Niederstetten

Jesus ist der Regisseur

Jesus spielt in meinem Leben keine Rolle. Bis vor kurzem dachte ich in diesem Punkt noch anders, doch das hat sich geändert. Wodurch sich das geändert hat? Ich habe selbst eine Rolle übernommen. Im aktuellen Stück des Theatervereins Reinsbronn spiele ich Gerd, etwa 50 Jahre alt, Handwerker und Familienvater. Wenn Sie diesen Text lesen, treten wir vermutlich noch fünf Mal damit auf. Ende der Schleichwerbung. Es macht mir viel Spaß, Theaterluft zu schnuppern und mit den anderen Spielern auf der Bühne zu stehen. Vor so vielen Menschen zu reden, dazu komme ich sonst eher selten. Und dann sind die Plätze in den vorderen Reihen auch noch zuerst besetzt! Ganz erstaunlich! Sehr spannend war aber auch schon die Vorbereitung. Ab Mitte Dezember haben wir uns regelmäßig getroffen. Zuerst wurde das Stück nur gelesen. Dann wurden die Rollen verteilt – und plötzlich war ich jemand anderes! Von einem Moment auf den andern hatte ich ein ganz neues Leben. Und es war gar nicht so einfach, in dieses neue Leben hineinzufinden. Gerd ist nämlich in vielen Dingen ganz anders als ich. Vielleicht teilen wir nur unseren schwäbischen Dialekt. Was mir geholfen hat, in dieses neue Leben hineinzufinden? Da sind zunächst die anderen Mitspieler zu nennen. Vor allem diejenigen, die schon einiges an Bühnenerfahrung mitbringen. Bei ihnen kann man abgucken, wie es aussehen kann, in eine Rolle zu schlüpfen. Und dann interagieren sie ja auch mit mir auf der Bühne, geben mir Stichworte, nehmen mich mit in das Stück hinein. Was aber vor allem geholfen hat, in dieses neue Leben hineinzufinden, war unsere Regisseurin. Auch wenn es anfangs sehr mühsam war. Ständig hat sie uns unterbrochen! „Was machst du hier?“ „Warum sagst du das in dieser Situation?“ „Was willst du damit erreichen?“ Sie hat das, was wir auf der Bühne gezeigt haben, hinterfragt. Warum sie das gemacht hat? Damit es passt. Damit das, was wir spielen, stimmig ist. Und immer wieder ist sie auch selbst auf die Bühne gekommen und hat gesagt: „Warte, ich zeig dir, was ich meine!“ Und dann hat sie mein „Leben“ übernommen und gezeigt, wie sie es meint. Ist Ihnen jetzt vielleicht klar, warum Jesus in meinem Leben keine Rolle mehr spielt? Er ist nämlich kein einfacher Mitspieler. Er ist der Regisseur. Als ich Christ geworden bin, habe ich ein neues Leben bekommen. In dieses neue Leben musste ich hineinfinden – und muss es immer noch, wenn ich ehrlich bin. Was mir bisher dabei geholfen hat? Die anderen Mitchristen. Vor allem die, die schon einiges an Glaubenserfahrung mitbringen. Die nehmen mich in dieses Stück meines Lebens mit hinein. Vor allem aber hilft mir Jesus selbst. Ist es nicht so, dass auch er mich durch seine Worte immer wieder unterbricht und hinterfragt? Er möchte doch, dass ich stimmig bin, dass mein Leben stimmig ist. Und er tritt selbst für mich ein und zeigt, wie er es meint. Ein besseres Vorbild könnte ich mir nicht wünschen. Vorhang auf!

Pfarrer Matthias Haas, Reinsbronn-Creglingen