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FN-Interview Julia Engelmann spricht über ihre Blitz-Karriere

„Ich versuche, bei mir immer ehrlich zu sein“

Das YouTube-Video eines Poetry Slam-Auftritts katapultierte 2014 Julia Engelmann ans Licht der Öffentlichkeit. Ihr Vortrag - angelehnt an das Lied „One Day/Reckoning Song“ – wurde innerhalb kurzer Zeit hunderttausendfach angeklickt und durch die Sozialen Netzwerke weitergeteilt. Inzwischen hat das Video des Bielefelder Hörsaal-Slams über elf Millionen Aufrufe. Für Julia Engelmann folgten Bestsellerbücher sowie weitere Auftritte und Tourneen. Im Interview erzählt die 26-Jährige, wie es für sie war, so schnell bekannt zu werden und was ihr bei ihrer Arbeit wichtig ist. Künstlerisch geht sie zudem neue Pfade und wird Songs ihres Musikdebütalbums „Poesiealbum“ bei einer Open Air-Tour präsentieren. Am 20. Juli kommt sie nach Mosbach in den Großen Elzpark.

Als Sie 2013 am Bielefelder Hörsaal-Slam teilnahmen, war Ihnen da bewusst, dass ein Poetry Slam ein solches Sprungbrett für eine Künstlerkarriere sein kann?

Julia Engelmann: Ich kannte einige Namen und wusste, dass andere ihren Lebensunterhalt damit verdienen. Aber diese Absicht war nichts, was bei mir mitschwang. Poetry Slam war für mich ein reines Hobby und so bin ich es angegangen.

Hazel Brugger, inzwischen fester Part der „heute show“, oder „das Lumpenpack“ haben ihre ersten Gehversuche auch im Poetry Slam unternommen. Wenn Sie das vergleichen, hätten Sie sich für Ihre eigene Entwicklung auch gerne mehr Zeit außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung gewünscht?

Engelmann: Nein. Ich bin super dankbar dafür, wie es gelaufen ist. Dieser Auftritt, diese Bekanntheit, das hat mir sehr viel ermöglicht. Von mir hat ja keiner irgendwas verlangt. Alles was ich danach gemacht habe, habe ich gemacht, weil ich es wollte. Und wenn ich auf diese Zeit schaue, denke ich, habe ich mich auch, nur eben in meinem Tempo und auf meine Weise, entwickelt.

Von heute auf morgen beurteilt zu werden, wie sind Sie damit umgegangen? Vor allem in den Sozialen Netzwerken ist man mit seiner Arbeit einer Flut von Meinungen und Kritik ausgesetzt . . .

Engelmann: Ich kannte davor keine Massenkritik, aber eben auch kein Massenlob. Und diese vielen positiven Zuschriften sind es, die meiner Arbeit einen Sinn geben. Darauf konzentriere ich mich. Auf die Menschen, denen meine Texte und Aussagen viel bedeuten. So erreichen mich jeden Tag viele Zuschriften, in denen mir Menschen berichten, dass sie etwa einen Spruch von mir als Hochzeitseinladung verwendet haben oder ein Lied in einer schwierigen oder traurigen Situation Halt gab. Es ist bewegend, die Geschichten und Nachrichten zu lesen und zu erfahren, was mit meinen Gedanken und meiner Arbeit durch andere Menschen entsteht, die es mit in ihren Alltag nehmen. Das macht es fast zu einer Art Gemeinschaftserlebnis. Das macht mich froh.

Und was antworten Sie auf negative Kritik?

Engelmann: Nichts. Kritik ist ja keine Frage. Darum gibt es auch keine Antwort. Wissen Sie, es gibt ja keine Vorgabe, was gut oder schlecht ist. Jeder darf sagen, was er möchte. Und es gibt Menschen, denen bedeuten meine Texte sehr viel. Für die mache ich das. Ich selbst fand es auch immer sehr hilfreich, wenn jemand anderes sich äußert und etwas von sich Preis gibt. Dadurch hatte ich ein Angebot, wie man mit einer Situation umgehen soll oder kann. Dadurch fühlt man sich vielleicht besser, zumindest okayer. Denn oft kann es so wirken, als wüssten die anderen genau, was sie machen. Aber wenn jemand offen ist, sieht man, dass nicht alles glatt läuft und er auch „struggelt“. Deshalb versuche ich bei mir auch immer ehrlich und offen zu sein und dieses Angebot zu machen.

Wie in einem Ihrer Texte: „Stille Wasser sind attraktiv“, der kurze Zeit nach dem „One Day“-Auftritt entstand . . .

Engelmann: Genau, auch der ist aus der gleichen aufrichtigen Motivation entstanden, mich zu öffnen. Ich will mich bei meinen Texten wohlfühlen, mich fallen lassen, reinlegen und wie gesagt, einfach ehrlich sein können.

„Grüner wird’s nicht“ ist ein Song Ihres Albums „Poesiealbum“. Darin geht es um verpasste Chancen und solange auf den richtigen Moment zu warten, bis er vorbei ist. Entstand der Song aus einer eigenen Erfahrung heraus?

Engelmann: Ich glaube, das Leben, die Entwicklung funktioniert so. Das gehört dazu. Ich denke dann manchmal auch, ach, das hätte ich gerne anders gemacht und da habe ich jetzt was verpasst. Jede Entscheidung, etwas zu tun, ist eine Entscheidung gegen etwas anderes und da verpasst man womöglich auch was.

Was konkret?

Engelmann: Zwischenmenschliche Dinge. Es ist zum Beispiel das Gefühl, von einer Party zu früh gegangen zu sein. Ein nettes Lächeln auf das kein Gespräch folgt. Oder ein blödes Bauchgefühl, das aber unausgesprochen bleibt. Und man fragt sich, wie etwas wohl anders verlaufen wäre.

Ist das Lied ein Aufruf, das Leben in die eigene Hand zu nehmen?

Engelmann: Ja. Es gibt Dinge, die wir nicht in der Hand haben. Krankheiten, Naturkatastrophen, solche Sachen. Aber wie ich auf das Leben blicke und wie ich es angehe, darauf habe ich Einfluss und kann es aktiv gestalten.

Um noch mal auf die Poetry Slam-Zeit zurückzukommen: Vor dem großen Erfolg sind Sie auch in

Würzburg aufgetreten . . .

Engelmann: In der Posthalle. Ja, ich erinnere mich.

Wie war das für Sie?

Engelmann: Ich weiß noch, dass wir nach dem Auftritt im Hostelzimmer die Geschenketasche durchgesehen und aufgeteilt haben. Als Preise an die Slammer werden dort ja immer die Tüten durch das Publikum gegeben und jeder schmeißt was rein. Ich habe mir einen Converse-, also der Schuh, -Schlüsselanhänger mitgenommen, den ich danach noch lange mit mir rumgetragen habe.

Christian Ritter, Organisator und Moderator des „WüSlams“ in der Posthalle, wurde bei Ihrem vielbeachteten Auftritt in Bielefeld 2013 Erster, sagt er . . .

Engelmann: Stimmt. Ich wurde nur Fünfte, meine ich.

Hätten Sie eigentlich Lust, nochmal an einem Slam teilzunehmen?

Engelmann: Das ist schon eine ganze Weile her, aber ich würde es nicht ausschließen. Lust hätte ich schon irgendwie. Durch die Tour und die Arbeit an meinem neuen Buch wird es kurzfristig schwierig, das zeitlich unterzukriegen. Aber eventuell in Berlin, wo ich wohne, irgendwann mal wieder. Jetzt freue ich mich aber erstmal unglaublich auf die Projekte, die anstehen. Ich will nicht zu weit im Voraus planen. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass sich vieles anders entwickelt, als man vermutet. Daher lebe ich gerne im Hier und Jetzt.