Rhein-Main-Neckar

Mainfranken Theater Würzburg Uraufführung des Stücks „Sisyphos auf Silvaner“ von Gerasimos Bekas / Lacher bleiben schon mal im Hals stecken

Mainfränkische Schrulligkeit aufs Korn genommen

Mit der Uraufführung seines Stücks „Sisyphos auf Silvaner“ in der Kammer am Mainfranken Theater Würzburg ließ der 1987 geborene Deutschgrieche Gerasimos Bekas als Leonard- Frank-Stipendiat eine Sagengestalt der griechischen Mythologie aufleben, die mit viel Geschichtswissen mainfränkische Schrulligkeit und Weinseligkeit aufs Korn nimmt. Die Lacher des Publikums bleiben schon mal im Hals stecken, weil mit viel Hintersinn einige dunkle Seiten fränkischer Gemütlichkeit aufgeblättert werden.

Begonnen hatte Bekas das von Regisseur Albrecht Schroder auf die Bühne gebrachte Werk während seiner Zeit als Student der Politikwissenschaft in Würzburg und Bamberg.

Bastian Beyer spielt mit Verve den wartenden Sisyphos, der an einem Wartehäuschen in der Sanderau auf die zum Hauptbahnhof fahrende Straßenbahn wartet. Er will der Weinstadt endgültig den Rücken kehren, muss aber widerwillig noch an Ort und Stelle eine improvisierte Abschiedsparty über sich ergehen lassen, auf der Franconia (Lenja Schultze) und Chorus (Anton Koelbl) ihn mit Mühe zu einem Glas Silvaner überreden können. So etwas wie das ewige Rollen des Steins muss für Sisyphos die Arbeit in dem von ihm gegründeten Unternehmen „Sisyphos Recycling GmbH“ gewesen sein.

Fast entschuldigend gerät die Erklärung des allein den Chor repräsentierenden Freundes, der eigentlich den Abschied statt mit Fähnchen, Luftballons und Kofferradio gerne etwas größer gefeiert hätte: „Der Intendant hat etwas von Mischkalkulation gesagt.“ Auch Franconia muss sich erklären, weil sie das Gefühl hat, dem Publikum schon „mindestens einen Bocksbeutel voraus“ zu sein. Die Schuld, dass man keinen Kuchen mehr backen könne, wird vom feierwütigen Duo dem „lactoseintoleranten Pack“ in die Schuhe geschoben.

An der Idylle seiner neuen Heimat bekommt Sisyphos bei einem Rückblick in die Vergangenheit schon bald erhebliche Zweifel und die Gastgeber skandieren unverblümt: „Da waren wir eins, zwei, drei im Nu ganz judenfrei.“

Das Grauen der Bombardierung Würzburgs wird nicht ausgespart, wobei Sisyphos bei der Ursachenforschung den Finger in die noch immer nicht verheilten Wunden legt, während Franconia und der Chor ihre Rolle im Widerstand gebührend herausstellen.

Barscher Dialog

Sisyphos fühlt sich in diesem barschen Dialog so heimatlos wie noch nie und beschreibt resignierend seine Vorstellung von Heimat: „Heimat ist da, wo es wehtut, dass einen keiner kennt.“

Einziger Nachteil des intensiven Abends, der Gemüt und Intellekt anzusprechen vermag, ist die diffus bleibende Zeichnung der Charaktere dieses abenteuerlichen Plots. Er lässt Sisyphos auf ewig in Würzburg verharren, weil er das marode Dach des Wartehäuschens gerade noch vor dem Einsturz bewahrt, so wie Atlas als Strafe für die Teilnahme am Titanenkampf das Himmelsgewölbe stützen muss. Prestigeträchtiger hätte der Autor den Protagonisten an die Prometheus-Figur auf dem Dach der Neuen Universität anketten können, wo die Fackeln des geistigen Fortschritts hochgehalten werden.

Mit dem unbequemen Quergeist Sisyphos lotet Bekas die hauchdünne Grenze zwischen Biedermann und Brandstifter aus. Ob es das Elend nach der Zerstörung Würzburgs oder der Umgang mit den ins Land geholten Gastarbeitern zum Aufbau des Wirtschaftswunders ist; immer gelingt es Regisseur Albrecht Schroeder mit seinem Team (Susanne Hoffmann, Karolotta Matthies und Antonia Tretter), die oft sprunghaften Assoziationen mit geschickten Einfällen und Musik (Nicki Frenking) in Szene zu setzen.

Playback der hohlen Phrasen

Ein Höhepunkt des Stücks ist das Playback der hohlen Phrasen des stellvertretenden dritten – oder vierten? – Bürgermeisters, bis Sisyphos’ Jagd nach dem Stromstecker von Erfolg gekrönt ist. Etwas lang gerät dagegen die Zeitschleife einer Variante von „Und täglich grüßt das Murmeltier“, als Sisyphos mit der Götterstimme aus dem Off ohne rechten Plan darüber sinniert, wo er denn eine neue Heimat in Europa finden könne.