Rosenberg

Nachruf Paul Niedermann, einer der letzten Überlebenden des Internierungslagers Gurs, ist gestorben

„Für eine friedliche Gesellschaft!“

Archivartikel

Sindolsheim.Paul Niedermann ist am 7. Dezember 2018 bei Paris verstorben. Als einer der letzten Überlebenden des Internierungslagers Gurs war er durch seine Zeitzeugenvorträge weit über seine Heimatstadt Karlsruhe hinaus bekannt. Regelmäßig besuchte er auch Sindolsheim, das Heimatdorf seiner Eltern und Tanten, bei denen er im Kindesalter seine Ferien verbrachte und bis zu seinem Tod haltende Freundschaften schloss und die Familie Stätzler häufig besuchte. Anlässlich der Stolpersteinverlegung in Sindolsheim am 15. April 2015 schilderte er mit seiner eindringlichen und gleichzeitig auch humorvollen Art die Geschehnisse vor, in und nach Gurs. Bei diesem Besuch wurde ihm das Ehrenwappen von Sindolsheim überreicht.

Letzter Besuch in Sindolsheim

Sein letzter Besuch in seinem geliebten Rosenberger Ortsteil war zur Enthüllung des Gedenksteines für die deportierten jüdischen Mitbürger am 14. Mai 2016. Hier wurde sein Dokumentarkurzfilm „Lichtschimmer in Gurs“ gezeigt und Niedermann verwies in seiner Ansprache wieder darauf, dass die Jugend nichts dazu könne was vor 75 Jahren passiert sei. Aber sie müsse aufpassen, dass solche Greueltaten nicht mehr passieren. Die Gemeinde Rosenberg, die Ortschaftsverwaltung Sindolsheim und der Förderverein Heimat und Kultur Sindolsheim verlieren einen Freund, der mit seinem Humor mitreißen konnte. Er ließ die Verantwortlichen bei der Arbeit begangenes Unrecht an Juden und anderen Minderheiten nicht vergessen.

Die Brüder überlebten als Einzige

Niedermann wurde als Sohn jüdischer Eltern am 1. November 1927 in Karlsruhe geboren, in eine Zeit hinein, in der das Leben für die jüdischen Bürger immer schwieriger wurde, wegen Diskriminierung, Verhöhnung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung in den Gaskammern der Konzentrationslager. Auch Niedermanns Familie war betroffen. Sie wurde, wie viele badischen Juden, am 22. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in den französischen Pyrenäen deportiert. Die Eltern starben später in den Gaskammern der Konzentrationslager im Osten. Niedermann und sein Bruder überlebten, weil sie mit Hilfe des jüdischen Kinderhilfswerks OSE aus dem Lager befreit werden konnten. Nach einer längeren Odyssee durch den Süden Frankreichs kam Niedermann, nachdem er auch eine Zeit lang in Izieu versteckt war, in die Schweiz. Geprägt von all diesen Erfahrungen kehrte er nach dem Krieg zurück nach Frankreich, wo er sich zunächst für die OSE als pädagogische Kraft um jüdische Waisenkinder kümmerte.

Auch wenn Niedermann, wie viele Überlebende des Holocaust, so gut wie nie über seine Erlebnisse sprach und sie damit verarbeiten konnte, nahm er doch sein Leben in die Hand und gestaltete es. Seine optimistische Einstellung half ihm dabei, so dass er später sagen konnte: „Ich hatte ein gutes Leben, ich bin zufrieden damit, auch wenn die ersten Jahre miserabel und schrecklich waren.“ Ein Wendepunkt in seinem Leben war der Prozess gegen den Nazischergen Klaus Barbie in Lyon in den 80er-Jahren. Seine Aussagen dort, vom Richter, wie Niedermann sagte, förmlich aus ihm herausgequetscht, führten dazu, dass er die Angst vor der Erinnerung verlor und danach über das Erlebte sprechen konnte. Die Alpträume, die ihn vorher geplagt hatten, wurden weniger.

Mit der Einladung der Stadt Karlsruhe an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger im Jahr 1988 und der an ihn gerichteten Bitte, ob er denn nicht auch Schülern von seinen Erlebnissen und Erfahrungen berichten könnte, der er zustimmte, begann ein weiterer neuer Lebensabschnitt. Mit großer Leidenschaft wurde er nun zu einem Brückenbauer und Versöhner. Darin sah er seine Aufgabe. 20 Jahre lang kam er zu Veranstaltungen und Zeitzeugengesprächen vor allem in Schulen, auch auf Einladung des Projekts „Erinnern und Begegnen“, später Fachstelle für christlich jüdische Gedenkarbeit der Abteilung Jugendpastoral im erzbischöflichen Seelsorgeamt. Das letzte Mal war Niedermann im Jahr 2016 zu Vorträgen in Baden.

Seine Zuhörer, ob jung oder alt, waren von ihm beeindruckt, von seiner Leidenschaft und seinem Engagement für ein versöhntes Miteinander. Niedermann, der in der deutschen, der französischen und jüdischen Kultur verwurzelt war, der sagen konnte „Ich habe wieder Freunde in Deutschland“, war ein Brückenbauer.

Großen Eindruck hinterließ er bei den jungen Menschen. Trotz all den schrecklichen Erlebnissen, die er zu berichten hatte, gab er den Jugendlichen eine positive Botschaft mit. Er war nicht verbittert. Er setzte auf die Jugend, der er nie Vorwürfe machte. „Euch trifft keine Schuld für das, was damals passierte. Jedoch für das, was heute passiert, dafür tragt Ihr Verantwortung.

Damals, in der Zeit des Nationalsozialismus, konnten wir nicht wählen. Ihr aber lebt hier heute in einer Demokratie. Ihr habt das Wahlrecht, nutzt es für eine gerechte und friedliche Gesellschaft!“, lauteten Niedermanns Worte.