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Wo sich Himmel und Erde berühren: Die Wallfahrtskirche „Mariä Heimsuchung“, gemeinhin bekannt als das „Würzburger Käppele“ ist jederzeit einen Besuch wert.

Die Wallfahrtskirche „Mariä Heimsuchung“, bekannt als das „Würzburger Käppele“, grüßt hinunter in das Maintal. Bis heute ist sie Zufluchtsort für Pilger und Hilfesuchende.

Vom Fuß des Nikolausbergs aufwärts führt der Rundweg von etwa acht Kilometer über 333 Treppenstufen empor zur Kapelle, zum Aussichtsturm der Frankenwarte, durch die „Anna-Schlucht“ hinab ins Steinbachtal, den Main entlang zurück.

Natürlich könnten wir mit dem Auto oder Stadtbus hinauffahren. Doch wenn wir erleben möchten, wie das „Käppele“ in seiner bezaubernden Anmut und Leichtigkeit mit Kuppeln und Türmen aus dem grünen Berghang emporwächst, müssen wir ganz unten in der Tiefe des Tales beginnen.

Wenn wir nachempfinden wollen, warum unzählige Pilger im Gebet die Stufen des Kreuzwegs hinaufsteigen, müssen wir in ihre Fußspuren treten, müssen wir selber zu Pilgern werden.

Schmaler Treppenweg

Von der Nikolausstraße aufwärtsschreitend, vorbei an der Steinkopie einer Ölberggruppe von Tilmann Riemenscheider, führt nach wenigen Schritten ein schmaler Treppenweg zu einer Tuffsteingrotte mit eindrucksvoller Darstellung Marias als Schmerzensmutter. Wir erreichen die erste Station des Kreuzwegs von Johann Peter Wagner.

In 14 Kapellen hat der Künstler seine lebensgroßen Figuren aus grünem Sandstein platziert, ihnen Leben eingehaucht und sie zum Sprechen gebracht. Wie auf einer Bühne rollt die Leidensgeschichte Jesu, beginnend mit der Verurteilung bis hin zu seinem Tod, vor unseren Augen ab.

Unter mächtigen Platanen schwingt sich die Treppe von Terrasse zu Terrasse empor, bis wir die leuchtende Fassade der Wallfahrtskirche durch die Zweige schimmern sehen. Der Erdenschwere entrückt, scheinen die schlanken, grazilen Zwiebeltürme den Himmel zu berühren.

Glaubensmut und Gottvertrauen

Die letzten Stufen des Stationsweges enden auf einer weitläufigen Terrasse mit herrlichem Rundblick über die Stadt.

Wir betreten den Kirchenraum und sind umfangen vom Glanz jubelnden Rokokos. Die farbstrahlende Pracht der Deckenfresken von Matthäus Günther setzt sich in der links abzweigenden Gnadenkapelle fort. In einem Glasschrein am Hochaltar steht das nur 58 Zentimeter großen Gnadenbild, das Herzstück der Kirche. Hier, im ältesten Teil der Kirche, finden wir die Anfänge der Marienwallfahrt.

Es war um das Jahr 1640, als ein Mainfischer in seinem Weinberg einen Bildstock aufstellte – die Darstellung der trauernden, ihren toten Sohn auf dem Schoß haltenden, Mutter Maria. Im Schmerz Mariens fanden sich die in den Wirren des 30-jährigen Kriegs leidgeprüften Menschen wieder.

Bald schützte ein einfaches Häuschen das Bild. Immer wieder wurde die Kapelle erweitert, bis 1747 bis 1750 das „Käppele“ in seiner heutigen Form nach den Plänen Balthasar Neumanns entstand.

Anteilnahme

Im anschließenden Mirakelgang lassen uns Menschen aus vielen Generationen Anteil nehmen an ihrer Not, ihrer Verzweiflung, aber auch ihrer Überzeugung: „Maria hat geholfen“. Votivtafeln, selbstgemalte oder gestickte Bilder, handgeschriebene Zettel zeugen von Glaubensmut und Gottvertrauen.

Nach einem Moment des Innehaltens verlassen wir das „Käppele“ und steigen die Treppe hinter der Kirche empor, vorbei am „Nikolaushof“ schlagen wir rechts den Weg zur Frankenwarte ein.

In den Jahren 1893/94 errichtete der Verschönerungsverein Würzburg mit Unterstützung zahlreicher Spenden Würzburger Bürger den knapp 45 Meter hohen Aussichtsturm. Der Turmhelm dient bis heute als Funkstelle. Wir lassen den Blick am schlanken Turmschaft hinaufwandern bis zur flatternden Wetterfahne. Stille um uns her. Nur das Rauschen der Bäume im Wind ist zu hören.

Wir folgen dem Wegweiser „Steinbachtal über Annaschlucht“. Nach etwa einem Kilometer Marsch über den Bergrücken biegen wir rechts in den „V.-A.-Fischerweg Richtung Steinbachtal/Annaschlucht“ ein.

Wir betreten die wildromantische Annaschlucht und finden uns nach wenigen Metern in einer fremden, mystischen Welt wieder.

Uralte Bäume breiten ihr Blätterdach über uns aus, von bröckelnden Steinmauern wächst Efeu in langen Ranken in die Tiefe. Eine kleine Brücke spannt sich über das Tal und endet an einer moosbewachsenen Treppe.

Ein verwitternder Gedenkstein erinnert an Valentin Alois Fischer, der die Schlucht auf eigene Kosten erschließen ließ. Er hat sie seinem einzigen, geliebten Kind gewidmet, seiner früh verstorbenen Tochter Anna.

Auf schattigem Weg

Die Schlucht mündet ins Steinbachtal, das wir auf schattigem Weg durchwandern. Am alten Zollhaus überqueren wir die Mergentheimer Straße und laufen geradewegs auf den Sebastian-Kneipp-Steg zu, der uns über den Main bringt. Wir folgen dem Weg links durch die Grünanlagen der Mainauen bis zur Ludwigsbrücke, die wir unter den wachsamen Blicken von vier imposanten Löwenstatuen passieren. In wenigen Minuten haben wir wieder den Fuß des Nikolausbergs erreicht.

Ein letzter Blick hinauf zur Wallfahrtskirche, die rokokoleicht über dem Maintal schwebt. Das zierlichste und anmutigste Bauwerk Balthasar Neumanns ist eine Huldigung des Meisters an Maria, „die Herzogin von Franken“, ein Geschenk für Wallfahrer und Pilger und eine Liebeserklärung an die Stadt Würzburg, die dem „Käppele“ zu Füßen liegt.

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