerinnen und Schülern der Realschule. Insgesamt 180 Jugendliche recherchierten, drehten, schnitten und präsentierten ihre 40 Filme mit insgesamt über 200 Zeitzeugen in ganz Europa, Russland und den USA. Der Eindruck, den ihre Arbeiten weltweit hinterlassen, zeigt sich an der Zahl der Übersetzungen: In 17 Sprachen wurden die Filme für die internationalen Präsentationen und Festivals übertragen.

Stiftungsgründerin Ingrid Seinsch erklärte: „Ich freue mich sehr, dass der Preis in diesem Jahr an junge Menschen geht. Marion Samuel wäre stolz auf euch!“

Das neueste Projekt der AG steht auch schon fest: Lehrerin Angelika Jobst wird ab Januar acht Schüler bei der Arbeit mit Kamera und Zeitzeugen zum Thema Rothenburg nach 1945 begleiten. Stefanie Schoene