Rhein-Main-Neckar

Leserbrief Zum heutigen Weltlehrertag

„Billig-Noten-Anstalten als Bildungsfluch“

Der Schwimmkurs „Halligalli-Locker-Flockig“ kann sich vor Anmeldungen kaum retten. Der Schwimmlehrer ist ’ne coole Socke, der Geschäftsführer stets guter Laune und Zertifikate gibt es auch. Der Ansturm ist enorm, die coole Lehrer-Socke braucht ein Megafon, das (Plansch-)Becken platzt aus allen Nähten.

Wer eine viertel Stunde durchhält, bekommt den „Schwimmer in Bronze“, bei einer halben „Silber“ und wer dabei noch mit den Füßen strampelt, „Gold“. Nach ein bis zwei Jahren sind die meisten „Schüler“ von ihren Schwimmfähigkeiten felsenfest überzeugt, zertifiziert ist zertifiziert. Ein paar hundert Meter fließt ein breiter Fluss. Zu ihm eilen die frisch Zertifizierten breitbrüstig und stürzen sich lachend in die Fluten. Das war’s! Nicht anders das Geschäftsmodell der Billig-Noten-Schulen. Eltern, die nur auf geschönte Noten starren, Schüler, die für jeden Mist noch mindestens ein „Ausreichend“ erwarten, Lehrer, die dies bieten, um keinen Stress zu haben, und Schulleitungen, die diesen Betrug fördern oder wenigstens augenzwinkernd die Richtung signalisieren. Eltern und Lehrer, die nicht mehr Eltern und Lehrer sein wollen, sondern sich als Kumpel der Jugend anbiedern. Meine beiden Triaden sind „out“: Ehrgeiz, Wille, Fleiß und Disziplin, Entschlossenheit, Beharrlichkeit. Ich erreichte Schüler nicht mehr, die in Gleichgültigkeit, Desinteresse und Faulheit Lebenszeit gelangweilt totschlugen, – eine Gleichgültigkeit, die mein Engagement tötete, um nicht zu sagen – mordete.

Die Gnade der frühen Geburt ließ mich regulär in die Pensionierung flüchten – wie andere engagierte Lehrkräfte durchhalten wollen, ist mir ein Rätsel.

Vor kurzem traf ich eine ehemalige Schülerin meines Psychologie-Kurses. Sie rief freudestrahlend: „Stellen Sie sich vor, ich schließe gerade mein Magister-Studium ab – und das verdanke ich zum Teil Ihnen!“

Sie war in meinem Psychologie-Unterricht an ihre Grenzen gekommen, sie erfuhr, wozu sie fähig ist, sie lernte sich zu vertrauen, zu kämpfen und Ziele zu erreichen. Ihr rufe ich zu: „Ich habe stets an dich geglaubt! Ich bin stolz auf dich!“ Arme Schüler, die in unserer Billig-Noten-Welt nie an ihre Kraftquellen geführt werden, die nicht im Grenzbereich von Anforderung, Verzweiflung und Gelingen zu Persönlichkeiten reifen, reif für ein gelingendes Leben.