Niederstetten

Freilichttheater im Tempele Proben für „Kohlhiesels Töchter“ angelaufen / Aufführungen vom 11. bis 29. Juli / Karten gibt’s telefonisch und online

Rasant, spritzig und unendlich komisch

Es wird turbulent und bunt auf der Niederstettener Naturbühne im „Tempele“. Das Freilichttheater startet am 11. Juli mit „Kohlhiesels Töchter“ in die Spielsaison.

Niederstetten. Für seinen atmosphärischen „Sommernachtstraum“ der vergangenen Spielsaison ist das Ensemble des Freilichtheaters im Tempele „geadelt“ worden: Der Kunststaatspreis des Landes Baden-Württemberg ging für die ungewöhnliche wie stimmige Shakespeare-Inszenierung nach Nieder-stetten. Es war „der beste Sommernachstraum, den die Fachjury im Amateurbereich je gesehen“ hat, hieß es bei der Preisverleihung in Karlsruhe.

Doch nach dem Theater ist vor dem Theater: Mit „Kohlhiesels Töchter“ stürzt sich die hoch motivierte Spielertruppe auf ein Stück, das eigentlich ein klassischer Bauernschwank ist. Mit Liselotte Pulver (in einer Doppelrolle), Helmut Schmid und Dietmar Schönherr wurde „Kohlhiesels Töchter“ im Jahr 1962 zu einem der größten Filmerfolge der Nachkriegszeit.

Basierend auf dem Original-Drehbuch des Films inszeniert momentan Regisseur Ulrich Schulz die Komödie für Niederstetten ins Naturtheater im „Tempele“ hinein. Mit dabei sind zahlreiche Darsteller aus Niederstetten und der Region, die das Publikum schon aus den Erfolgsproduktionen von „Amadeus“ über „Im Weißen Rössl“ bis „Cabaret“, „Frauen am Randes des Nervenzusammenbruchs“ und „Ein Sommernachtstraum“ kennt und liebt. Als Dramaturgin hat Kathrin Leneke das Filmdrehbuch speziell für die Anforderungen in Niederstetten bearbeitet.

Spieler arbeiten gegen Naturell

Die täglichen Bühnenproben laufen jetzt seit über einer Woche. Während die große Spielstätte im Tempele noch gebaut wird, finden die Proben mit Eins-zu-Eins-Maßen in der „Black Box“ in der „Alten Schule“ statt. Dort befindet sich auch die Bühnenbild- und Requisitenwerkstatt sowie die Kostümschneiderei.

In einem Probenworkshop mit Dagmar Franz-Abbott haben sich die Darsteller am Wochenende intensiv mit dem Komödienfach beschäftigt. Die Hauptdarsteller stehen mit ihren Rollen vor neuen Herausforderungen: Fast alle müssen zunächst „gegen“ ihr spielerisches Naturell arbeiten – Regisseur Schulz hat sie sozusagen „kontrapunktisch“ besetzt. Sonst eher „in sich ruhende“ Spieler müssen ihre agile, spritzige Seite ausloten und auf die Bühne bringen, der überlegene Platzhirsch des Stücks bekommt eine doppelbödige Note – und der liebenswerte Gastwirt Kohlhiesel macht eine ganz besondere und unerwartete Wandlung durch.

Diese fürs Amateurtheater eher ungewöhnliche Herangehensweise verspricht spannende Ergebnisse bei den Aufführungen – und ist zugleich für die Spieler eine anspruchsvolle Arbeit, die sie wachsen lässt.

Dagmar Franz-Abbott hat in Berlin die Schauspielakademie besucht. Sie ist eine bundesweit bekannte Trainerin für Theater, Film, Funk und Fernsehen. Seit 1988 lebt sie in Augsburg, wo sie als Rhetoriktrainerin für namhafte Firmen tätig ist und einen Lehrauftrag an der Universität hat. Sie betreut als Theaterpädagogin und Filmlehrerin Schulgruppen und Jugendinitiativen im Jungen Theater und Kulturpark West.

Für die Niederstettener Schauspieler hat Franz-Abbott den Fokus vor allem auf die Sprachgestaltung der Rollen gelegt. Die Mischung aus Hochsprache (die Städter) und Dialekt (die Landbevölkerung) fordert präzise Arbeit auch in ganz kleinen Szenen. Franz-Abbott arbeitete mit den Spielern bis ins Detail hinein: Sinngehalt, Betonung, Ausdruck, Wirkung.

Komische Szenen entstehen in „Kohlhiesels Töchter“ nicht nur über das Zusammenprallen zweier Welten, sondern durch die differenzierten Charaktere. Die sind zwar grundsätzlich holzschnittartig angelegt, können aber über schier zahllose Mikroaktionen in rasante, fortlaufenden Situationskomik überführt werden.

Vorbild bleibt erkennbar

Bereits vor einem Jahr haben sich die Schauspieler auf die Theatersaison 2018 eingestimmt und sich intensiv szenisch mit der Verwicklung von Handlungssträngen sowie der Verkettung überraschender Umstände beschäftigt.

„Nimm du sie, die Susi“ ist eine der bekanntesten Gesangsnummern aus „Kohlhiesels Töchter“ – es wird also auch wieder Musik geben auf der Niederstettener Bühne. Doch es soll vor allem eine tempo- und aktionsreiche Inszenierung werden – das filmische Vorbild wird für jeden erkennbar bleiben. Gleichzeitig wird aber eine ganz eigene, charmante Niederstettener Fassung mit jeder Menge Überraschungen entstehen.

Auch das Bühnen- und Kostümbild liegen erneut in der Verantwortung von Erfolgsregisseur Ulrich Schulz – die Zuschauer können vor allem in den Ensembleszenen mit stimmigen wie ungeheuer bunten Auftritten rechnen.

Zum Inhalt des Stücks: Kohlhiesels Tochter Susi ist nicht gerade begehrt bei der Männerwelt des kleinen Dorfes. Ganz anders ihre Schwester Liesel – nicht nur die Jungs aus dem Ort laufen ihr hinterher, auch der smarter Städter und ewige Student Günter folgt der Schönen aufs abgelegene (natürlich hohenlohische) Dorf. Aber da erst die ältere rabiate Susi, die seit Jahr und Tag Vater und Personal des Hotel-Gasthofs tyrannisiert, unter die Haube muss (bevor die reizende Liesel heiraten darf), sucht Vater Kohlhiesel nach einer Lösung. Eine Zeitungsanzeige soll die gewünschten Bewerber anlocken.

Die Anzeige kreuzt sich mit dem Inserat von Susi, die einen Angestellten sucht. Das sorgt für Verwirrung und unglaublich humorvolle Wendungen, bis Liesel die Sache in die Hand nimmt und am Schluss weibliche List und Solidarität den Sieg davontragen.

Zwischen dem „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare und „Kohlhiesels Töchter“ gibt es übrigens eine Verbindung: Hanss Kräly hat 1920 „Der Widerspenstigen Zähmung“ des englischen Dichters adaptiert und so einen Theater- und Filmstoffklassiker geschaffen, der seit der ersten Stummfilmfassung des legendären Regisseurs Ernst Lubitsch immer wieder neu verfilmt wurde.

Staatspreis als Rückenwind

Mit dem renommierten Kunststaatspreis von 2016 als Rückenwind und dem Attribut „wegweisende Theaterkunst made in Niederstetten“ werden die Schauspieler in der Aufführungsphase zwischen 11. und 29. Juli den „Lilo Pulver-Erfolg“ zu einem weiteren atmosphärischen Sommermärchen für Niederstetten machen. Dass dabei auch mit dem überkommenen Frauen- und Männerbild der frühen Filmkomödien gespielt wird, ist ebenso selbstverständlich wie schräger Humor – ein weiteres Markenzeichen der stets unterm Strich liebenswert gearbeiteten Stücke im „Tempele“. ftt