Ratgeber

Digitalisierung

Der wachsende Online-Handel und die Folgen

Archivartikel

Beim Einkaufen ist alles nur noch einen Klick weit entfernt, der Online-Handel boomt wie selten zuvor. Auch weil sich das Konsumverhalten in diese Richtung bewegt. Folgenlos bleibt die Entwicklung allerdings nicht nur im positiven Sinne.

 

E-Commerce boomt weiter

Es ist ein offenes Geheimnis, daher können die Zahlen zur aktuellen Entwicklung des Online-Shoppings kaum überraschen: Das Einkaufen über das Internet wird in vielen Bereichen immer beliebter, dennoch ist ein Ende des Wachstums kaum abzusehen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Branche in einigen Zweigen nach wie vor einiges an Boden gutzumachen hat, will sie mit dem stationären Handel auf Augenhöhe konkurrieren.

Der hat vor allem in puncto Service und Beratung noch die Nase vorn, spürbar ist der anhaltende Erfolg des Online-Handels für die Händler vor Ort natürlich trotzdem. Gerade die Modebranche muss sich verstärkt mit der digitalen Konkurrenz auseinandersetzen, das erste Halbjahr 2018 ist für die Modehändler von rückläufigen Zahlen bei Umsätzen und Kunden geprägt. Betroffen sind davon selbst die großen Ketten, die eben nicht nur den vergleichsweise kurzen Frühling zu verkraften haben. Hinzu kommen strukturelle Probleme und nicht zuletzt das Abwandern der Verbraucher zu den Online-Händlern.

Unter diesen Voraussetzungen scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch die bislang noch weitgehend dem stationären Handel vorbehaltenen Branchenzweige ebenfalls mehr und mehr von digitalen Angeboten durchsetzt werden. Der Online-Handel entwickelt sich, auch wegen der „internen“ Konkurrenz, ständig und schnell weiter, in den Einkaufsstraßen hingegen ist davon nur wenig zu spüren. Noch dazu drängen die Online-Händler genau dorthin, vor allem die Branchen-Riesen versuchen, in den Fußgängerzonen näher am Kunden zu sein.

Die Tendenz der neueröffneten Filialen, hinter denen Online-Shops stehen, ist ebenfalls steigend. Das ist vor allem eine Reaktion darauf, dass das Ausprobieren bestimmter Produkte vielfach kaufentscheidend, im Internet aber nicht, oder nur mit großen Einschränkungen, insbesondere bei haptischen Erfahrungen, möglich ist. Der stationäre Handel wird somit gewissermaßen mit den eigenen Waffen geschlagen.

Branchenwachstum dank verändertem Konsumverhalten

Möglicherweise zeigt sich daran, dass die Online-Händler einfach besser verstehen, wie genau die Bedürfnisse der Kunden heutzutage aussehen. Ganz sicher ist das einer der Gründe für den anhaltenden Boom von Online-Shops: Einkaufen, bezahlen, Terminabsprachen: Im Internet ist das alles mit wenigen Klicks erledigt, ganz bequem von zu Hause oder unterwegs aus, zu jeder Zeit. Für viele Verbraucher ist das eine Erleichterung, weil sich der Einkauf auf diese Weise besser und komfortabler in den Alltag integrieren lässt. Keine weiteren Wege sind notwendig, der Zeitaufwand schon dadurch merklich geringer, das sind alles Faktoren, die die Waage zugunsten des Online-Handels ausschlagen lassen.

Überhaupt war das Umfeld nie günstiger, mit der Digitalisierung auf der einen und dem Mobil-Trend auf der anderen Seite als zwei der größten Antreiber für die Online-Märkte. Dass der stationäre Handel von diesen Trends ebenfalls profitieren, oder: noch mehr profitieren könnte, beeinflusst die Rechnung derzeit noch wenig. Am Ende sind es ohnehin die Kunden, die es als ausschlaggebenden Faktor zu überzeugen gilt. Helfen könnte hierbei auch der Hinweis auf die Folgen, die der Aufschwung des Online-Handels eben nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht mit sich bringt.

Digitales Einkaufserlebnis mit Konsequenzen

Schließlich ist bewusster Konsum schon seit einigen Jahren ein großes Thema: Weniger Verschwendung und Müll, dafür nachhaltiger Einkauf von regionalen Produkten, alles vor dem Hintergrund, mit jeder Kaufentscheidung einen Beitrag leisten zu können zur Schonung von wichtigen Ressourcen und damit der Umwelt. Bislang schien der Online-Handel in dieser Hinsicht einen Vorteil zu haben, zumindest im Hinblick auf die CO2-Bilanz.

Die Rechnung, die dahintersteht, ist denkbar einfach: Ein Paketlieferdienst kann mit nur einem Fahrzeug eine nicht unbeträchtliche Menge an Kunden beliefern. Umgekehrt müssten aber alle diese Kunden zu den jeweiligen stationären Händlern kommen, wozu in den meisten Fällen das eigene Auto genutzt wird. Dazu müssen die stationären Händler ihrerseits für die Anlieferung und Lagerung der gewünschten Güter sorgen. Insgesamt also ein deutlich höherer Aufwand mit einem ebenso deutlich höheren Verbrauch von Ressourcen.

Studie: Energieverbrauch beim E-Commerce steigt, aber aus vielen Gründen

Tatsächlich ist der Energieverbrauch für Zustellung und Transport der unzähligen Pakete aber nur ein Teilaspekt, wenn es um die Umweltfolgen des boomenden Online-Handels insgesamt geht. Eine gemeinsame Studie der Europa-Universität Viadrina und der Leipzig Graduate School of Management bestätigt sogar, dass durch das Online-Shopping die Gesamtkilometerzahl, die für den Erhalt der Ware notwendig ist, gesenkt werden kann, trotz des zunehmenden Lieferverkehrs. Der Grund liegt im oben schon beschriebenen Wegfall privater Fahrten, was wiederum Energie spart.

Letztere Entwicklung fällt laut den Autoren der Langzeitstudie unter die Auswirkungen, die nicht direkt mit dem Online-Handel zusammenhängen. Eine Folge zweiter Ordnung ist eben die sinkende Zahl von Fahrten zu Kaufhäusern, eine Konsequenz dritter Ordnung wäre zum Beispiel ein Zugewinn an Freizeit: Wenn weniger Zeit dafür aufgewendet werden muss, die Einkäufe zu erledigen, bleibt im Umkehrschluss mehr Zeit zur freien Verfügung. Zeit, die eben häufig mit Tätigkeiten gefüllt wird, die ihrerseits Energie verbrauchen. Wozu wiederum das Online-Shopping selbst zählt.

Komplexe Zusammenhänge bei der Ökobilanz

Wenn es darum geht, die ökologischen Auswirkungen des E-Commerce möglichst ganzheitlich zu erfassen, werden die Zusammenhänge deutlich komplexer. Ein wichtiger Faktor in der Ursache-Wirkungskette, die Verbraucher selbst. Die beeinflussen aber beispielsweise den Energieverbrauch nicht erst in ihrer Freizeit. Fraglich ist beispielsweise, ob die getätigten Online-Bestellungen wirklich im erhofften Maße zu einem Verzicht auf private Fahrten führen.

Vielfach ist stattdessen davon auszugehen, dass bestimmte Produkte doch vorab im Laden aus- oder anprobiert werden, nicht zuletzt wegen des bereits angesprochenen direkten Beratungsangebots vor Ort. Wird anschließend dann doch online eingekauft, unter anderem deshalb, weil hier mitunter wesentlich günstigere Preise erzielt werden können, hat sich der logistische Aufwand bereits verdoppelt. Dazu kommt ein anderes Problem: die digitale Ungeduld.

Die entspringt im Grunde genommen der Einkaufserfahrung, wie sie vom Shopping im stationären Handel bekannt ist: Ausgesuchte Waren sind sofort verfügbar, können gleich nach dem Bezahlen mit nach Hause genommen werden, ohne längere Wartezeiten. Zwar versucht der Online-Handel, durch unterschiedliche Versandmöglichkeiten die Zeiträume zwischen Bestellung und Erhalt der Lieferung so kurz wie möglich zu halten. Aber vor allem die große Auswahl an Artikeln verschiedenster Kategorien erweist sich, obwohl eigentlich einer der wichtigsten Vorteile des Online-Handels, in dieser Hinsicht als problematisch.

Wenn neben Lebensmitteln auch Elektronikartikel und Bekleidung in den Warenkorb wandern, ist die Wahrscheinlichkeit groß, nicht alle bestellten Produkte in einer einzigen Sendung zu erhalten. Der Zeitdruck verhindert in solchen Fällen, dass die Warenströme zusammengeführt werden können, sofern diese Möglichkeit nicht bei den Versandoptionen ausgewählt wird. Die Folge sind mehr Einzelsendungen, die aus verschiedenen Gründen kritisch zu betrachten sind. Zum einen sind die Last- und Lieferwagen dadurch selten ganz ausgelastet, zum anderen müssen diese häufiger ausrücken.

Für die Logistik der Zukunft stellen sich damit aller Voraussicht nach immer größere Herausforderungen, wenn sie mit dem Wachstum des Online-Handels mithalten will. Denkbare Szenarien werden von Seiten der Zusteller zwar bereits durchgespielt, die konkrete Entwicklung bleibt aber noch abzuwarten und ist überdies nicht nur von technischen Fortschritten abhängig, sondern gleichermaßen davon, wie sich das Kaufverhalten zukünftig gestalten wird.

Verbraucher wirken mit am Energieverbrauch

Am Ende sind es also zu einem nicht unerheblichen Teil die Verbraucher, die die Ökobilanz des Online-Handels mitverantworten. Daher ist es schlichtweg nicht möglich, den Energie- und Ressourcenverbrauch zum alleinigen Problem der Online-Händler zu erklären. Erforderlich ist vielmehr ein bewussteres Konsumverhalten. Das fängt aber nicht erst bei der Auswahl ökologisch-unbedenklicher, fairer Produkte an, sondern bereits bei der Entscheidung, auf welchem Weg diese bezogen werden sollen.

Insofern ist es auch nur die halbe Wahrheit, wenn Studien wie die oben genannte dem Online-Handel als solchem eine schlechte Ökobilanz attestieren. Wobei die Autoren aus Frankfurt an der Oder und Leipzig solche Aussagen über den erhöhten Energieverbrauch im Zuge des wachsenden E-Commerce gleich wieder relativieren: In der Konsequenz stimmt das zwar, allerdings lässt eine derart pauschale Formulierung weitgehend im Dunkeln, wie weitreichend Ursachen und Wirkung hierfür letztendlich sind. Sowohl Online-Händler als auch Konsumenten stehen in der Verantwortung, um das Online-Shopping, unter wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten, wirklich sinnvoll zu gestalten.