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Theater Heilbronn Dank toller Besetzung begeistert „Die Tanzstunde“ im Komödienhaus

Ein skurriles Lustspiel

Ihre Karriere steht auf dem Spiel. Eine schwere Knieverletzung zwingt die Tänzerin Senga Quinn zur Bettruhe. Bewegen kann sie sich nur dank einer Gehhilfe. Hochfliegende Zukunftspläne sind in weite Ferne gerückt. In ihrer misslichen Lage hat sie sich in ihr – reichlich mit Kuschelkissen ausgestattetes Zimmer – eingeigelt. Urplötzlich wird ihre Ruhe gestört: „Ich bin Ever Montgomery. Hören Sie mich? Könnten Sie bitte zu erkennen geben, ob Sie mich hören? Aus meinem Tonfall spricht Verzweiflung!“ Der Überfall des Nachbarn zur Unzeit vermiest Senga die Laune. Sie hält Ever für einen Stalker und weist ihn schroff ab.

Zwei ungleiche Charaktere

In der Komödie „Die Tanzstunde“ – bis einschließlich Silvester im Komödienhaus auf dem Spielplan des Theaters Heilbronn – prallen zwei ungleiche Charaktere aufeinander. Auch Ever, Professor für Geowissenschaften, ist Single und auch er befindet sich im Ausnahmezustand: Anlässlich einer Preisverleihung soll er das Tanzbein schwingen. Tanzen ist für ihn Neuland, vermintes zumal, da er jeglichen Körperkontakt verabscheut. Aber er möchte sich nicht blamieren und für diesen besonderen Anlass schnell ein paar Tanzschritte erlernen.

Hier der verkopfte Sonderling, da die perfekte Verkörperung einer Profitänzerin – dazwischen liegen Welten und die Handicaps der Protagonisten. Die weidet der Autor Mark St. Germain vergnüglich aus. Ob Sengas Lese-Rechtschreib-Störung auf zerrüttete Familienverhältnissen zurückzuführen oder genetisch bedingt ist, bleibt offen. Vertan hat sich ihr legasthenischer Namensgeber, denn eigentlich sollte sie Agnes (Senga rückwärts) heißen. Zudem hat die Ärmste noch eine Narkose-Allergie, was die notwendige Knie-Operation unmöglich macht – es sei denn, man findet einen Akupunkteur.

Mit wachsender Lust an der Pathologisierung seiner Figuren baut der Autor auch Evers Malaise aus: „Mein Kopf fühlt sich an, als ob zehn Fernseher laufen und gerade hat noch jemand das Radio eingeschaltet“, stellt er fest.

Er leidet (unter anderem) an einer Reizfilter-Schwäche. „Sie geben sich solche Mühe neurotypisch zu sein. Wurden Sie mal auf Autismus untersucht? “, tastet sich Senga höflich vor. „Ich versuche nur, die Erwartungen von Neurotypen zu erfüllen“, antwortet er („neurotypisch“ meint aus der Perspektive von Autisten „normal“).

Und welche Macken hat der Autor? Das Konterfei zeigt einen bärtigen, älteren Herrn, der könnte durchaus Professor sein. Ein etwas vergesslicher, denn er weder sein Geburtsdatum noch sein Geburtsort sind im Internet zu finden. Oder ist Mark St. Germain ein Pseudonym?

Das Bühnenbild, die Inszenierung und vor allem die Besetzung. Gabriel Kemmether als überkorrekter Pedant, unterfüttert die Figur des weltentrückten Professors mit der unbeholfenen Komik und ernsten Mimik eines Buster Keaton. Minimalistisch, ohne die Klischees des Autisten zu strapazieren, ist seine Figur bei aller Skurrilität glaubwürdig. Schlank und (trotz Prothese) beweglich, erkennt man (Kapuzenpulli und Leggings) in Bettina Langeheins rauer Schale die Eleganz einer Grace Kelly. Keaton und Kelly, dazu eine Prise Stadtneurotiker, das ist der Stoff, aus dem in den USA Träume entworfen werden. Senga lebt abgekapselt in einem runden, leicht erhöhten, nach hinten ansteigenden Raum, eine Art Kokon, dessen Wände durch einen Streifencode (der auch ein abstrahierter Zaun sein könnte) semitransparent sind. Wie ein Alien umschwirrt Ever die Kemenate seiner Tanzlehrerin. Öffnet sie die Schiebetür, blickt man auf eine Projektionsfläche im Hintergrund.

Hier werden mal Bilder vom Smartphone (der Protagonisten) vergrößert eingeblendet, oder der Zusammenschnitt aus Fragmenten berühmter Tanzfilme demonstriert, wie das Buchstabieren erster Tanzschritte im Idealfall – also dem Hollywood-Film – aussehen könnte. Das aussagekräftige Bühnenbild (Ausstattung: Tom Presting, Licht: Carsten George) geht mit dem Flow der Inszenierung (Regie: Folke Braband, Dramaturgie: Sophie Püschel) Hand in Hand. Die Heilbronner Produktion ist ein fantastisch durchdachtes, gut strukturiertes Lustspiel. Bravo!