Veranstaltungen

Open-Air Die „Rolling Stones“ rocken am Samstag die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena, und 43 000 Fans geraten regelrecht au dem Häuschen

Es ist nur Rock’n’Roll, aber ich liebe ihn

Archivartikel

„Wir spielen jetzt das dritte Mal hier und der Name des Stadions ist immer wieder anders, aber die Lieder sind die gleichen“. Den Worten Mick Jaggers folgt am Samstag ein über zweistündiges Hit-Feuerwerk der „Rolling Stones“ in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena. Und in der Tat hat die nach wie vor größte Rock’n’Roll-Band der Welt nahezu alle ihre großen Hits am Start. Wie gewohnt hauen sie ihre Klassiker schnoddrig, roh und mit viel Energie den Fans um die Ohren. Die rund 43 000 Fans geraten regelrecht aus dem Häuschen, so dass sich das Stadion in einen brodelnden Hexenkessel verwandelt. „A night to remember“, würde der Engländer sagen. Einfach klasse.

Für Stones-Verhältnisse ist es schon eher ein intimer Rahmen. Normalerweise gehen ihre Konzerte vor 70 000 Leuten und mehr über die Bühne. Da ist es in der Mercedes-Benz-Arena schon fast kuschelig. Die Fans sind nah dran und sie danken es den „Rolling Stones“ mit enthusiastischen Reaktionen. Selbst auf den teuren Sitzplätzen direkt vor der Bühne hält es von den ersten Akkorden des Openers „Street Fighting Man“ keinen auf den Stühlen. Beim zweiten Song „It’s only rock’n’roll (but I like it)“ ist er schon da, der Chor aus tausenden von Kehlen, singt das Publikum frenetisch mit. Die Stuttgarter erweisen sich einmal mehr als Feierbiester und sorgen so mit dafür, dass die Atmosphäre in dieser lauen Sommernacht eine außerordentliche ist.

Rumpelt der Sound bei den beiden Openern noch ein wenig, ist er ab dem dritten Song „Tumbling dice“ für Freiluftverhältnisse richtig gut und schraubt die Songs mit ordentlich Volumen und Lautstärke in die Gehörgänge. Und was noch viel besser ist: Die alten Gassenhauer, die schon mehr als 50 Jahre auf dem Buckel haben, sind kein bisschen ranzig, sondern kommen taufrisch daher, serviert von einer Band, die sich gefühlt im 198. Frühling befindet und der sowieso alles egal ist. Sie hat einfach Spaß am eigenen Tun und musikalischen Schaffen.

Natürlich liebt Mick Jagger die großen Gesten, darf’s bei der Show gern ein bisschen mehr sein. Die riesigen Quader mit ihren von der Bildqualität her grandiosen LED-Wänden suchen ihresgleichen. Aber mehr Gimmicks gibt es kaum. Der Fokus liegt auf der Musik und der geradlinig rockenden Combo. Und genau darin besteht der Schlüssel des Erfolgs. Im Grunde sind die „Rolling Stones“ sich treu und die rotzige Blues-Rock-Band der 60er Jahre, die in den Londoner Clubs beheimatet war und für Furore sorgte, geblieben.

Bestes musikalisches Beispiel dafür ist „Midnight Rambler“, das sie nahtlos an ihren Disco-Ausflug „Miss you“ roh unters Volk wuchten. Der Song scheint sowieso der Lieblingssong der Band zu sein. Während alle anderen Hits bisweilen aus der Setlist gepurzelt sind, spielen sie diesen Blues-Rumpler jedes Mal. Dabei rücken sie ganz nah zusammen, als ob sie im Probenraum wären. Mick Jagger greift zur Mundharmonika, die Gitarren kreischen und schrammeln. Selbst der sonst stoisch und kerzengerade, als ob er einen Besenstiel im Kreuz hätte, sitzende Charlie Watts gerät in Wallung. Da wird die Band dem Titel der Tour „No Filter“ mehr als gerecht und erntet verdiente Beifallsstürme.

Die musikalische Erdung ist in erster Linie den Gitarristen Keith Richards und Ron Wood zu verdanken. Letzteren stellt Mick Jagger als „Meister der Kehrwoche“ vor. Mit ihren Riffs und Licks, die immer etwas knapp daneben und einfach so dahingerotzt wirken, fegen sie jegliche Poliertheit und lähmende Routine bei den Klassikern aus den Songs.

Mick Jagger ist natürlich der Dreh- und Angelpunkt der Show. Wie üblich liefert er einige Ansagen auf Deutsch und macht ein paar Witze zur Location. So findet er, dass Stuttgart eine tolle Stadt ist und er hier gerne im Baugewerbe tätig wäre. Jagger präsentiert sich einmal mehr topfit, sprintet unermüdlich von einem Bühnenende zum anderen. Schwamm drüber, dass ein paar Gesangsparts suboptimal sind.

Im Gegensatz zum letzten Jahr ist von ihrem Cover-Album „Blue & Lonesome“ nur ein Song „Ride em on Down“ in der Setlist übrig geblieben. Keith Richards darf wie immer für zwei Songs ans Mikro, was er eher sportlich sieht. „Mit einem „Ich probier’s dann mal“ legt er los und erntet für die doch eher rudimentäre Darbietung mehr als wohlwollenden Applaus.

Ansonsten stehen die Zeichen auf „Hitparade“. Besonders honoriert vom Publikum, das im Übrigen aus allen Generationen mit einem überraschend hohen Anteil jüngerer Fans besteht, dass sie Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ wieder im Repertoire haben. Die vier Stones und ihre sieben Begleit-Musiker marschieren stramm durchs Programm, nehmen nur einmal bei „You Can’t always get what you want“ ein wenig Tempo raus.

„Sympathy for the Devil“ (die Bühne in blutrote Farbe getauft), „Miss You“ (die LED-Wände leuchten in Neon-Farben) und die anderen Hits bis zum finalen „Satisfaction“ zünden. Das musikalische Monster „Gimme Schelter“, das betulich beginnt und sich zum überbordenden Klangorkan steigert, hat als erste Zugabe einen würdigen Platz gefunden und dringt unwiderstehlich in Kopf und Bauch.

In der letzten Woche „Guns’n’Roses“, die Rock-Rotzlöffel der 1990er Jahre in Mannheim und am Samstag nun die Stones, die Rabauken-Truppe aus den 1960er Jahren in Stuttgart. Beide stilprägend im Rock-Genre in ihren Anfangstagen und beide in die Jahre gekommen.

Wer hat die Zeit besser weggesteckt? Hier muss man eindeutig konstatieren, dass die Altherren-Truppe aus London die Zeit besser überstanden hat, als die einst Wilden aus Amerika. Zwar haben die „Gunners“ eine Spielzeit von über drei Stunden hingelegt, hat sich Gitarrist Slash virtuos durch die Rockgeschichte gespielt, so wurden aber auch einige Längen produziert.

Die „Stones“ hingegen bringen es in etwas mehr als zwei Stunden auf den Punkt und wirken dabei weitaus vitaler. Die Show hat wesentlich mehr Drive. Hier ist nichts künstlich jung gehalten. Die Oldies stehen zu ihren Falten und ihrer Kauzigkeit.

Das aufgehübschte und künstlich auf jung getrimmte Gesicht von Axel Rose, dem Mickey Rourke des Rock’n’Rolls, spricht da Bände. Die Show in Mannheim war gut, zweifelsohne, aber in den letzten Jahren ging bei „Guns’n’Roses“ eine Menge an Authentizität und auch ihrer ursprüngliche Rohheit verloren, während die Stones zerfurcht wie eh und je ihr Ding durchziehen, nach dem Motto „Liebt uns oder hasst uns“.

Wenn die „Rolling Stones“ so in Form sind wie am Samstag in Stuttgart, werden sie die Fans auf ewig lieben und zufrieden nach Hause gehen.

So lange ist auch der Abschiedsgruß „Bis bald“ keine Drohung, sondern eine frohe Botschaft.