Tauberbischofsheim

Badische Landesbühne Carsten Ramm inszeniert zum Auftakt der Spielzeit „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht

Freiheit und Grenzen der Wissenschaft

Die Badische Landesbühne eröffnete die Spielzeit 2018/19 in der Tauberbischofsheimer Stadthalle mit Bertolt Brechts „Leben des Galilei“.

Tauberbischofsheim. Der Bühnenraum von Tilo Schwarz beeindruckt mit einem großen Halbrund mit einem blauen Horizont und weckt Assoziationen zu Forschungen in einer Sternwarte, Blicke in den Weltraum im Planetarium oder später zu Geschehnissen in Palästen oder einem Kirchenraum. Carsten Ramm inszeniert mit ausgedünntem Personal, etwa ohne den Linsenschleifer Federzoni oder Cosmo de Medici, den Großherzog von Toscana, und er verzichtet auf einige Bilder, ohne aber die Intentionen Brechts von einer dialektischen, antithetischen Form zu vernachlässigen.

Dies wird gleich zu Beginn des Stückes deutlich, als Galileo Galilei, den René Laier sprachgewaltig verkörpert, in fast euphorischer Stimmung seinem Schüler Andrea Sarti das kopernikanische Weltbild von der Drehung der Erde um die Sonne zu erklären versucht. Wie eine Antiquität wird dagegen das auf dem Schreibtisch von Galilei stehende Modell des Ptolemäischen Weltbildes beschrieben, wonach die Erde der Mittelpunkt des Universums ist und alle Sterne auf kristallenen Schalen um sie kreisen.

In einer Epoche des Umbruchs im Italien des 17. Jahrhunderts mit Entdeckungen in der Astronomie und den Naturwissenschaften scheint es keine Grenzen zu geben. So beeindruckt der von Galilei gewählte Vergleich mit den großen Entdeckungen in der Seefahrt des 15. Jahrhunderts, als die Schiffe nicht mehr, aus Angst mitten im Ozean ins Bodenlose zu stürzen, entlang der Küste „krochen“, sondern etwa den Seeweg nach Afrika und Indien erkundeten. Zeigte sich ein experimentierfreudiger Galilei im ersten Bild – fest vom Sieg der Vernunft überzeugt, mit der ohne Einschränkungen nicht nur gesellschaftliche Eliten, sondern breite Massen von den Erkenntnissen der Wissenschaften profitieren, könnte der Gegensatz im letzten Bild nicht größer sein. Galilei hat am Ende resigniert und aus Angst vor Verfolgung und Folter seine Erkenntnisse widerrufen und die Verantwortung für die Weitergabe der von ihm verfertigten Schrift „Discorsi“ abgelehnt.

Er hat nicht zuletzt das Schicksal von Giordano Bruno vor Augen, der seine Erkenntnisse nicht widerrief und auf dem Scheiterhaufen endete. Immerhin zeigt er die Einsicht, bei seinem Rückzieher wider besseres Wissen nicht im Sinne der Wissenschaft gehandelt zu haben. Brecht zeigt Bild für Bild eine immer stärker rückwärts gewandte Kirche, die er stellvertretend für den Obrigkeitsstaat und seinen Dogmatismus an den Pranger stellt. Vor dem Hintergrund der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki thematisiert er die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaftler für ihre Entdeckungen.

Die Inszenierung der Landesbühne betont den Kontrast zwischen den modern gekleideten, aufgeklärten Protagonisten wie Galilei, der Kurator oder der Schüler Andrea und den immer dominanter auftretenden Mönchen und Kardinälen in historischen Gewändern; gipfelnd in einer archaisch wirkenden Investitur des neuen Papstes Urban VIII.

Zuvor hatte dieser als Kardinal Barberini und Mathematiker noch höchstes Interesse an Galilei und seinen Erkenntnissen gezeigt. Jetzt gehört auch er zu den Mächtigen, die sich wissenschaftlichen Erkenntnissen verschließen, wenn sie ihre Pfründe bedroht sehen. Auf die Spitze getrieben wird die Ignoranz, als die Mönche und Wissenschaftler auf einen gelehrten Disput bestehen, ohne mit einem Blick durch das Fernrohr die empirischen Erkenntnisse des Galilei nachzuvollziehen: „Herr Galilei, bevor wir ihr berühmtes Rohr applizieren, möchten wir um das Vergnügen eines Disputs bitten. Thema: Können solche Planeten existieren?“

Die immer bedrohlicher erklingende Orgelmusik unterstreicht die zunehmend einschüchternde Macht der Herrschenden, die über das Heilige Offizium und die Inquisition die kopernikanische Lehre als „töricht, absurd und ketzerisch im Glauben“ verdammen lassen.

Einen eloquenten und gefühlskalten Vertreter dieses Machtapparats gibt Markus Hennes als Kardinal Inquisitor, zugleich überzeugt er zuvor noch in der gegensätzlichen Rolle eines weltoffenen Kurators. Evelyn Nagel glänzt als krummbuckliger Kardinal Bellarmin. Sina Weiß spielt Virginia, die mit dem Gutsbesitzer Ludovico verlobte Tochter Galileis. David Meyer hat seinen besten Auftritt, als Ludovico fluchtartig Virginia aufgibt, weil er seine despotische Herrschaft auf Kosten der drangsalierten Bauern gefährdet sieht.

Colin Hausberg spielt den gelehrigen Schüler Andrea mit einer ausgewogenen Mischung von Bewunderung und Kritik. Der Theaterabend ist die Stunde der erfahrenen Akteure im Ensemble der Badischen Landesbühne. Neben der Glanzleistung von René Laier als Galileo Galilei gibt Stefan Holm mit starker Bühnenpräsenz Galileis Freund Sagredo und den zum erzkonservativen Papst mutierten Mathematiker und Kardinal Barberini. In Nebenrollen als Ansager und Mönche bieten sich Martin Behlert, Tobias Kern und Ghorban Moinzadeh kaum Möglichkeiten zur Profilierung.

Die im Schlussbild mit Kreide an die Wand geschriebene Parole von Bertolt Brecht aus einem Hanns Eisler-Lied „Ändere die Welt, sie braucht es“ erinnert daran, dass die Geschichte des Galilei noch längst nicht zu Ende erzählt ist. Bis heute ist der Widerspruch zwischen der Freiheit und den Grenzen der Wissenschaft ein brisantes Thema, wenn man an die Gentechnik und andere Ausbrütungen aus den Laboren großer Unternehmen denkt.

Beißenden Spott ergießt Galilei über sich und seine Zunft, wenn er die Wissenschaftler als „Geschlecht erfinderischer Zwerge“ demütigt. Selbst Brecht hätte es wohl nicht im Traum für möglich gehalten, wie im Zeitalter der Digitalisierung und Informationsflut mittels „fake news“ die Lüge zur Wahrheit werden kann.

BLB-Intendant Carsten Ramm bringt es im Interview auf den Punkt: „Können wir so weiterleben wie bisher oder muss es radikale Veränderungen geben? Zerstören wir mit unserer Lebensform unseren Planeten? Wird der Mensch es schaffen, diese Veränderungen in Angriff zu nehmen?

Es geht um nichts weniger als den Fortbestand des Lebens auf der Erde.“