Seckach

30 Jahre Patenschaft Seckach-Schüttwa Eindrucksvolle Gedenkfeier / „Beitrag zur Pflege der Erinnerungskultur an die Geschichte unseres Volkes mit all ihren Höhen und Tiefen“

Erstaunliches in der alten Heimat geleistet

Archivartikel

Seckach.„Die Wunden der Vertreibung heilen langsam“, hatte Diakon Josef Depta schon im Eröffnungsgottesdienst zur 30-jährigen Patenschaft Seckach-Schüttwa bemerkt. Und in der Tat war dies auch beim Totengedenken am Gedenkstein der Schüttwaer unübersehbar. Den meisten standen die Tränen in den Augen, als Franz Metschl in seiner Funktion als Ortsbetreuer von Schüttwa die Namen der in den vergangenen Jahren verstorbenen Landsleute vorlas.

Beifall gab es, als Metschl den Vizevorsitzenden des tschechischen Vereins „Nikolaus“, Ivo Dupsky, begrüßte, der zusammen mit dem Bürgermeister von Ronsberg, dessen Frau und einer neuen, offenen Bürgerschaft von Schüttwa in den vergangenen drei Jahren Erstaunliches in der alten Heimat bewirkt und geleistet und gleich mehrere Träume der Vertriebenen realisiert hat.

„Aufwändig und wunderschön“

So wurde nicht nur der Friedhof hergerichtet und saniert, Dupsky habe es auch geschafft, das Denkmal für Johannes von Schüttwa in dessen Geburtsgemeinde aufzustellen und dann sogar noch den Kirchturm der Nikolaus-Kirche „aufwändig und wunderschön“ sanieren zu lassen. Und das in der Rekordzeit von drei Jahren.

Als „Beitrag zur Pflege der Erinnerungskultur an die Geschichte unseres Volkes mit all ihren Höhen und Tiefen“ bezeichnete Bürgermeister Thomas Ludwig die bereits 30 Jahre andauernde Patenschaft der Gemeinde Seckach mit dem westbömischen (Tschechien-Pilsen) Dorf Schüttwa. Begründet wurde diese am 10. Mai 1988 besiegelte und heute noch recht rege und verbindende Patenschaft durch die Kriegswirren des Zweiten Weltkrieges, als 1945/46 die deutschen Bewohner aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Schüttwa war zuvor nach dem Münchner Abkommen dem Deutschen Reich zugeschlagen worden. Es ist ein kleines Dorf mit dem tschechischen Namen „Sitbor“ (auf Deutsch Schüttwa) im Bezirk Domazlice in der Pilsner Region. Viele Heimatvertriebene hatten mit ihren Nachfahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Seckach eine neue Heimat gefunden.

Gelebt wurde die Patenschaft lange Zeit vor allem in den alle zwei Jahre in Seckach stattfindenden Heimattreffen. Auf dem Seckacher Friedhof wurde eine Schüttwaer Gedenkstätte eingerichtet, um aller Landsleute vom Kirchensprengel zu gedenken, die seit der Vertreibung verstorben sind.

Bürgermeister Ludwig erinnerte an die Anfänge der Patenschaft unter seinem Vorgänger Ekkehard Brand als Motor und Mitorganisator und an die zahlreichen gemeinsamen Veranstaltungen wie Heimattreffen, Gemeinde- und Kirchenfeste.

Gerade in der heutigen Zeit verstehe man die Erinnerung an die Vertreibung auch als Mahnung, dass sich derartige Ereignisse nie mehr wiederholen dürfen. „Krieg ist kein zielführendes Instrument zur Lösung von Konflikten. Gewalt löst immer Gegengewalt aus“.

Die steile Aufwärtsentwicklung von Seckach nach dem Zweiten Weltkrieg sei auch untrennbar mit dem Zuzug von vertriebenen, flüchtenden, ausgebombten und evakuierten Menschen verbunden, sagte das Gemeindeoberhaupt weiter. Die Schüttwaer stünden stellvertretend für alle Heimatvertriebenen und weiteren Neubürger, die gerade in den 50er und 60er Jahren für ein rasantes Wachstum in der Gemeinde gesorgt hatten. Ludwig hob auch das gewandelte Miteinander und die positive Entwicklung der Beziehungen und der Patenschaft hervor.

„Es ist eines der größten Geschenke des letzten Jahrhunderts, dass wir in einem geeinten Europa heute offene Grenzen, Freizügigkeit und gutnachbarliche Beziehungen zwischen den Staaten haben“, erinnerte sich auch Ekkehard Brand, der sich bewundernd über den ungebrochenen Zusammenhalt mit Demonstration von Heimatliebe und Brauchtumspflege der Schüttwaer und über die wunderbaren Wegbereiter Gretl und Franz aus Rothenburg o.T. äußerte.

Bestätigt wurden diese Aussagen auch durch den Ortsbetreuer Franz Metschl, der die Anfänge der Schüttwaer Heimattreffen 1980 resümierte und besonders an das erste überwältigende Treffen im September 1981 im Seckacher Gasthaus „Lamm“ mit 300 Landsleuten erinnerte.

Er dankte Ekkehard Brand für dessen wohlwollende und engagierte Unterstützung mit Patenschaft, Eintrag in das Goldene Buch der Gemeinde und für das Aufstellen der Erinnerungsrelikte wie Gedenkstein mit dem Motiv der Kirche in Schüttwa, einer Linde und dem Kreuz zum Gedenken an die Verstorbenen.

Auch Bürgermeister Ludwig habe sich mit dem Gemeinderat und der Bevölkerung große Verdienste um die Weiterführung der Freundschaftsverbindung erworben.

Besonders erfreut zeigte sich Metschl über die Anwesenheit des tschechischen Gastes. Er hob dessen überdurchschnittliches Engagement zur überraschend positiven Entwicklung von Schüttwa hervor. Dupsky meinte: „Wir alle sind Europa, und das sollten gerade wir Bürger auch leben – und nicht nur die Politiker“. L.M.