Tauberbischofsheim

Blick in die Geschichte des Weinbaus Der Dittigheimer Johann Michael Engert ist eine Schlüsselfigur bei der Entdeckung der Spätlese

Edelfäule als Qualitätsverbesserung erkannt

Archivartikel

Eine Dittigheimer Schlüsselfigur bei der Entdeckung der Spätlese: Johann Michael Engert verstand es, die schädliche Grünfäulung von der Edelfäule zu unterscheiden.

Dittigheim. Die jährlichen Sorgen der Winzer sind nicht neu. Schon vor Jahrhunderten hatten sie ihre Probleme wegen der Traubenreife und Lesebeginn. Ein Zufall musste dann dazu führen, dass der Wein aus vermeintlich schon verfaulten Trauben zur ersten Spätlese wurde. Der Entdecker dieser nun seit fast 250 Jahren geschätzten Köstlichkeit war der Dittigheimer Johann Michael Engert.

Im Sommer erkundigte sich ein direkter Nachfahre beim Heimatverein, um mehr über ihn zu erfahren. Dank des vom verstorbenen Ehrenvorsitzenden Karl Krug angelegten Archivs konnte ihm ein Zeitungsartikel aus der „Fränkischen Chronik“ (Beilage für verschiedene regionale Zeitungen) von 1992 übermittelt werden. Worauf sich dieser mit „Vielen Dank, ich habe viel Neues über meinen Vorfahren erfahren“, bedankte.

Am 8. November 1729 wurde in Dittigheim Johann Michael Engert als drittes Kind des aus Gützingen bei Bütthard, Pfarrei Allersheim, zugezogenen Johann Georg Engert und seiner Frau Barbara geboren. Schon in jungen Jahren kam er nach Johannisberg in Rheingau. Er heiratete dort am 9. August 1773 die Anna Maria Blum aus Geisenheim. Während er bei der Trauung noch als Verwalter des Klosters bezeichnet wurde, lautet der Taufeintrag über ihn beim fünften Kind am 19. April 1785 „Verwalter des hiesigen Schlosses“. Engert starb am 4. August 1807.

Vermutlich hat ein gewisser Weinverstand den jungen Johann Michael Engert aus der Weinbaugemeinde im Taubertal an einen der ältesten Weinorte der heutigen Bundesrepublik geführt. Aller Wahrscheinlichkeit nach gab es schon zur Römerzeit Weinbau im Rheingau. Im Museum in Rüdesheim ist ein römisches Winzermesser zu sehen, das beim Bau eines Hauses in Rüdesheim gefunden wurde. Die erste urkundliche Erwähnung des Weinbaus im Rheingau erfolgte in einer Urkunde Kaiser Ludwig des Frommen am 4. August 817.

Als der junge Engert nach Johannisberg kam, gehörte der ganze Berg samt Zubehör der Fürstabtei Fulda, nach 1752 dem Fürstbischof. Der Pater Kellner der Probstei musste vor der jeweiligen Lese bei dem Fürstbischof zu Fulda schriftlich die Erlaubnis dazu einholen. Im Jahre 1775 geschah es nun, dass der Befehl zur Weinlese 14 Tage später als gewöhnlich einging. Über die Ursache weiß man nichts genaues. Einige Quellen sprechen davon, dass der Kurier unter „die Räuber fiel“ und deswegen aufgehalten wurde.

Auf Johannisberg war man in der Wartezeit schon fast verzweifelt. Man erwartete nun eine schlechte Ernte, weil die Trauben an den Stöcken überreif und zusammengeschrumpft, zum Teil auch schon von Fäulnis ergriffen waren.

Bei der Schnelligkeit einer gewöhnlichen Weinlese wurden die verfaulten Beeren ohne Umstände mitgekeltert. Verwalter Engert ließ jedoch die verfaulten Beeren sorgfältig absondern und getrennt keltern. Das Ergebnis war verblüffend. Über die Jungweinprobe des Jahres 1775 berichtet der Johannisberger Verwalter am 26. Februar 1776: „Der neue Wein ist meistens noch trüb, und haltet immer noch mit einer gewürzten Süßigkeit an; man behauptet und hoffet, an selbigen etwas außerordentliches der Güte halber“.

Am 10. April 1776 schreibt er, dass die früheren Jahrgänge im Preis fallen „wegen den guten 1775er Weinen“ und fährt fort: „Diese 1775er Weine finden in dem hiesigen höchst Herrschaftlichen Keller so außerordentlich beyfall von allerley gattung ächten Kennern, dass man von solchen fast kein anderes wort bey dem versuchen höret alß: solche Weine habe ich noch nicht in den Mund gebracht“. Das erstmalige dieses Ereignisses ist damit dokumentiert. Auch der Preis für den Jahrgang 1775 war einmalig, kostete doch das Stück Wein (ca. 1220 Liter) 3000 fl-Gulden.

Der Hofkellermeister Schild in Fulda erkannte diese Chance. Mit Konsequenz wurde dies für Fulda zum System ausgebaut und „das spatläßen zum Gesetze gemacht“. In Verwalter Engert auf dem Johannisberg hatte Schild einen begeisterten Mitarbeiter. Über Engert steht in den „Beiträgen zur Geschichte des Rheingauer Weinbaus“ geschrieben, dass er bereits 1776 lernt, die „schädliche Grünfäulung“ von der Edelfäule zu unterscheiden. Ab sofort galt für die Fürstlichen Fuldaischen Weinberge auf dem Johannisberg nicht mehr das Jahrhunderte alte Sprichwort „Galles – schaff haam alles“ (Beendigung der Weinlese am Gallustag, 16. Oktober), sondern mit dem Herbstmachen war solange zu warten „als die Umstände und der Befund der Trauben und der Zeitigung es leyde und wie lange die Witterung dem höchstherrschaftlichen interesse nicht entgegenstehen wird“.

Auf dem Johannisberg hat man diesem Zufallsereignis 1960 ein Denkmal gesetzt, das den reitenden Boten mit einer Traube in der Hand zeigt. Das Kurierdenkmal ist eine engobierte Tonplastik und trägt die Inschrift: „Der Kurier des Klosters Johannisberg bringt den verzweifelt wartenden Mönchen verspätet die Lesegenehmigung des Fürstabtes von Fulda“. So entdeckte man um 1775 den Wert der Edelfäule und der Spätlese. anm