Tauberbischofsheim

Badische Landesbühne Katharina Schmidt inszenierte „Die Glasmenagerie“ in der Tauberbischofsheimer Stadthalle

Eine Familie in der alltäglichen Tristesse

Archivartikel

„Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams stand in der Tauberbischofsheimer Stadthalle auf dem Spielplan der Badischen Landesbühne.

tauberbischofsheim. Mit dem Theaterstück „Die Glasmenagerie“ des Pulitzer-Preisträgers Tennessee Williams versetzten Regisseurin Katharina Schmidt und das Schauspieler-Quartett Cornelia Heilmann, Sina Weiß, Martin Behlert und Tobias Karn von der Badischen Landesbühne die Zuschauer in der Tauberbischofsheimer Stadthalle in die lähmende Tristesse einer verarmten Familie im Amerika der 1930er Jahre. Ausstatterin Ivonne Theodora Storm und Komponist Florian Rynkowski trafen mit einem bescheiden möblierten, klaustrophobischen Wohnzimmer und dezent eingesetzten, nostalgischen Musikstücken die Atmosphäre in einer familiären Dreierbeziehung, in der die Realität außen vor zu bleiben hatte.

Als „Spiel der Erinnerung“ bezeichnete Tennessee Williams sein Theaterstück „Die Glasmenagerie“, das aus einem von Metro-Goldwyn-Mayer in Hollywood abgelehnten Drehbuch entstanden ist und 1944 in Chicago uraufgeführt wurde. Das melancholisch-poetische Stück, das mehrfach verfilmt wurde, begründete den internationalen Ruhm des Autors und hat starke autobiografische Bezüge.

Die in Hassliebe miteinander verbundene Familie Wingfield wohnt im rückwärtigen Teil eines Hauses in St. Louis; der Stadt, in der auch Williams einen Teil seiner Jugend in ärmlichen Verhältnissen verbrachte. Seine psychisch labile Schwester Rose, die 1937 in einem Irrenhaus landete, regte Tennessee Williams zu der frühen Erzählung „Glasporträt eines Mädchens“ an.

Namensgebend für „Die Glasmenagerie“ ist die von Glastierchen bevölkerte Welt der 24-jährigen, leicht gehbehinderten Laura, die sich –statt die Schulbank zu drücken – lieber in ihre zerbrechliche Sammlung mit einem Einhorn als Prunkstück vertieft und Schallplatten hört. Ihr Bruder Tom trägt schwer an der Last, den Familienvater zu ersetzen, der sich schon lange aus dem Staub gemacht hat. Die öde Arbeit als Hilfskraft in einem Schuhlager weckt Toms Sehnsüchte nach einem besseren Leben, das er sich fast täglich im Kino oder mit dem Schreiben von Gedichten erträumt.

Mutter Amanda verdrängt die Alltagsmisere, indem sie ständig ihre Herkunft aus einer vornehmen Südstaatenfamilie heraufbeschwört. Zum Höhepunkt der Aufführung gerät der Besuch von Jim, einem Arbeitskollegen von Tom. Einfühlsam, aber konsequent legt dieser, von der Mutter als Partner der introvertierten Tochter ersehnte junge Mann sämtliche Illusionen der Familie frei.

In den Vordergrund spielt sich Cornelia Heilmann als völlig überspannte Amanda, die ihren Sohn erst loslassen will, wenn der einen passablen Heiratskandidaten für die Tochter angelockt hat. Markenzeichen von Heilmann ist ein körperbetontes Spiel, mit der sie manche Längen des Stücks zu überspielen weiß, das schon etwas Patina angesetzt hat. Ihre theatralischen, realitätsfernen Auftritte verleihen Amanda eine krankhafte Dimension. Die stärksten Szenen hat Cornelia Heilmann mit ihrem boulevardesken Auftritt bei den Vorbereitungen und dem Empfang von ihrem Hoffnungsträger Jim. Gelegentlich übermüdet eine allzu manierierte und überartikulierte Spielweise.

Der Durchhalteparolen seiner Über-Mutter entfliehen möchte Sohn Tom, den Tobias Kern in der Zerrissenheit zwischen Verantwortung und Zuneigung einerseits und dem Drang zur Selbstverwirklichung andererseits glaubhaft verkörpert. Mit erholsamer Normalität spielt Martin Behlert den nichts ahnenden „Heiratskandidaten“ Jim, der einfühlsam und zurückhaltend Tochter Laura aufblühen lässt.

Die Realität bricht mit dem sympathischen Gast ganz und gar nicht erschreckend brutal in Lauras Leben ein. Plötzlich wird deutlich, dass in der Familie die vermeintlich lebensunfähige Laura ungeahnte Kräfte freizusetzen vermag.

Diese Wandlung bringt Sina Weiß als eine plötzlich aus ihrer Traumwelt erwachten jungen Frau mit viel Gefühl auf die Bühne.

Zumindest für dieses Paar wäre ein Happy End „drin“ gewesen, doch lässt der Autor den braven Jim „entwischen“, indem dieser gesteht, bereits fest liiert zu sein – ob es stimmt oder nur eine Ausrede ist, bleibt offen. ferö