Tauberbischofsheim

Liobafestwoche Das Thema der sechsten Auflage des Nachtcafés im Winfriedheim lautete „Gerechtigkeit! – Wir fair ist unsere Welt?“ / Verschiedene Blickwinkel aufgezeigt

Ungerechtigkeit ist oft eine Sache des Empfindens

Archivartikel

Das Thema Gerechtigkeit stand im Mittelpunkt der sechsten Auflage des Nachtcafés am Dienstag. Die Veranstaltung im Winfriedheim gehört zum Programm der Liobafestwoche.

Tauberbischofsheim. Ein fester Bestandteil der Liobafestwoche in Tauberbischofsheim ist das „Nachtcafé“. Liobafestausschuss-Vorsitzender Christian Wamser konnte am Dienstagabend im Winfriedheim zu diesem Gesprächsabend mit besonderen Gästen wieder viele Besucher willkommen heißen und freute sich mit Dagmar Wolf, die als Journalistin bereits in den Vorjahren mit einer perfekten Moderation überzeugte, überleiten zu können.

Dagmar Wolf freute sich, mit diesem sechsten Nachtcafé, diesmal zum Thema: „Gerechtigkeit! – Wie fair ist unsere Welt?“, verschiedene Perspektiven aufzeigen zu können. Wie oft sage man „Das ist nicht fair…“, allerdings falle die Beantwortung der Frage, was fair sei, sehr unterschiedlich aus. Weiter ging sie zur Einführung auf ein Zitat von Bundeskanzler Ludwig Erhard ein, der schon damals bei dem Begriff der Gerechtigkeit vor dem Missbrauch dieses Wortes warnte.

Dr. Alexander Jörg, Direktor des Amtsgericht Tauberbischofsheim, Jurist und Richter und damit der Vertreter der staatlichen Rechtspflege, griff dies auf, denn er ärgere sich, wenn in seinen Räumen jemand zu einem Urteil sage „Das ist ungerecht“, richtig sei „Das empfinde ich als ungerecht“.

Thorsten Kagerbauer, ehrenamtlich als Schiedsrichter vielfach tätig und als Vertreter der sportlichen Fairness dabei, fragte die Zuhörer, ob denn Sport grundsätzlich gerecht sei: Eine Mannschaft spielt 90 Minuten lang gut auf das gegnerische Tor und verliert doch. Er sei insoweit froh, dass 17 Regeln den Spielablauf definieren, gleichwohl habe er in einem Spiel bis zu 300 Entscheidungen zu treffen, im Kopf in Sekundenschnelle, unter Zeitdruck gefasst, stimme nicht jede dieser Entscheidungen. Trotzdem steht bei ihm die Gerechtigkeit für beide Parteien im Mittelpunkt.

Fairer Handel

Elisabeth Huba-Mang, Integrationsbeauftragte der Stadt Freudenberg und verantwortlich für die Steuerungsgruppe der Umsetzung als erste „Fair-Trade“-Stadt im Main-Tauber-Kreis, ging auf den Gerechten Handel ein: Kunde und Produzent müssen sich auf Augenhöhe begegnen. Faire Preise müssen angemessene Preise sein, zum Beispiel ein Kaffeebauer müsse immer gute Preise durchgängig ohne Schwankungen erhalten können. Zu den Standards gehören unter anderem soziale Themen, Ökologie und Ökonomie.

Yvonne Baumann, Heilpädagogin, Traumafachberaterin und Systemische Beraterin in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Caritasverbandes im Tauberkreis, wurde auf gerechte Erziehung angesprochen. Gibt es Gerechtigkeit in der Familie? Kinder fühlen sich nie gerecht behandelt, gerade wenn Geschwister da sind. Deshalb müssten Eltern Vorbild sein und darauf achten, keine falschen Prioritäten zu setzen.

Monika Becker, Vorsitzende der Nabu-Gruppe Tauberbischofsheim, wies auf das Bundesnaturschutzgesetz hin: ohne dies würde Raubbau egoistisch betrieben. Ihr ist die ökologische Vielfalt und eine nachhaltige Nutzungsfähigkeit wichtig, der Mensch müsse sich als Anwalt der Natur sehen.

Mit Maximilian Schröder war der jüngste Teilnehmer in dieser Runde dabei, noch Schüler und politisch interessiert und konnte aus jugendlicher Sicht zu diesem Themenkomplex beitragen. Er berichtete von einem Erlebnis in der Schule, bei dem er sich ungerecht behandelt fühlte, der Lehrer jedoch „am längeren Hebel“ gesessen habe.

Nach dieser ersten Runde leitete Dagmar Wolf geschickt verschiedene Aspekte auf die Podiumsteilnehmer über. So sei sich Dr. Jörg Alexander bei einem Urteilsspruch sicher, dass sich 50 Prozent als ungerecht behandelt fühlen würden. Deshalb seien ihm Vergleiche lieber, sind diese doch zur Gesichtswahrung besser vertretbar. Er nahm auch die Worte Recht und Gerechtigkeit näher unter die Lupe. Yvonne Baumann war es wichtig, dass Kinder eine Basis brauchen, dass sie angenommen und geliebt sind, da sei es leichter, mit ihnen über Gerechtigkeit zu sprechen. Maximilian Schröder warb dafür, Kinder und Jugendliche, wo immer möglich, mitsprechen zu lassen, so sei die SMV in den Schulen eine der Möglichkeiten.

Thorsten Kagerbauer sah im Sport immer die 50:50-Entscheidung. Eine Entscheidung müsse immer zügig gefällt werden, es gehe ja auch um den Spielfluss. Ob die Zuschauer immer fair seien? Am Raunen der Zuhörer war erkennbar, dass hier immer auch Emotionen im Spiel seien. Diese Emotionen zogen sich durch viele Beiträge der Podiumsteilnehmer in allen Bereichen – bis hin zum „fairen Einkauf“.

Bewusstes Einkaufen

Was gut verpackt sei, das verkaufe sich auch gut. Elisabeth Hug-Mang warb für bewusstes, gesundheitsgerechtes Einkaufen, kritisierte aber auch den „freien Handel“: Waren sind frei, werden weltweit gehandelt, aber die Menschen, die sie produzieren, müssten „daheim“ bleiben, bekämen nicht mal einen ordentlichen Produktionspreis für diese „Lebens-mittel“.

Der freie Handel sei nicht fair, er werde von Reichen und den Gegebenheiten an der Börse bestimmt. Sie forderte deshalb klare Regeln für Gerechtigkeit.

Dr. Jörg Alexander stellte fest, dass bei neuen Problemen meist auch neue Gesetze geschaffen würden. „Dabei bräuchten wir nicht mehr, sondern bessere Regeln“, meinte er. Das Recht müsse für möglichst viele Fälle anwendbar sein. Außerdem machte er deutlich, dass 50 Prozent aller Fälle oft fehlgeleitete Kommunikationsprobleme seien, die man anders hätte lösen können.

Monika Becker warb für mehr Umweltgerechtigkeit, die bei jedem vor Ort, im eigenen Garten beginne. Sie stellte die Arbeit der Nabu-Ortsgruppe kurz vor. Ihr sei es auch wichtig, die Bevölkerung zu sensibilisieren, zum Beispiel in Richtung Insektensterben und stellte an Beispielen dar, was man alles tun kann.

Yvonne Baumann sprach die Chancengerechtigkeit und Notwendigkeit von Bildung an. Viele Menschen können sich diese für ihre Kindern oft nicht leisten, dazu gehöre auch die Freizeitbildung, deshalb biete der Caritasverband verschiedene Hilfen an.

Nun kamen die Zuhörer zu Wort, um die Podiumsteilnehmer mit ihren Fragen anzusprechen. Hier machte Pfarrer Gerhard Hauk deutlich, dass vor Gott alle gleich seien, egal wo sie auf der Welt in welcher Situation seien. Am Beispiel einer zitierten Bibelstelle war es ihm wichtig, dass man allen Menschen das zukommen lässt, was ihre Existenz sichert. Leider seinen viele Menschen unter dem Existenzminimum, deshalb warnte er vor ungerechtem Handel.

In der Schlussrunde zur Frage, wie fair denn die Welt sei, waren sich die Podiumsteilnehmer im Wesentlichen einig, dass aus ihrer Sicht die Welt fair sei oder zumindest die Richtung stimme.

Mit fair gehandelten Produkten aus dem Weltladen dankten abschließend Christian Wamser und Beate Maier für die interessanten Blickwinkeln der Teilnehmer, die zum Nachdenken und Handeln anregten. Ein besonderer Dank ging an Dagmar Wolf, die eloquent durch den Abend führte und geschickt die Themen zu den einzelnen Personen brachte und für eine starke Bereicherung des Abends sorgte. bk