Rhein-Main-Neckar

Im Deutschordensschloss 29-jähriger Pianist Alexander Krichel brillierte bei seinem Konzert in Bad Mergentheim

Feuerwerk hochvirtuoser „Klavierkunst“

Viel Beifall, im Stehen gespendet, belohnten den Pianisten Alexander Krichel für seinen jüngsten, dem nunmehr vierten und fast schon erwartungsgemäß wieder außergewöhnlichen Auftritt im zu diesem Anlass wieder gut besuchten Roten Saal des Deutschordensschlosses in Bad Mergentheim. Der 29-jährige Hamburger zählt mittlerweile nicht nur zu den meist beachteten, schon vielfach ausgezeichneten Musikern seiner Generation mit weltweiter konzertanter und solistischer Tätigkeit und mittlerweile sechs CD-Veröffentlichungen, sondern beeindruckt die Fachwelt mit dem geistigen Rang und der ungewöhnlichen Reife seiner Interpretationen.

Der Pianist präsentierte sich im Roten Saal mit seinem sympathisch jungenhaften, ungezwungenen Auftreten wie ein guter alter Bekannter, im dunklem Anzug mit offenem Hemdkragen eher alltäglich als feierlich, und war sich nicht zu schade, dem Programm des Abends in lockerem Plauderton einige ausführliche Erläuterungen voranzuschicken.

„Isoldes Liebestod“

Im Zentrum standen diesmal in Form von Maurice Ravels Klaviersuite „Le Tombeau de Couperin“ und Robert Schumanns symfonischen Etüden op.13 zwei wichtige Standardwerke der Klavierliteratur, dazu auf vielfachen Wunsch als besonderer, nicht angekündigter Leckerbissen „Isoldes Liebestod“ für Klavier – für den einen oder anderen Besucher vielleicht der eigentliche Höhepunkt des Abends.

Maurice Ravels Komposition war ursprünglich als musikalisches „Grabmal“ für den Cembalisten Francois Couperin und generell als eine Reverenz an die französische Barockmusik des 18. Jahrhunderts gedacht. Da sie in den Jahren des Ersten Weltkriegs entstand, bekam sie in Folge eine zusätzliche Widmung durch den Komponisten für sechs seiner in diesem Krieg gefallenen Freunde und Bekannten.

Barocke Tänze dienen hier als Ausgangspunkt, doch Geist und Stil der Komposition sind nicht historisierend, sondern auf der Höhe der damaligen Entstehungszeit, das heißt, mit changierenden impressionistischen Klangfarben, innovativer Harmonik, ideenreicher Rhythmik und dazu keineswegs schwer und düster, sondern geprägt von einer inneren Ruhe und Abgeklärtheit, ja oft Heiterkeit, gelegentlich auch von augenzwinkernden Humor.

Kennzeichnend für das außergewöhnliche Potenzial des Interpreten Krichel war bereits die Art, wie er jedem der sechs Sätze seinen eigenen Stempel aufdrückte, bereits im brillanten Vorspiel mit seinen impressionistisch flimmernden 16tel Ketten nichts verschwimmen ließ, sondern deutlich artikuliert – und dazu mit kraftvollem Elan – die Verläufe nachzeichnete. Energiegeladenheit, Sensibilität und Intelligenz verbinden sich dabei zu einer überzeugenden Charakterisierungskunst.

Leuchtende Klarheit

Das Mechanische und Zeremonielle der folgenden Fuge, in dem wohl auch etwas Spott über die Zunft der Musiktraditionalisten enthalten ist, wurde so zwingend herausgearbeitet wie die leuchtende Klarheit und Heiterkeit der „Forlane“, die übermütige, martialische, durch einen nachdenklichen Mittelteil unterbrochene Lustigkeit im „Rigaudon“ und die wunderbare Grazie und Anmut des dynamisch verhaltenen Menuetts. Zugleich wird das Tänzerische – erkennbar auch an den durchweg zügigen Tempi – nicht vernachlässigt.

Das Finale in Form einer vierminütigen Toccata mit besessener Motorik war nicht nur eine Demonstration der phänomenalen Virtuosität des Pianisten und seines kaum weniger erstaunlichen Durchhaltevermögens, sondern auch seines erstaunlichen Reichtums an Farben und Anschlagsnuancen auf der vollen Bandbreite der dynamischen Skala.

Robert Schumanns 1834 entstandene „Symphonische Etüden op.13“ gehören zu den ersten Werken, in denen die Etüde, das heißt, das mit technischen Höchstschwierigkeiten gespicktes Übungsstück für den angehenden Pianisten, mehr ist als nur ein quasi sportliche Herausforderung, sondern auch eigenständigen musikalischen Gehalt vorweisen kann. Sie sind in Variationenform gehalten (das cis-moll Ausgangsthema stammt von einem Freiherr von Fricken, der beinahe Schumanns Schwiegervater geworden wäre) und umfassten ursprünglich zwölf Nummern, fünf weitere, die ihr Komponist ausgesondert hatte, wurden später postum veröffentlicht – Alexander Krichel fügte sie als gesonderten Teil in seine Vorstellung mit ein.

Was in diesen Etüden vom Pianisten an rein technischem Können gefordert wird, ist vielfach enorm und war damals an der Grenze des Spielbaren, doch es spricht für die Kunst des Komponisten Schumann, dass die Schwierigkeiten natürlich den Spieler fordern, aber kaum für den Hörer zum Problem werden – er bekommt einfach ein in immer neuen Varianten sich auffächerndes Feuerwerk romantisch-hochvirtuoser, immer wieder beglückender Klaviermusik.

Dass der Interpret des Abends die technischen Hürden souverän meistern würde, war zu erwarten, gleichwohl tat er dies mit solch entschlossenem Gestaltungswillen und solch imponierender persönlicher Präsenz und Ausstrahlung, dass über die Dauer einer guten halben Stunde die Wirkung im Roten Saal nicht nachließ und man von der feierlichen Andante-Vorstellung des Themas bis hin zum gewaltig aufgetürmten Final-Allegro mit seinen grandiosen Steigerungen (trotz der zusätzlich eingefügten Nummern) des Zuhörens nicht müde wurde.

Gefürchtete Kabinettstückchen

Dazu trugen nicht nur die bekannten und gefürchteten Kabinettstückchen wie die dritte Etüde mit ihren irren 32steln im Diskant oder die „presto possibile“ überschriebene neunte Etüde bei, sondern auch der Einschub der fünf nachgelassenen Stücke, wo die Technik in den Hintergrund tat und sich ein ganz eigener hochromantischen Stimmungszauber entfaltete.

Zauberhaft oder anders noch: magisch verzaubernd war auch, was der Pianist aus der berühmten, von Franz Liszt geschaffenen Bearbeitung von „Isoldes Liebestod“ (dem Finale von „Tristan und Isolde“) schon vor der Pause herauszuholen verstand.

Zweifellos – Alexander Krichel versteht sich aufs Pathos und auf das Spektakuläre, das heißt, die Essenz der romantischen Oper, doch erschöpft sich das nicht in vordergründigem Auftrumpfen, es ist die Folge einer inneren dramatischen Entwicklung. Der sich nach Vereinigung sehnende Diskant und die rollenden Donner der tremolierenden Bässe, ihr Anschwellen und Abflauen sind das klanggewordene mit Worten nicht mehr Sagbare, und auch in dem pianissimo ersterbenden, ausdrucksvoll hingezogenen Ende vom Lied gelang dem Pianisten großes Musiktheater.

Die minutenlangen Ovationen im Roten Saal verlangten natürlich eine Zugabe. Allzu gewichtig konnte sie nach diesem anstrengenden Konzert nicht mehr sein, aber immerhin bekam man noch wie vor zwei Jahren in Form seines „Lullabye“ eine reizende Eigenkomposition von Alexander Krichel zu hören.