Tauberbischofsheim

Matthias-Grünewald-Gymnasium Lukas Stoy für seine Facharbeit in Geschichte mit einem Landespreis ausgezeichnet / Fahrt mit dem Bundespräsidenten nach Polen

Familiengeschichte voller Dramatik

Für seine Facharbeit in Geschichte am Matthias-Grünewald-Gymnasium erhielt der Gerchsheimer Schüler Lukas Stoy einen Landespreis.

Tauberbischofsheim. Menschen sind schon immer auf der Flucht. Das ist heute so und war früher nicht anders. Flucht und Vertreibung hat auch die Familie von Lukas Stoy aus Gerchsheim erlebt. Während des Zweiten Weltkrieges musste seine Urgroßmutter mit Mann und Tochter die Heimat in Rumänien verlassen. Sechs Jahre waren sie auf der Flucht, bevor sie in Unterfranken bleiben konnten.

Detektivischer Spürsinn

Lukas Stoy hat die wechselvolle Geschichte mit detektivischem Spürsinn recherchiert. Die historische Facharbeit reichte der Abiturient am Matthias-Grünewald-Gymnasium in Tauberbischofsheim beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ein. Und gewann. Seine Arbeit wurde mit einem Landespreis ausgezeichnet.

„So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch“ lautete das Thema der 26. Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Bundesweit haben rund 5600 Schüler zu dem aktuellen Thema geforscht. Insgesamt 1992 Beiträge von Teams oder Einzelpersonen sind eingegangen – damit war es die beitragsstärkste Ausschreibung seit 1993.

Aus allen eingereichten Beiträgen wurden die besten Arbeiten ausgewählt. Auf Landesebene vergab die Körber-Stiftung insgesamt 250 Landessiege (je 250 Euro) und 250 Förderpreise (je 100 Euro). Zudem wurde in jedem Bundesland die erfolgreichste Schule ausgezeichnet.

„Auf Feiern hat meine Oma immer Geschichten von früher erzählt“, berichtet Lukas Stoy. Das sei zwar immer interessant gewesen, viel nachgedacht habe er aber darüber nicht. Ein Zufallsfund machte ihn dann aber doch neugierig. Im Wohnzimmerschrank seiner Oma entdeckte er die Einbürgerungsurkunde seiner Urgroßeltern. Den aus Czernowitz in der Bukowina stammenden Gertrud und Michael Massier wurde samt ihren beiden Kindern Maria und Reinhold 1940, also mitten im Zweiten Weltkrieg, die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Was es damit auf sich hat, wollte Lukas Stoy herausfinden. Die Recherche gestaltete sich schwierig. „Die Quellenlage ist kritisch“, musste er erfahren. Nicht gut sei die Geschichte der Bukowinadeutschen aufgearbeitet. Hilfreich war Stoys Angaben zufolge der Besuch der Universitätsbibliothek Würzburg. Dort stieß er unter anderem auf das Werk eines Erich Massier. „Vielleicht ist er sogar mit mir verwandt“, vermutet Stoy.

Nur noch wenige Zeitzeugen

Einige wenige Zeitzeugen von damals gibt es noch. Lukas Stoy suchte sie auf und befragte sie. Die beiden Großtanten Ernestine May und Maria Amrein sowie Großmutter Ingeborg Hertlein konnten sich noch an etliche Details ihrer damaligen Flucht erinnern.

„Dabei kamen Dinge heraus, die wir gar nicht wussten“, staunt Lukas Stoys Mutter Elke noch immer. Dass ihre heute 82-jährige Tante Maria zweisprachig aufgewachsen ist, war ihr nicht bekannt. „Dabei kenne ich sie schon ewig.“

Wie es sich für einen richtigen Historiker gehört, überprüfte Lukas Stoy die im Interview gewonnen Informationen. Auch das Internet lieferte zusätzliche Hinweise. Fast zwei Jahre benötigte der Nachwuchsforscher für Recherche und Auswertung.

Entstanden ist eine bemerkenswerte Arbeit, die nach fachwissenschaftlichen Standards die Vergangenheit der eigenen Familie aufarbeitet und sie in die Zeitgeschichte einordnet.

„Eine Geschichte voller Angst, Schrecken und Dramatik“, fasst Lukas Stoy seine Erkenntnisse zusammen. Stellenweise lesen sich seine Ausführungen wie ein Krimi. Die Geschichte seiner Familie macht deutlich, welche Folgen es haben kann, in das Räderwerk von Ereignissen zu geraten, für die man selber nicht verantwortlich ist.

Volksgruppe in der Bukowina

Lukas Stoys Familie gehörte der deutschen Volksgruppe in der Bukowina an. In dem damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Landstrich lebten unterschiedlichste Ethnien friedlich mit- und nebeneinander. Die ersten Einschränkungen gab es, als die Bukowina nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien fiel. Im Zweiten Weltkrieg vereinbarten die Sowjetunion und Hitlerdeutschland, die Bukowinadeutschen umzusiedeln. „Heim ins Reich“ lautete die Parole.

Im Herbst 1940 bestiegen Gertrud und Michael Massier mit ihrer fünfjährigen Tochter Maria und dem zehn Monate alten Sohn Reinhold, wie rund 44000 andere Menschen aus der Nordbukowina, einen Zug, der sie für immer von ihrer Heimat trennen sollte. Über Przemysl ging es nach Babianitze bei Lodz. Auf der Fahrt erkrankte der knapp einjährige Reinhold an einer Lungenentzündung und starb.

Kaum eingebürgert, wurde Michael Massier zur Wehrmacht einberufen und verpasste so die Geburt seiner Tochter Ernestine. Als 1942 die dritte Tochter Ingeborg zur Welt kam, galt Massier schon als vermisst. Von einem der zahlreichen Vorstöße während der Schlacht um Stalingrad kehrte er nicht mehr zurück.

Lukas Stoys Urgroßmutter war jetzt ganz auf sich alleingestellt und musste sich um drei minderjährige Kinder kümmern. Die vorrückende Rote Armee veranlasste sie, im Januar 1945 zu fliehen. In seiner Arbeit schildert Stoy das nicht ungefährliche Wagnis so: „Es ging mitten in der Nacht mit Pferdetrecks los, nur ein paar Habseligkeiten an Kleidern am Leib, acht Tage bei Wind und Wetter zogen sie gen Westen, zum Teil auch in Güterwaggons, sie hatten nichts zu essen und schliefen nachts auf Stroh.“

Schwieriger Neustart

Vom Lager Wurzen aus erlebten die Flüchtlinge die Bombennacht des nur rund 80 Kilometer entfernten Dresden. „Es waren schreckliche Bilder, die ich nie vergessen werden“, zitiert Stoy aus der Autobiografie des damals zwölfjährigen Alfred Beutel, Cousin seiner Großmutter Ingeborg und mit auf der Flucht.

Nach Kriegsende führte die Flucht über Bitterfeld nach Herrngiersdorf bei Regensburg. Einen Monat lebten sie anschließend in Schweinfurt in einem umfunktionierten Bunker, bis ihnen eine Bleibe in Oberpleichfeld bei Würzburg zugewiesen wurde.

Die Aufnahme dort war alles andere als herzlich. „Wir wurden bei sonntäglichen Kirchenbesuchen und beim Einkaufen benachteiligt und ausgegrenzt“, erinnert sich Stoys Großmutter Ingeborg. In der Schule habe sie sich in die letzte Reihe setzen müssen und sei wegen Nichtigkeiten drakonisch bestraft worden. „Schläge auf die Finger mit dem Rohrstock oder Knien auf einem Erbsenkissen waren üblich.“

Die Kinder in Oberpleichfeld hegten ebenfalls keine großen Sympathien für die Neuen. Zumindest am Anfang. „Wir haben die Flüchtlinge immer als Kartoffelkäfer bezeichnet“, räumt Alois Hertlein ein. Das änderte sich, als er an Ingeborg Massier Gefallen fand und sich in sie verliebte.

Vor der Hochzeit musste er einige Überzeugungsarbeit leisten. „Mit der Frau kommst du zu nichts“, habe seine Mutter ihm vorgeworfen. Alois Hertlein ließ sich aber nicht beirren und heiratete 1962 Ingeborg Massier. „Seitdem lebt meine Großmutter ein glückliches Leben in Oberpleichfeld und ist vollständig integriert“, sagt Lukas Stoy.

Als „spannende Reise zu sich selbst und zu den Wurzeln der eigenen Familie“ bezeichnet Stoy die Arbeit an seinem Thema im Rückblick. Er habe viel mehr herausgefunden als erwartet. Die für die Recherche notwendigen Interviews hatten, so Stoy, einen schönen Nebeneffekt: „Die ganze Familie ist miteinander ins Gespräch gekommen.“ Kein Wunder, dass der Absolvent des Matthias-Grünewald-Gymnasiums von intensiven, aber bereichernden Jahren des Forschens spricht.

Besondere Ehre

Die Mühen haben sich gelohnt. Lukas Stoys Arbeit ist mit einem Landespreis prämiert worden. Im Rahmen eines Festaktes wird ihm am 20. September im Neuen Schloss in Stuttgart vom Ministerpräsidenten die Auszeichnung überreicht.

Dazu hat der Gerchsheimer noch die Chance, einen Bundespreis zu erringen.

In der Zwischenzeit hat Lukas Stoy eine weitere Einladung erhalten. Am 1. September fliegt er mit dem Bundespräsidenten nach Polen, um auf der Westerplatte an den Gedenkfeierlichkeiten zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges teilzunehmen. feu