Tauberbischofsheim

Besuch in der Gemeinderatssitzung 14 Schüler der Kaufmännischen Schule erlebten Kommunalpolitik hautnah / Jugendliche wollen in der Region bleiben

Etwas mehr Streitkultur gewünscht

Archivartikel

Jugendliche im Gemeinderat? Und dann auch noch so viele von ihnen? Der Besuch von 14 Wirtschaftsgymnasiasten war kein gewohnter Anblick für die Tauberbischofsheimer Stadträte.

Tauberbischofsheim. Die Stadträte staunten nicht schlecht über die große Zahl an Zuhörern in der Gemeinderatssitzung am Dienstag im Technologie- und Gründerzentrum. Bürgermeister Wolfgang Vockel freute sich über das Interesse und scherzte: „Wir haben heute ja so viele Gäste wie sonst in einem ganzen Jahr zusammen.“ Gemeint waren die 14 Schüler der beiden Kurse „Gemeinschaftskunde“ des Wirtschaftsgymnasiums der Kaufmännischen Schule samt Lehrern.

Die haben sich trotz des darauffolgenden Feiertags, dem 1. Mai, die Zeit genommen, um Kommunalpolitik einmal hautnah zu erleben. Auf der Tagesordnung der Gemeinderatssitzung in Tauberbischofsheim standen etwa die Einrichtung eines Jugendraums in Distelhausen oder der Bau des Wasser-Hochbehälters auf dem Laurentiusberg.

Dabei nahm sich Bürgermeister Vockel stets Zeit für kleine Unterbrechungen, um den 17- und 18-jährigen Zuhörern fachspezifische Begriffe zu erklären. Zum Beispiel, was man unter Haushaltsausgaberesten oder Haushaltseinnahmeresten versteht. Das wussten die Schüler im anschließenden FN-Gespräch sehr zu schätzen.

Etwas vermisst wurde von den jungen Leuten die Streitkultur: Die zehn Tagesordnungspunkte wurden aus ihrer Sicht recht schnell abgehandelt und ohne eine einzige Gegenstimme oder Enthaltung einstimmig beschlossen. Der Schüler Maximilian König (18) sprach für beide Klassen, als er sagte: „Ich hätte mir gewünscht, dass die Themen etwas tiefgründiger besprochen worden wären.“ Während der 17-jährigen Annika Behl sofort ins Auge stach, dass sich kaum Frauen und überhaupt keine jüngeren Leute im Gemeinderat befinden.

Ebenso habe die Tagesordnung – neben dem Distelhäuser Jugendraum – nur wenig Relevanz für die Jugend gehabt, meinten die Schüler im Nachgang.

Welche Themen ihnen eigentlich auf dem Herzen liegen? Da seien kulturelle Angebote und Möglichkeiten zum „Weggehen“, etwa Discos, an oberster Stelle auf der Prioritätenliste. Auch die Einkaufsmöglichkeiten könnten vielfältiger sein, stimmten die 14 Jugendlichen überein. Florian König bemerkte an dieser Stelle: „Tauberbischofsheim kommt mir manchmal vor wie ein großes Dorf.“ Allgemein sei allen wichtig, dass etwas für die Jugend im Kreis getan werde, sagte Clara Reinhart (17) stellvertretend für beide Gemeinschaftskunde-Kurse. Genaue Forderungen zu formulieren, dabei taten sie sich aber etwas schwerer.

Ein bekanntes Phänomen, erklärte ihre Lehrerin Nicole Stabrey-Blanke: „Da schwingt einfach die Unsicherheit mit.“ Den allgemeinen Vorwurf, Jugendliche interessierten sich nicht für Politik, wies ihre Kollegin Sibylle Meyer jedoch entschieden zurück. „Bei manchen Themen, etwa dem Klimaschutz, den Freitagsprotesten oder der Urheberrechtsreform wurden wir Gemeinschaftskundelehrer regelrecht mit Fragen bombardiert.“

Eine große Frage für die Abiturienten in spe blieb jedoch noch offen: Nach dem Abschluss in der Region bleiben – oder in die Großstadt ziehen?

Die Antwort der Jugendlichen überraschte: Alle 14 wollen zumindest nach dem Studium wieder zurück in den Main-Tauber-Kreis. Nicht aber, weil der viel für sie zu bieten habe. Sondern eher wegen Freunden, Partnern und Verwandten.