Osterburken

„Biografie eines Zentrumsgeistlichen aus der NS-Zeit“ Martin Köhler aus Reicholzheim schrieb ein Buch über den in Osterburken geborenen Johann Ebel

Drei Tage Schutzhaft für den Ortspfarrer

Archivartikel

Martin Köhler aus Reicholzheim hat ein Buch über den streitbaren Uissigheimer Ortspfarrer Johann Ebel verfasst. Er setzte sich in der NS-Zeit zur Wehr.

Osterburken/Uissigheim. Der Reicholzheimer Autor Martin Köhler stammt aus Uissigheim. Durch seine Großmutter wurde er auf den früheren Uissigheimer Pfarrer Johann Ebel aufmerksam, der in Osterburken geboren wurde. Er wirkte in Uissigheim und im Schwarzwald. Köhler wurde neugierig und begann zu recherchieren. Das Ergebnis ist das jetzt vorgelegte Buch.

Im Laufe der Jahre arbeitete Köhler immer wieder an dem Manuskript zu dem Buch. Er führte Zeitzeugengespräche, forschte in der Dorfchronik von Uissigheim und im Generalbundesarchiv Karlsruhe.

Vor kurzem erschien das 88-seitige Taschenbuch mit dem Titel „Johann Ebel – ,Es ergreift mich ein heiliger Zorn …’. Biografie eines Zentrumsgeistlichen aus der NS-Zeit“.

„Dorfpfarrer mit Leib und Seele“

Darin zeichnet er das Leben eines „Dorfpfarrers mit Leib und Seele – und mit Ecken und Kanten“ nach. Mit dieser kleinen Biografie will Köhler „eine Lücke in den jeweiligen Ortschroniken schließen“. Das Buch ist leicht verständlich geschrieben, die historischen Angaben sind hinreichend durch Quellen belegt.

Johann Ebel wurde am 19. Oktober 1887 in Osterburken geboren. Er besuchte dort die Volksschule, dann das Realgymnasium in Buchen, anschließend das Gymnasium in Tauberbischofsheim. Nach einem dreijährigen Theologiestudium in Freiburg trat er ins Priesterseminar in St. Peter im Schwarzwald ein. Am 2. Juli 1913 wurde Ebel ordiniert.

15 Jahre arbeitete er als Kaplan in den Gemeinden von Hundheim, Höllstein, Oberkirch, Ladenburg, Mannheim (Liebfrauenpfarrei), Tauberbischofsheim und Kirchzarten. Am 29. Januar 1929 trat er die Stelle des Pfarrverwesers in Uissigheim an, bevor er im Juli 1933 in gleicher Funktion nach Lembach im Südschwarzwald versetzt wurde. Erst nach 15 Jahren wurde er auf diese Pfarrei investiert. Er unterrichtete Religion in Schwaningen und in benachbarten Ortschaften.

Er starb nach einem Schlaganfall am 8. Juli 1965 im Krankenhaus Stühlingen. Sein Grab befand sich bis vor wenigen Jahren auf dem alten Friedhof in Osterburken.

Kirche nicht beflaggt

„Auf Grund schwerwiegender Beleidigungen gegen die Reichsregierung ist gestern abend der hiesige Ortspfarrer Ebel im Auftrage der Staatsanwaltschaft verhaftet worden. Noch im Laufe des Abends wurde Pfarrer Ebel in das Amtsgefängnis Tauberbischofsheim überführt“, war in der „Wertheimer Zeitung“ vom 19. April 1933 zu lesen. Drei Tage lang hielt man den Pfarrer in Schutzhaft. Vermutlich, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, versetzte die Kirchenverwaltung Ebel ins südbadische Lembach. Doch auch dort eckte der Zentrumsgeistliche mit der Obrigkeit an. So warf man ihm ein Vergehen gegen das Reichsflaggengesetz vor, weil er die Kirche nicht beflaggt hatte.

Und auch in seinen Predigten konnte er sich nicht zurückhalten. So kritisierte er zum Beispiel die Rassegesetze: „Wenn bei einem Menschen vor 150 Jahren ein Tropfen fremdes Blut hineinfloß, so wird er heute verächtlich gemacht. Sagt, Christen, ist das nicht ungerecht?“ Auch soll er Schüler kritisiert haben, die einer Religionsstunde fernblieben, um im Volksempfänger eine Führerrede zu hören: „Am jüngsten Tage wird es sich herausstellen, was wichtiger war, die Führerrede oder eine Religionsstunde.“ Dass Ebel seine Reden ohne Manuskript hielt, war sein Glück. Denn so ließ sich deren genauer Wortlaut nicht zweifelsfrei feststellen. Und auch, wann die beanstandeten Äußerungen gefallen sein sollten, konnten die Spitzel und NS-Parteigänger nicht immer zweifelsfrei feststellen.

Mit Fantasie und Geschick gelang es dem Pfarrer bei Verhören immer wieder, seine Worte in einen anderen Zusammenhang zu stellen. Oder er stritt einfach ab, sich in der vorgeworfenen Weise geäußert zu haben. Im Jahr 1940 profitierte er außerdem von einem „Gnadenerlass des Führers und Reichskanzlers für die Zivilbevölkerung“. Ihm wurde bei dieser Entscheidung zugutegehalten, „dass sich der Beschuldigte bei seinen Predigten sichtlich zurückgenommen“ habe.

Nach dem Krieg mögen sich zwar die politischen Verhältnisse in Deutschland geändert haben, nicht jedoch das Naturell des aus Osterburken stammenden Pfarrers. Wie Zeitzeugen berichteten, habe er während einer Predigt immer wieder „mit der Faust auf die Kanzel gehämmert.“ Und auch das kirchliche Verbot, freitags kein Fleisch zu essen, habe er streng überwacht.