Tauberbischofsheim

Langzeitprojekt Vor drei Jahren begannen Jonne und Matti Beierstettel sowie ihr Freund Phil Engert mit der Freilegung des Grünsfelder Wegs am Büchelberg

Grenzstein-Jungs mit Entdeckergeist

Der zugewucherte Grünsfelder Weg im Taubental am Büchelberg, der in früheren Zeiten ein Seitenweg auf der alten Geleit-route war, ist wieder begehbar. Drei Jungs haben ihn freigelegt.

Tauberbischofsheim. Jonne (10), Matti (7) und Phil (11) sind die „Grenzstein-Jungs“. So nennen sich die drei seit Januar. Der Begeisterung für die alte Bischofsheimer Gemarkungsgrenze vorausgegangen waren allerdings zahlreiche samstägliche Expeditionen, bei denen im Februar 2016 ein alter, zugewucherter Gang entdeckt wurde: Der Grünsfelder Weg. Hendrik Beierstettel, Vater von Jonne und Matti, fand den Namen des alten Pfads im Geoinformationssystem des Main-Tauber-Kreises.

Die drei Jungs – Phil Engert ist der beste Freund des Geschwisterpaars – waren verwundert, dass ein kulturhistorisch bedeutender Weg einfach in Vergessenheit geraten ist und beschlossen spontan, ihn aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Hendrik Beierstettel kümmerte sich um das Werkzeug. Äxte, Sensen, Sicheln, Gerteln, Scheren und Arbeitshandschuhe wurden beschafft. Der 95-jährige Großvater von Hendrik Beierstettel wies seinen Enkel ein, wie Sense und Sichel gebraucht, geschärft und gedengelt werden.

Samstags, wenn das Wetter nicht gar so garstig und niemand krank war, machten sich das Quartett und die altdeutsche Hütehündin Lumi auf zum Grünsfelder Weg: eine Stunde Anmarsch, zwei bis drei Stunden Arbeit, eine Stunde Abmarsch. „Am Anfang war die Arbeit am schwersten“, erinnert sich der Vater. Durch dichtes Gestrüpp kämpften sich die Kinder teilweise auf allen Vieren und entfernten den Wildwuchs so schonend wie möglich. „Mein liebstes Werkzeug war die Säge“, berichtet Phil von der anfänglichen Schwerstarbeit. Auf die Frage, wie sie die lange Spanne durchgehalten haben, antwortet Jonne: „Wir hatten einfach Lust weiterzumachen.“

Ziel war es nicht, den Grünsfelder Weg in eine isolierte Schneise zu verwandeln, sondern eine Einheit mit der Natur herzustellen. Mit Fauna und Flora sollte so schonend wie möglich umgegangen werden, lautete die Devise. „Wir haben Hirschkäfer, Rehe, Hasen, Schlangen, Eidechsen, sehr viele Vögel und Insekten gesehen“, berichten Phil und Jonne, während Matti schon fast die Hälfte einer Eiche erklommen hat. Auf Bäume zu klettern gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Jungs.

Heute orientiert sich die Pflege des Grünsfelder Wegs am bäuerlichen Kalender. Drei Mal pro Jahr – im Mai, August und Oktober – wird eine Mahd mit traditionellem Gerät vorgenommen. Auf dem knapp 1000 Meter langen Pfad sind die alten Weinbergmauern freigelegt. Bei sommerlichem Wetter sonnen sich dort Echsen. Stolz zeigen die Jungs ihren Weg, auf dem sie jedes Fleckchen kennen.

Am Ende des Pfads, kurz vor dem Feld, findet sich ein Grenzstein aus dem Jahr 1655. Um das Mainzer Rad sind drei kleine b eingemeißelt, die für Bischofsheim stehen. Dieser Zeitzeuge, der im Spätherbst vergangenen Jahres bei einer Pflegemaßnahme gefunden wurde, sollte das Grenzsteinfieber entfachen. Gibt es noch weitere, noch ältere, lauteten die Fragen.

Hendrik Beierstettel informierte sich, las Bücher, fragte Heimatforscher, machte sich in der Universitätsbibliothek durch einschlägige Fachliteratur kundig. Seine Aufgabe sah er allerdings nie als „Besserwisser“ oder „Naturlehrer“, sondern als Begleiter und Proviantträger der Kinder, der sich im Hintergrund hält, bei Fragen jedoch Antworten parat hat. Er war es auch, der in einem Büchlein von Hugo Pahl einen an den Grünsfelder Tannen stehenden Grenzstein aus dem Jahr 1308 beschrieben fand. Das weckte den Entdeckergeist der Kinder so richtig. Grenzgänge standen neben den Pflegearbeiten jetzt am Samstag auf dem Programm.

38 Kilometer lang ist die alte Gemarkungsgrenze von Bischofsheim, etwas mehr als 240 Grenzsteine haben sie nicht nur entdeckt und frei geschnitten, sondern auch mit Wurzelbürsten vom Moos befreit, um die Inschriften zu entziffern. Außerdem erstellten sie eine Dokumentation. Jeder Stein wurde fotografiert, mit einer Nummer versehen, um eine Doppelerfassung zu verhindern, und genau beschrieben. Der älteste Grenzstein, den sie entdeckt haben, steht bei Dittwar im Brehmbachtal und trägt die Jahreszahl 1474. Bei diesen frühen Steinen gibt es noch ein Wappenschild, bei den anderen ist das Mainzer Rad direkt in den Stein gemeißelt. Auch die Speichenzahl variiert.

Ähnlich wie ein kleiner Pfeil auf den Leitplanken an der Autobahn die Richtung zur nächsten Notrufsäule weist, ist es auch bei den Grenzsteinen. „Als wir diese Markierungen entdeckten, waren die Kinder kaum zu halten, weil sie den nächsten Stein finden wollten“, so Hendrik Beierstettel. Die „schlaue Lumi“, wie Jonne die Hündin nennt, war manchmal sogar schneller. Sie preschte voran und wies den Feldgeschworenen so den Weg zum nächsten steinernen Zeitzeugen.

Zahl vermutlich falsch gelesen

Die Suche nach dem von Pahl beschriebenen Stein aus dem Jahr 1308 blieb allerdings erfolglos. Trotz stundenlanger Suche war der nicht aufzufinden. Hendrik Beierstettel recherchierte daraufhin nach. Grenzsteinexperten sind sich einig, dass es kunstvoll gefertigte und mit Jahreszahl und Wappen versehene Grenzsteine erst ab dem 15. Jahrhundert gab. Da die Grenzstein-Jungs einige Steine aus dem Jahr 1508 fanden, vermuten sie nun, dass Pahl die vermutlich verwitterte Zahl schlichtweg falsch gelesen hat.

Stolz sind die jungen Feldgeschworenen und Kulturpfleger nicht nur auf ihre Arbeit, die sie mit den Mahden weiterführen, sondern auch auf den Preis, den sie erhalten. Hendrik Beierstettel hat sie für den Jugend- und Kulturlandschaftspreis des Vereins Schwäbischer Heimatbund vorgeschlagen. Verliehen wird ihnen nun der mit 500 Euro dotierte Sonderpreis „Kleindenkmale“ am 9. Oktober in Rottendorf. Phil hat schon ausgerechnet, wie viel jeder bekommt: „166,66 Euro.“