Tauberbischofsheim

Aufführung Die Badische Landesbühne zeigte in der Stadthalle Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“

Am Rande der Erschöpfung

In einer Rangliste der Theaterstücke in der Kategorie „Tür auf, Tür zu“ dürfte die Inszenierung der platten Komödie „Der nackte Wahnsinn“ der Badischen Landesbühne ganz vorne zu finden sein.

Tauberbischofsheim. Was kann man nicht alles mit Türen machen: Öffnen, zuschlagen, ab- und aufschließen oder kurzerhand die Türklinken abreißen. Ob man draußen oder drinnen ist, bleibt eine Frage der Perspektive.

Konsequent chaotisch

Nicht nur turbulent, sondern konsequent chaotisch von der ersten bis zur letzten Minute wird in dieser zweieinhalbstündigen Farce des Briten Michael Frayn der Verlauf der Generalprobe – oder ist es doch die Hauptprobe? – einmal aus Sicht der Zuschauer, dann von der Hinterbühne aus und als dritte Version am verkorkstesten als Premiere und Farce über eine Farce geschildert.

Nichts für schwache Nerven

Nichts für nervenschwache Gemüter also und eine ziemlich heftige Herausforderung für eine Riege gestandener Schauspieler, die in der Inszenierung von Arne Retzlaff in der Tauberbischofsheimer Stadthalle psychisch und körperlich vollen Einsatz bringen müssen. Vergeblich versucht die planlose Theatertruppe sich selbst zu disziplinieren.

Schon bei Dotty (Evelyn Nagel) geht es los, die ihre Requisiten immer verliert; besonders die Sardinen spielen ihr böse mit, weil sie vergisst, wo sie abgelegt wurden.

Gebeutelt von seinem Drang nach einer Whiskey-Flasche und anscheinend fortgeschrittener beginnender Demenz vergisst Selsdon (Hannes Höchsmann) nicht nur seinen Text, sondern wird von seinen Kollegen vor den Einsätzen regelmäßig auf der Hinterbühne gesucht.

Vor allem mit der Rolle des Einbrechers scheint er völlig überfordert zu sein. Sicherheitshalber tauchen zum Finale mit dem Regisseur höchstpersönlich gleich drei Ganoven in schwarzen Masken auf.

Die kapriziöse Brooke (Sina Weiß), verliert in Reizwäsche ihre Kontaktlinsen und der hinter den Zuschauerreihen sitzende Regisseur Lloyd (Markus Hennes) seine Fassung.

Mitten während der Proben tauscht die Chaotentruppe genussvoll ihre Eifersüchteleien und Missverständnisse nebst Klatsch und Tratsch aus.

Sie bieten reichlich gelegenheit für weitere abgedrehte Slapstick-Einlagen, bei denen man als Zuschauer leicht den Überblick verlieren kann.

Unerwartete Zwischenfälle stellen immer wieder das Motto der Komödie „The show must go on“ in Frage. Oder steckt doch mehr hinter den scheinbar oberflächlichen Gags?

Man weiß es nicht, ist aber am Rande der Erschöpfung bereit, mal etwas intensiver über die Sinnlosigkeit von Theater und echtem Leben nachzudenken.

Was ist vor und hinter der Bühne „wirklich“? Im Zuschauerraum soll niemand merken, dass hinter Bühne der Karren nur noch ächzend und holpernd am Laufen gehalten werden kann und nicht mehr viel zum Filmriss fehlt.

Opfer der viel zu wenigen Proben werden auch Garry und Roger (Martin Behlert), Frederick und Philip (Davis Meyer), Belinda und Flavia (Cornelia Heilmann), Poppy (Elena Weber) und Tim (Tobias Karn).

Heftige Wutanfälle

Da kommt Mitleid mit den vom Regisseur bei heftigen Wutanfällen gepiesackten Akteuren auf, die Frohsinn und Gelächter auf den Rängen verbreiten sollen, innerlich aber an den Zwängen vor und hinter der Fassade des Frohsinns leiden.

Was an diesem „schwachsinnigen“ Stück – wie es in der Inszenierung explizit zu hören ist, doch reizt und den Mitwirkenden warmen Beifall in der etwas dünner als zuletzt besetzten Stadthalle sichert, ist der ungetrübte Spaß, guten Schauspielern auf die Finger zu schauen, wenn sie schlechte Schauspieler spielen.