Tauberbischofsheim

Kinderbetreuung 15 Kita-Leiterinnen im Dekanat Tauberbischofsheim trafen sich mit Dr. Wolfgang Reinhart / Verbesserungen in allen Bereichen gefordert

Es bleibt viel zu wenig Zeit fürs Kind

Archivartikel

Die Betreuungssituation in vielen Kitas der Region ist aus Sicht deren Leiterinnen nicht zufriedenstellend. Das machten sie in einer Gesprächsrunde mit Dr. Wolfgang Reinhart deutlich.

Main-Tauber-Kreis. In einer Gesprächsrunde mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Dr. Wolfgang Reinhart, diskutierten 15 Leiterinnen von kirchlichen Kindertagesstätten im Dekanat Tauberbischofsheim Themen wie die personelle Situation in den Kindertagesstätten, neue Anforderungen durch den gesellschaftlichen Wandel, Inklusion, Finanzierung der Kindertagesstätten und Leitungsaufgaben der Erzieherinnen. Diskussionspunkt war auch das „Gute-KiTa-Gesetz“, das am 1. Januar in Kraft trat, mit dem der Bund bis 2022 über fünf Milliarden Euro in Kitas investieren wird.

Negative Stimmen

Der Tenor aus der Runde der Erzieherinnen war eindeutig: Die vorhandenen Kapazitäten reichen in allen Bereichen bei weitem nicht aus, um eine gute und qualitativ hochwertige Betreuung zu gewährleisten. Ein großer Kritikpunkt war zudem, dass das Geld, welches für die Betreuung vorgesehen ist, am Ende nicht bei den Einrichtungen ankomme.

„Die Situation ist sehr frustrierend. Das was sein sollte können wir unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht leisten“, verdeutlichte Leonore Herrschlein vom katholischen Kindergarten ’St. Marien’ in Lauda. Sie referierte zum Thema Inklusion an Kindertagesstätten. Aus Herrschleins Sicht finde diese in keinster Weise statt: „Wir werden den behinderten Kindern mit den vorhandenen Ressourcen nicht gerecht, und Kinder ohne Förderbedarf fallen oft unter den Tisch.“ Ihre Kolleginnen und sie würden lediglich „Schadensbegrenzung“ betreiben. „Das ist nur Pseudo-Inklusion“, brachte es Leonore Herrschlein frustriert auf den Punkt.

„Viel Verantwortung wird mittlerweile aus der Familie an uns übertragen“, meinte Rebecca Hauk von der katholischen Kindertagesstätte St. Lioba in Tauberbischofsheim. „Ordinäre Aufgaben“ wie das Anziehen der Jacke oder das Binden von Schuhen müssten übernommen werden. „Viele erwarten von uns die Erfüllung jeglicher Bedürfnisse“, so Hauk. Inzwischen gebe es deshalb auch eine große Zahl an Kindern, die verhaltensauffällig seien. Diese bräuchten dann besondere Aufmerksamkeit, was im Kindergartenalltag dann oft zum Problem wird: „Kümmert sich eine Erzieherin bei einer Gruppengröße von 25 um ein einzelnes Kind, bleibt die andere mit den 24 anderen zurück“, beschrieb Katja Baumann die schwierige Situation in Kindertagesstätten.

Auch die Tatsache, dass in manchen Einrichtungen viele verschiedene Nationalitäten vertreten seien und viele dieser Kinder noch nicht fließend Deutsch sprechen könnten, sei eine zusätzliche Herausforderung, der man Rechnung tragen müsse. Der Betreuungsschlüssel sollte deshalb dringend an die neuen Gegebenheiten angepasst werden.

Weisungen erteilen, Teamentwicklung, Hygienepläne, Spielmaterial bestellen, Personalauswahl – all das sind Aufgaben von Führungskräften in Kindertagesstätten. Viele Leiterinnen werden für diese Aufgaben nicht freigestellt und müssen sie oft neben ihrer Arbeit als Gruppenerzieherin leisten. Maria Dinkel vom katholischen Kindergarten St. Josef aus Freudenberg und Andrea Kerekjarto von der Kita St. Venantius in Wertheim fordern diese Leitungszeit gesetzlich zu regeln.

Auch bei der Ausbildung der Erzieher müsse ein Umdenken statt finden. „Eine Auszubildende darf nicht als Fachkraft gelten und auf den Stellenschlüssel angerechnet werden“, kritisierten Dinkel und Kerekjarto. Dieser Ansicht sind auch die Vertreter der kirchlichen Verrechnungsstelle Alois Schwab und Thomas König. Alois Schwab wollte auch klar stellen, dass sich die kirchlichen Träger entgegen verbreiteter Meinungen finanziell nicht weniger beteiligen als zuvor – im Gegenteil: Die finanzielle Beteiligung sei im Vergleich zu früher sogar gestiegen.

Eine der wichtigsten Aufgaben

Dr. Wolfgang Reinhart hob in der Diskussionsrunde die Wichtigkeit der Kinderbetreuung hervor: „Dieses Thema bewegt uns alle. In den ersten Lebensjahren werden 80 Prozent der Prägungen gelegt. Die Aufgabe der Erzieherinnen sei deshalb eine der allerwichtigsten. Reinhart führte weiter aus, dass sich das auch im Landeshaushalt widerspiegele:

Die Landeszuschüsse für die Betreuung der über Dreijährigen von 529 Millionen Euro jährlich werde ab 2019 auf eine Milliarde Euro nahezu verdoppelt, bei der Betreuung der unter Dreijährigen verzehnfache sich die Summe sogar von 100 Millionen auf rund eine Milliarde Euro .

Er erinnerte auch daran, dass der Personalschlüssel bei der Kindertagesbetreuung in Baden-Württemberg bundesweit noch einer der besten sei. Durch die hohe Prosperität der Region mit einer sehr geringen Arbeitslosenquote sei es zudem auch für andere Branchen schwierig geeignete Fachkräfte zu finden. Reinhart verwies auch auf den „Freiraum“, den jede einzelne Kommune bei der Verwendung der Gelder habe.

Hoffen auf Veränderung

Das sehen viele Leiterinnen aus der Runde als Problem: „Wir brauchen mehr gesetzliche Regelungen“, betonte Katja Baumann. Sie und ihre Kolleginnen hoffen jetzt, dass Dr. Wolfgang Reinhart ihre Anliegen als „Botschafter“ weiter trägt und dass sich das „Gute-KiTa-Gesetz“ auch positiv auf die Kindertagesstätten vor Ort auswirkt.