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Pop Ina Müller geht auf Tuchfühlung mit dem Publikum

Deftige und freche Lieder

Wenn auf jemanden die (freundlich gemeinte) Bezeichnung „Rampensau“ zutrifft, dann ist es Ina Müller. Und das an diesem heißen Sommerabend im Schwetzinger Schlosspark ganz besonders. Denn die Sängerin überspielt bei ihrem gut zweistündigen Auftritt mit ihrer Band auf der Openair-Bühne äußerst professionell ein aktuelles Handicap: Die norddeutsche Powerfrau hat sich nämlich bei einem Konzert am 24.Juli in Hamburg (am Vortag ihres 53.Geburtstags) den rechten Fuß gebrochen und hüpft nun mit hässlich-grauem Kunststoff-Starrfuß herum.

Schlimmer für sie wäre ganz sicherlich, wenn ihr das Mundwerk nicht so gewohnt locker funktionieren würde. So kokettiert Ina Müller geschickt mit ihrer Beeinträchtigung, singt 17 ihrer selbst geschriebenen Lieder und genießt deren Anmoderationen. Die Vollblut-Entertainerin zitiert mehrfach Erkenntnisse aus dem Büchlein „Unnnützes Wissen“ und sinniert gerne über die Reibungspunkte zwischen Mann und Frau. Ein Spruch gefällig? „Liebe ist das Licht des Lebens, und die Ehe ist die Stromrechnung.“

Gehörige Portion Mutterwitz

Und ihr „Klumpfuß“ hindert sie nicht daran, hinunter in ihr Publikum zu hinken. Erst angelt sie sich aus der ersten Reihe Dirk aus Worms Sie habe gelesen, dass Frauen am Gesicht des Mannes erkennen können, „ob der Mann fremdgegangen ist“. Da Ina nichts sehen kann, fragt sie den neben seiner Frau sitzenden Besucher eben direkt: „Bist du denn fremdgegangen?“ Dass Dirk nur lächelt, kommentiert sie mit: „Ich glaub, du bist sauber.“

Bei ihrem zweiten Besuch im Besucherraum stellt sie fest, dass Sanitäter nie, aber Securitykräfte „immer mit Tattoos überhäuft“ sind. „Wird das bei der Einstellung vorausgesetzt?“, fragt sie den jungen Sicherheitsmann an der Bühnen-Treppe. Aber Marcel schüttelt den Kopf und erntet Pluspunkte, als er ihr bei der Rückkehr auf die Bühne hilft. Dort überlegt sie kurz, ob sie sich vielleicht nicht auch irgendwo ein Tattoo verstecken sollte, verwirft diesen Gedanken aber schnell: „Man macht doch auch keinen Aufkleber auf einen Ferrari!“ Und der ist Baujahr 1965. Mitreißend, wenn man diese Temperament versprühende Musik-Kabarettistin leibhaftig erlebt.

Probleme des Älterwerdens

Mit ihrem ersten Lied „Aber dich“ stellt sie klar, dass Frauen Männer lieben, „so wie sie sind“, auch gerne mit dickem Bauch – „seitdem wir gehört haben, dass man aus seinen verstorbenen Liebsten Diamanten pressen lassen kann“. Zeitgemäß dann ihr zweiter Song „Sommer bald vorbei“, mit dem sie die Hoffnung auf einen langen kalten Winter verbindet. Ihre Probleme hat die Wahl-Hamburgerin mit den Falten im Gesicht, wo die doch am Hinterteil – wobei Ina die mit A beginnende derbere Bezeichnung dieses Körperteils bevorzugt – viel mehr Platz hätten und nicht so ins Auge fallen würden. Sie umschreibt diese Faltenlast in „Spieglein Spieglein“. Wie sie in einer Bauernfamilie zusammen mit vier Schwestern aufgewachsen ist, schildert sie nachfühlbar im Titel „Fünf Schwestern“.

Sie lässt auch wissen, dass Frauen nie genügend „Schuhe“ im Schrank haben können. Hemmschuh für das Nordlicht ist im Süden allerdings, dass sie sich nur ein Lied auf das von ihr seit Jahren propagierte und gepflegte Plattdeutsch traut. Schade drum! Denn in ihr „Mama“ legt sie so enorm viel Herz, dass dieser Titel zum Glanzpunkt des Abends wird.

Ergreifend ist auch ihr in die Zugaben gepacktes Lieblingslied „1000 Lichter“, das die meisten der mehr als 4000 Besucher auf Inas Wunsch hin mit Handy-Leuchten begleiten. Zum Abschluss stellt sie ihre Fünf- Männer-Band (zwei Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug) sowie ihre Backgroundsängerinnen Ulla und Sarah-Jane vor.

Die Musiker und die beiden Mitsängerinnen bereiten den Teppich, auf dem Ina Müller mit ihrer bisweilen an Nena erinnernden Stimme auf höchst unterhaltsame Weise lustwandelt.