Niederstetten

Veränderung ist die einzige Konstante

Von unserem Redaktionsmitglied

Geht es Ihnen auch so? Zuerst lese ich bei Todesanzeigen das Alter der Verstorbenen. Und denke mir manchmal: "Die Einschläge kommen näher". Kein beruhigendes Gefühl. Aber wenigstens weiß man nicht, wann es soweit ist. Und weil man es nicht weiß, sollte man die Zeit nutzen. Andererseits: Wir werden ja immer älter, die moderne Medizin lässt uns trotz morscher Gelenke noch lange mobil bleiben, und so sind die Aussichten auf ein langes Leben ja vielleicht gar nicht so schlecht?

Ein wahrhaft langes Leben hatten zwei Damen aus Bad Mergentheim, die beide kürzlich im gesegneten Alter von über 100 Jahren gestorben sind. Die eine war 1916 zur Welt gekommen, die andere 1917. Da war der erste Weltkrieg noch in vollem Gang. Einhundert Jahre - welche unfassbaren Veränderungen haben diese beiden Frauen miterlebt - Weltwirtschaftskrise, zweiter Weltkrieg, Währungsreform. Wir, die wir tagtäglich im Hamsterrad stecken und meinen, um jede Minute kämpfen zu müssen, sollten uns hin und wieder die Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie sehr sich die Lebenswelt dieser "Generation 100" gewandelt hat. Sie haben all die Herausforderungen gemeistert - das sollte uns Mut machen, denn Veränderung ist wohl die einzige Konstante im menschlichen Dasein. Mein Vater - selbst schon 89 Jahre alt - besichtigte kürzlich einen hochmodernen Milchviehstall und war tief beeindruckt von der ausgefeilten Technik. Er selbst war als junger Bursche noch mit dem Kuhgespann auf dem Acker unterwegs. Ich lausche seinen Erzählungen von früher gerne, denn sie erden mich. Wenn er etwa davon erzählt, wie er eine Kuh von Bettwar die rund sieben oder acht Kilometer zu Fuß zum neuen Besitzer nach Finsterlohr führte - heutzutage undenkbar, so viel Zeit zu "verplempern". Ich denke mir manchmal, wir sollten unseren Senioren öfter zuhören. Doch zuhören ist aus der Mode gekommen. Heute muss alles schnell gehen. Leider kommt dabei oft Murks heraus, wie etwa bei der Energiewende. Die Vorstellung, dass in 20 oder 30 Jahren nur noch Elektroautos herumfahren, hat einige Haken. Wie den ganzen (sauberen) Strom produzieren? Wohin mit den Batterie-Abfällen? Ich bin gespannt!

Ach ja, das Wetter war früher auch anders. Wenn mein Vater recht hat, dann war es früher im Sommer nie so heiß. Die Kühe hätten sonst niemals auf dem Acker arbeiten können. Heute müssen sie es nicht mehr - passt, oder?