Tauberbischofsheim

Vortrag beim Akademikerverband Dr. Christoph Schmider referierte zum Thema „Conrad Gröber und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus“

Höchst umstrittener Erzbischof und Philosoph

Archivartikel

Tauberbischofsheim.Der Katholische Akademikerverband (KAV), Ortsvereinigung Tauberbischofsheim, veranstaltete in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk (KBW) einen Vortrag zum Thema „Erzbischof Conrad Gröber und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus“. Hierbei begrüßte die Vorsitzende des Bildungswerks, Hedwig Appel, eine große Zahl interessierter Zuhörer im Gemeindehaus St. Bonifatius. Ihr besonderer Gruß galt Referent Dr. Christoph Schmider, Historiker und Archivar (Freiburg), der sich als bester Beobachter der Diskussion über den umstrittenen Bischof Gröber erwies.

Zu Beginn seines Vortrags stellte der Schmider fest, dass die heftigen Debatten um Gröber, der vor 70 Jahren starb, immer wieder wellenartig aufbrechen. Als Wissenschaftler und Oberarchiv-Direktor des Erzbischöflichen Archivs in Freiburg und als Dozent an der Archivschule Marburg verwies er darauf, dass er das Verhalten des Erzbischofs nicht werten dürfe, sondern nur gewichtige Argumente über ihn sowohl in schriftlicher als auch grafischer Art sammeln und auflisten könne. Die hierbei veröffentlichten Ergebnisse deckten als Diskussionsbeiträge ein großes Spektrum vom „Nazibischof“ bis zum „Widerstandskämpfer“ ab, je nach Sichtweise und politischer Herkunft der jeweiligen Wortführer.

Als Beispiel nannte Schmider das von Bruno Schwalbach 1985 veröffentlichte Buch „Erzbischof Conrad Gröber und die nationalsozialistische Diktatur“. 1994 folgte von ihm eine weitere historische Arbeit: „Erzbischof Conrad Gröber und die deutsche Katastrophe“, die die Jahre nach Kriegsende bis zum Tod des Oberhirten beleuchten. Schwalbach habe vorwiegend die Quellen sprechen lassen, wobei schon deren Auswahl zeige, zu welchem Urteil er dem kritischen Leser verhelfen wolle. In einem Leserbrief vom Dezember 1994 in der Badischen Zeitung werde Erzbischof Conrad Gröber als „antisemitisches Oberhaupt der katholischen Kirche“ bezeichnet. Es sei daher nicht verwunderlich, dass bereits 1985 der Historiker Hugo Ott bemerkte, dass es nicht leicht falle, zu einem gerechten Urteil aus historischer Sicht zu gelangen.

In seinem Vortrag ging Schmider nach einer kurzen Auflistung von Gröbers Wirkungsorten auf dessen Biografie ein. Dabei befasste er sich vor allem mit seinem Wirken als Erzbischof von Freiburg (1932 bis 1948). Schmider stellte zunächst die politische und gesellschaftliche Situation der Kaiserzeit dar, in die Conrad Gröber geboren wurde und in der er aufgewachsen war. „Sie war geprägt vom Kulturkampf und vom Obrigkeitsdenken. Schon als Münsterpfarrer in Konstanz war Gröber durch sein Charisma und seine exzellente Redebegabung aufgefallen. Vor allem war er Theologe, Philosoph, Musensohn, Glaubensboote, und Kirchenfürst, der gerne ein Bad in der Menge nahm. Bei keinem seiner Auftritten aber kann man behaupten, dass er Diplomat war“, so der Referent. In seinen Briefen und Schriften würden Eigenschaften bekannt wie Leidenschaft, Einsatzbereitschaft, Begeisterungsfähigkeit und generell ein „überreiches Registerwerk seiner Seele“. Er habe sich auch über die Machtergreifung Hitlers begeistert und sei dem Förderverein der SS beigetreten.

Aufgrund seiner divergenten Geisteshaltung habe er sich nur unzureichend für seine vom Nazi-Regime verfolgten Diözesanpriester eingesetzt. Der Vorwurf, er habe nicht alles versucht, um die Hinrichtung von Max Josef Metzger durch die Nazis zu verhindern, sei – laut Archiv – zutreffend. Zu keiner Zeit habe er zum Widerstand gegen den Verbrecherstaat aufgerufen. „Fatal lesen sich auch mehrere antijüdische Äußerungen Gröbers.“ Daher könne man ihm zurecht eine antisemitische Haltung vorwerfen. Trotzdem habe er Untergrundhilfsorganisationen für Juden, sowie die Caritas-Aktivistin Gertrud Luckner bei ihren Rettungsaktionen für zum Christentum konvertierte Juden unterstützt.

„Nachdem er 1940 wie nur wenige Kirchenfürsten heftig gegen die Euthanasiemorde protestiert hatte, verlor er in der Gunst der Machthaber, so dass Goebbels in seinem Tagebuch von Landesverrat sprach. Hat Gröber noch anfangs an einen möglichen Brückenschlag zum Nationalsozialismus geglaubt, so ist er schon 1935 auf Gegenkurs gegangen“, erläuterte Schmider.

Die Diskussion über Erzbischof Conrad Gröber führe auch in seine Heimatstadt nach Meßkirch, wo er, wie auch an seinem Wirkungsort Freiburg, zum Ehrenbürger ernannt wurde. Hier wollen sich im Herbst bei einer Fachtagung die Historiker mit der Grauzone Gröbers auseinandersetzen und mehr Licht in die Verflechtungen bringen.

Nach einer sehr lebendigen Diskussion dankte Rosemarie Münch (KAV) dem Referenten für seine interessanten Ausführungen. emü