Niederstetten

Träume – Weg zum Göttlichen

Archivartikel

Eine junge Frau ist als Krebspatientin in einer unserer Kliniken. Ein Jahr zuvor wurde die Diagnose gestellt: Gebärmutterkrebs. Sie ist operiert worden und befindet sich auf dem Weg der Besserung, es geht ihr ganz ordentlich und die Prognose ist gut. Weshalb sie das Gespräch mit der Seelsorgerin sucht, ist ein Traum, der sie erschreckt hat und über den sie reden möchte. Unmittelbar nach der Diagnosestellung träumte sie, sie sei gestorben. Sie sieht sich im Traum in einem Sarg liegen. Der Sarg steht in der Leichenhalle, viele Menschen sind da, und es wird ihr klar: Das ist meine Beerdigung.

Der Sarg ist offen, ihr fällt auf, dass sie ein rotes Kleid an hat. Das ist doch sehr unpassend für eine Beerdigung, denkt sie. Schweißgebadet wacht sie auf. Der Schreck sitzt ihr in den Gliedern und sie ist überzeugt: Der Traum bedeutet, dass sie sterben muss, dass sie die Erkrankung nicht überleben wird. Inzwischen ist aber einige Zeit vergangen und es sieht so aus, als würde sie es schaffen. Aber da ist noch der Traum. Ob der irgendeine Bedeutung hat, oder, ob sich darin nur ihre Angst zeigen würde – will sie wissen.

Ich weiß das natürlich nicht, denn Träume sind eine sehr persönliche Sache und nur die junge Frau selbst kann die Deutung finden, die am ehesten zutreffen könnte. Ich unterstütze sie also beim Assoziieren über den Traum. Das Auffälligste ist die rote Farbe ihres Kleides.

Zunächst meint sie, sie trüge nie Kleider, schon gar keine roten. Ein Kleid, so findet sie, sei ein feminines Kleidungsstück und rot bedeutet für sie das Leben oder die Liebe oder die Leidenschaft.

Ich frage nach der Liebe und der Leidenschaft? Sie ist seit drei Jahren glücklich verheiratet, da gebe es keine Probleme, ihr Mann war und ist während der Erkrankung immer an ihrer Seite.

Es gibt nur ein Problem – beide wollten eigentlich Kinder bekommen.

Aber da war ja die Operation, bei der die Gebärmutter entfernt werden musste. Und nun müssen sie diesen Traum begraben. Als sie das sagt fällt ihr die Wortwahl auf.

Und sie weiß nun, was in ihrem Leben ganz real hat sterben müssen: ihr gemeinsamer Kinderwunsch, symbolisiert durch das rote Kleid.

Bisher war sie so in Anspruch genommen von dem Kampf mit der Erkrankung und allem, was sie mit sich gebracht hat, dass sie noch gar nicht die Konsequenzen realisiert hat. Nun kann sie es aussprechen und kann weinen. Das Trauern über diesen versagten Lebenstraum konnte nun beginnen. Sie war froh, dass sie sich getraut hat, über diesen Traum zu sprechen.

Träume und innere Bilder können eine Tür sein zu sich selbst.

In der Bibel kommen Träume an zentralen Stellen vor. Jakob träumt, dass der Himmel offen ist und auf einer Leiter Engel auf- und niedersteigen.

Dies ist ein schönes Bild für das, was Träume manchmal sein können: Leitern, die uns in einen Bereich führen, der größer ist als das, was wir begreifen können, Kontakt mit einer ganz anderen Wirklichkeit, Kontakt mit dem Göttlichen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen inspirierende Träume!

Pfarrerin Angelika Segl-Johannsen, Kur- und Rehaklinikseelsorge Bad Mergentheim