Niederstetten

Jubiläum Herta und Anton Kandziora feiern fröhlich goldene Hochzeit / Nach einem erfüllten Leben rundum zufrieden

Mit Pferdekutsche ins Glück gefahren

Archivartikel

Niederstetten.„Die oder keine!“ Das stand für Anton Kandziora schon fest, als er seine künftige Ehefrau zum allerersten Mal mit der kleinen Pferdekutsche durch Niederstetten sausen sah. Sie aber habe ihn lange gar nicht nur Kenntnis genommen.

Immerhin gab’s irgendwann im Herbst 1968 eine Tanzveranstaltung in der Stadt, und Kandziora packte die Gelegenheit beim Schopf, mit der Angebeteten Bekanntschaft zu schließen. Das muss er sehr gekonnt angestellt haben, denn bereits beim folgenden Weihnachtsfest hielt er erfolgreich im Buchenbacher Schlössle bei Mutter Steiner um ihre Hand an. Im Sommer darauf läuteten die Hochzeitsglocken, und anschließend ging’s von der Jakobskirche mit dem munter trabenden Doppelgespann bergan zum Hochzeitsschmaus nach Herbsthausen.

Auf den im Hochzeitsalbum verwahrten liebevoll gestalteten Tischkarten sind die Hobbys der Brautleute – Reiten bei ihr, Fußball bei ihm – wunderhübsch dargestellt.

Wie aber – war es Zufall oder Bestimmung? – findet man sich in Niederstetten, wenn die eine aus Langenburg, der andere aus Oberschlesien kommt. Das wollte auch Niederstettens Bürgermeisterin Heike Naber wissen, die mit sichtlicher Freude die von Ministerpräsident Winfried Kretschmann unterzeichnete Gratulationsurkunde und den Geschenkkorb der Stadt überbrachte. Eigentlich habe sie Bäuerin werden wollen, erzählt Herta Kandziora, die aus Langenburg stammt. In Buchenbach wuchs sie auf, besuchte in Kupferzell die Landfrauenschule, ehe sie in Radolfszell am Bodensee, dann im Tetnanger Hopfenanbaugebiet und später im Allgäu auf den Höfen arbeitete, die der Mann einer Schulfreundin verwaltete. Dann verfiel sie dem Pferdevirus und griff zu, als ein Trakehnergestüt bei Göttingen eine Kraft suchte. In Sachen Pferd kann ihr keiner so leicht etwas vormachen. Von der Pike auf gelernt hat sie Heu machen, Futter zusammenstellen, Aufzucht und Pflege von Fohlen bis Hengst.

Als Führerscheininhaberin war sie auch fürs Führen von Traktoren prädestiniert – auf dem Gestüt konnte das kaum einer der Männer. Zwei Jahre blieb sie, dann fragte der Niederstettener MHZ-Firmengründer Wilhelm Hachtel an, ob sie sich nicht seiner Pferde annehmen könne. Sie zögerte erst, sagte dann zu und kutschierte immer mal wieder mit der Hachtelschen Kutsche durchs Vorbachstädtchen.

Anton Kandziora, wie seine Frau Jahrgang 1938, und wie sie vaterlos aufgewachsen – beide Väter fielen in Russland – erlebte als Kind eine Odyssee. Gerade erst war Anton Kandziora in der oberschlesischen Heimat eingeschult worden, als sich die Familie auf die Flucht vorbereiten musste und dann im Februar 1945 den letzten Transport nach Österreich erwischten. Ein halbes Jahr später wollte das Land die geflüchteten Deutschen wieder loswerden. In langen Güterzügen wurden sie nach Deutschland verfrachtet. Ein Waggon nach dem anderen wurde in der Zielregion von Station zu Station abgehängt. Kandzioras landeten in Crailsheim, Verwandte und Bekannte in Weikersheim, Markelsheim und Bad Mergentheim. Die Weiterverteilung zur Einquartierung auf den Dörfern erfolgte per Lkw. In Riedbach suchte ein Bauer eine Melkerin. Kandzioras Mutter meldete sich, verschwand am Zielort sofort im Stall, legte los. Das machte Eindruck. Sie und die beiden Söhne, der sechsjährige Anton und sein älterer Bruder wurden in die Familie aufgenommen. Ans erste Glas Milch auf dem Sofa in der Stube, getrunken unter den höchst aufmerksamen und skeptischen Blicken der beiden kleinen Töchter des Bauern, erinnert sich Kandziora bis heute.

Nach der Schule in Riedbach und der Ausbildung zum Industriekaufmann in Blaufelden arbeitete Kandziora ab 1957 für drei verschiedene regionale Arbeitgeber, bis er 1970 bei einem Igersheimer Möbelhersteller den Arbeitsplatz fand, dem er über die Rente im Jahr 2011 hinaus treu blieb. In Niederstetten waren beide schnell gut vernetzt: Er war als begeisterter Kicker in der Fußballabteilung von der Jugend bis zur Altherrenmannschaft gefragt und unterstützte die Abteilung zwei Jahrzehnte lang als Kassierer. 1967 gehörte er zu den 17 Gründungsmitgliedern der Tennisabteilung. Auch da war er als Kassier gefragt, übte das Amt 22 Jahre aus.

Herta Kandziora war über 25 Jahre als Voltigierlehrerin im Reit- und Fahrverein aktiv und gehört ebenso lange dem evangelischen Kirchenchor an. 1982 zog die Familie, zu der inzwischen auch die beiden 1970 und 1973 geborenen Söhne gehörten, auf den Schlossberg. Zum perfekten Domizil gehörte auch ein Stall, in dem im Lauf der Zeit Pony Racker, der Halbaraberfuchs Salut, Eselin Elli und einige Generationen Ziegen Unterschlupf fanden. Jetzt genießen die beiden Geißböcke Willi und Justus den Komfort von Stall und Schlossbergweide. Ab und zu schnurrt die schwarz-weiß gefleckte Katze auch bei ihnen vorbei.

Rundum zufrieden und heiter ist dieses Jubelpaar. Sie freuen sich schon auf die Feier mit Familie, Freunden und Wegbegleitern. Ihren Glückwünschen schließt sich die Redaktion gern an. ibra