Rhein-Main-Neckar

Büchner-Preisträger Heute vor 20 Jahren starb der berühmte Schriftsteller / Seine prägenden Kindheitsjahre hat er in Künzelsau verbracht

Hermann Lenz und sein Sehnsuchtsort Hohenlohe

Archivartikel

Hohenlohe ist für den Schriftsteller Hermann Lenz stets ein Sehnsuchts- und Heimatort gewesen. Geboren wurde er zwar am 26. Februar 1913 als Schwabe in Stuttgart, die prägenden Kindheitsjahre aber hat er in Künzelsau verbracht.

Der Vater, ein Zeichenlehrer, war 1912 in die Provinz versetzt worden – und die Familie folgte ihm kurz nach der Geburt des Sohnes.

In seinem autobiografischen Roman „Verlassene Zimmer“, in dem der Vater Hermann heißt und der Sohn den Namen Eugen trägt, schildert Lenz, welchen Eindruck das Städtchen den Neubürgern machte: „Künzelsau verbarg sich hinter Wäldern, als Endstation einer eingleisigen Bahnlinie. Die Lokomotive läutete und schrie, es hing das Laub dicht vor den Fenstern, ein sonnenbeschienenes Buchenlaub, da und dort durchwoben mit Tannenzweigen; Hermann sagte, österreichische Schwarzkiefern seien auch darunter, und wenn es jetzt so tief hinein und auch hinunter gehe mit der Bimmelbahn, dann denke er: allen Hähnen die Hälse umdrehen und keine Glocken mehr läuten lassen, das helfe den Künzelsauern viel, wenn einmal Krieg sei; dann finde die doch keiner mehr in ihrem Eulenkräut.“

Glückliche Kindheitswelt

Man sieht: Aus dem Vater spricht der Großstädter, dem das Land doch recht verschlafen vorkommt – „im Eulenkräut“ bezeichnet einen verwunschenen, abseitigen, ganz und gar entlegenen Ort. Das waren genau die Eigenschaften, die dem kleinen Hermann Lenz am Hohenlohischen gefielen – und die er noch Jahrzehnte später mit der ihn verträumt anmutenden Region verband. Immer wieder wendet er sich in seinen Büchern dieser glücklichen Kindheitswelt zu, die in ihrer Abgeschiedenheit und Kargheit die Fantasie anregte, der eigentliche Geburtsort des Schriftstellers Hermann Lenz und ein Trost gegen die Schwermut geworden ist: „Sie gingen anderntags nach Niederstetten. Es zeigte sich das Land mit seiner Weite. In der Ferne lagen Wälder, und vor ihnen waren gelbe und fast weiß gebleichte Kornfelder ausgedehnt, deren Ähren dicht beisammenstanden. Die Grannen der Gerstenähren schienen sich im Windhauch zu verweben. Das Land war ernst und still. In den Feldern stand ein Schafhaus, das dunkel herüberschaute.“

Die Landschaft und das damit verbundene, die Kinderzeit heraufbeschwörende Gefühl scheinen für Hermann Lenz das Hohenlohische zu seinem Orplid zu machen, zu jener mythischen Insel, die Eduard Mörike sich als Paradies ersonnen hat: „Es muss im Sommer 1922 gewesen sein, da fuhren wir von Künzelsau nach Schöntal in der Kutsche eines Bierbrauers“, schreibt Lenz in dem Bildband ‚Im Hohenloher Land’. „Weil helles Wetter herrschte, war das Verdeck zurückgeklappt, und ich saß in der Ecke, wo beim Fahren Zweige mit grünen Äpfeln vorbei streiften. Da griff ich dann in die Blätter hinein, wollte aber keinen der unreifen Äpfel herabreißen, sondern nur die kühlen Blätter spüren und hinausschauen auf die Ährenfelder, die als gelbe Blöcke hinter den Bäumen neben der Landstraße standen. Die Räder knirschten auf der weißsandigen Straße, und manchmal hoppelten sie bei einem Schlagloch.“

Auch in seinen Briefen an Peter Handke, die unter dem Titel „Berichterstatter des Tages“ 2006 erschienen sind, ist der Dichter noch immer beseelt, wenn er als Reisender an die Stätten der frühen Jahre zurückkehrt: „In Langenburg kaufte ich mir am ersten Urlaubstag das Papier, auf dem ich dies schreibe, und nahm mir vor, sofort Dir zu schreiben.

Aber dann war das Wetter hell und warm, und wir gingen von Langenburg nach Schloss Morstein und zur Ruine Leofels (aus staufischer Zeit, sapperlot). Hernach wurde es kalt und regnete sieben Tage. Schon in der Frühe wimmelte es von Regentropfen in der Pfütze vor unserem Häuschen, denn wir bewohnten ein vom Besitzer des Gasthofs zur ‚Post’ erbautes Ferienhaus mit Propangas-Heizung und Fernsehapparat. Im Oberstock unterm Dach hätte ich Dir schreiben können, kritzelte aber statt dessen ins Notizbuch und freute mich aufs Essen im Gasthof; denn der Wirt dort ist ein exzellenter Koch (vielmehr seine Frau) und Erzähler, der vom Leben im Schloss berichtete, sozusagen augenzwinkernd. In unseren Regenplanen, mit Schirmen bewaffnet, fuhren wir nach Künzelsau, wo ich aufgewachsen bin...“

Die Idylle blieb dem kleinen Hermann nur bis ins Jahr 1924 – dann ging es zurück nach Stuttgart, wo Lenz bis in die 1970er Jahre hinein lebte.

„Autostinkendes“ München

Danach folgte ein Umzug ins „große“, „autostinkende“ München, eine erzwungene Veränderung in einem Leben, das auf Stetigkeit angelegt war. 1978 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Im Alter von 85 Jahren am 12. Mai 1998 – vor genau 20 Jahren – ist Hermann Lenz gestorben.

Seine Romane, Erzählungen und Gedichte aber bleiben als Ausdruck einer Sehnsucht.