Tauberbischofsheim

Schlosskonzerte Das Stuttgarter Kammerorchester gastierte im Tauberbischofsheimer Rathaussaal und begeisterte restlos

Prall, lebendig und leidenschaftlich

Archivartikel

Tauberbischofsheim.Satt leuchtender Streicherglanz, Interpretationen voll Leidenschaft und Engagement, pralle, lebendige Musizierweise: Das letzte Konzert der gerade abgelaufenen Saison der Schlosskonzerte im wieder einmal ausverkauften Rathaussaal in Tauberbischofsheim sorgte noch mal für einen finalen und publikumswirksamen Höhepunkt in einer ohnehin künstlerisch hochkarätigen Folge von Veranstaltungen.

Verantwortlich dafür zeichnete das traditionsreiche, seit 70 Jahren bestehende Stuttgarter Kammerorchester unter Leitung seiner seit 2013 amtierenden Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit und einem klug zusammengestellten Programm mit Werken von Edvard Grieg, Pehr Henrik Nordgren und Astor Piazzolla.

Zupackende Frische

Der finnische Komponist Nordgren (1944 bis 2008) hat im Rahmen seines enorm umfangreichen und vielseitigen Schaffens viele unterschiedliche Kompositionstechniken, moderne und traditionelle, angewandt. In seiner 1976 entstandenen Suite „Pelimannimuotokuvia – Porträts of country fiddlers“(also von Geigern auf dem Lande) erweist er in vier Charakterstücken mit Titeln wie „Der Zupfer“ oder „Der Grübler“ der heimatlichen finnischen Folklore seine Reverenz. Mit wunderbar zupackender Frische, Spontaneität und Spielfreude präsentierte das Stuttgarter Ensemble unter dem impulsiven, fordernden Dirigat der Orchesterleiterin diese zeitlos-unterhaltsame Programmmusik, sowohl ihre melancholisch-introvertierten, ihre humorvollen (in dem historisierenden Menuett) als auch ihre wilden, ekstatischen Seiten, die in der besessenen Motorik und den Tanzrhythmen des Finales aufscheinen.

Edvard Griegs 1878 entstandenes Streichquartett g-moll in einer Version für Kammerorchester vertrat als zweites Beispiel „nordischer“ Tonkunst nach der Pause die romantische Epoche. Dass Grieg, der bedeutendste norwegische Musiker seiner Zeit, nicht nur mit seinen zwei unsterblichen Peer-Gynt-Suiten populären, sondern auch im anspruchsvollen Genre der Kammermusik reüssieren konnte, bewies er in diesem viersätzigen, sehr komplexen und vielschichtigen Werk, das heute zu den bedeutendsten Werken der Gattung zählt.

Effektvolle Wechsel

Thematische Geschlossenheit, effektvolle Wechsel zwischen lyrischen und dramatischen Teilen und eine ungemein reiches und faszinierendes Klangfarbenspektrum, das oft bereits impressionistische Züge aufweist. Besonders letzteres kam in der Orchesterversion mit der dafür wie geschaffenen Akustik des Rathaussaals wunderbar zur Geltung.

Elegische Soloeinlagen

Schöne, elegische Soloeinlagen von Bratsche und Cello verzauberten im Rahmen eines Ensembles, das auch in Hinsicht auf stimmliche Profiliertheit und Präzision eindrucksvoll agierte, besonders wenn man bedenkt, dass hier nicht vier, sondern vier mal vier Musiker(innen) unter der Leitung von Susanne von Gutzeit (die hier erneut einen tollen Job machte)den Quartettsatz realisierten.

Als eigentlichen Höhepunkt des Konzerts werden dessen ungeachtet viele die fünf Tangos von Astor Piazzolla in einer Version für Violoncello und Streichorchester(Bearbeitung Peter von Wienhardt) und dem Solisten Nikolaus von Bülow empfunden haben.

Es sind lauter Klassiker wie „Adio nonino“, „Milongo des angel“ oder „Oblivion“ dabei, Stücke, die den Weltruhm Piazzollas als Erneuerer des Tango begründet haben, und welches Soloinstrument lässt den spektakulär grandiosen, stolzen und schwermütigen Ton dieser Schöpfungen besser lebendig werden als dieses, dessen man nicht zu Unrecht immer mit dem der Menschenstimme in Beziehung gesetzt hat. Der Solist des Abends, Nikolaus von Bülow, tat denn auch das Seine (und das war nicht wenig), um mit der ihm eigenen Sprachgewalt, mit schlankem und hochexpressivem Ton die spezielle Stimmung und Atmosphäre der Stücke einzufangen, ihre Melancholie und Zärtlichkeit (in „Milongo del angel“), ihre rituelle Feierlichkeit („Fracanapa“), elegische Sehnsucht („Oblivion“) oder auch ihre unvermutete Heiterkeit und Lebenslust („Revirado“).

Klanglich betörend

Dazu konnte man sich immer mal wieder an dem klanglich betörenden Wechselspiel des Solisten von Bülow mit gelegentlich ebenfalls solistisch hervortretenden Streicherkollege(inn)en des inspiriert begleitenden Kammerorchesters erlaben. Riesenbeifall schon vor der Pause, der mit einer kleinen Piazzolla-Wiederholung belohnt wurde, und natürlich nach Konzertschluss, wofür sich das Stuttgarter Kammerorchester unter Leitung von Susanne von Gutzeit mit zwei kleinen Grieg-Stücken bedankte.

Übrigens: Das Programm der kommenden Schlosskonzertsaison steht bereits, wie man den Begrüßungsworten von Bürgermeister Wolfgang Vockel entnehmen konnte. Thomas Hess