Veranstaltungen

Kammerspiele am Mainfranken Theater Jugendstück „Patricks Trick“ aufgeführt

Raffiniert gestrickte Dialoge

Archivartikel

Eine kostbare knappe Stunde verbrachten die Premierengäste von Kristo Agors Jugendstück „Patricks Trick“ in den Kammerspielen am Mainfranken Theater Würzburg. Kostbar deshalb, weil Cedric von Borries und Hannes Berg verblüffend optimistisch und ganz ohne falsche Tränen in zwölf Rollen die Stimmungsschwankungen einer Familie mit allen Ängsten und Sorgen durchlebten, die vor der Geburt eines Kindes von einer heute noch weder heil- noch behandelbaren Chromosomen-Veränderung erfährt. Ein Besuch dieses mit dem Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg 2014 ausgezeichneten Stücks empfiehlt sich ab einem Alter von neun bis zehn Jahren.

Die raffiniert gestrickten Dialoge sind reich an Assoziationen und stellen auch erwachsene Zuhörer zufrieden. Schwebend-leicht und mit absurd-komischen, im Sekundentakt wechselnden Rollenspielen, die konsequent ohne Requisiten, dafür mit stringenter Mimik und Gestik auch den noch ungeborenen Bruder einbezogen, erzählte das junge Schauspieler-Duo eine nicht ganz ungewöhnliche Geschichte: Der elfjährige Patrick belauscht seine besorgten Eltern zufällig bei Gesprächen in der Küche und bekommt mit, dass er den so sehnlich gewünschten Bruder bekommen wird, mit dem ungeborenen Kind aber etwas nicht stimmt. Vielleicht wird es nie richtig sprechen lernen.

Reise in die Welt der Fantasie

Im Bestreben, seinem Bruder zu helfen, reist er in seiner Fantasie mit diesem in die Welt der Erwachsenen. Patrick sucht Hilfe bei seinem Kumpel Valentin, dem strengen Lehrer Hansen und einer lebensklugen Lehrerin Schlepper. Selbst den Rat eines kroatischen Boxers, einer Gemüsefrau und eines leibhaftigen Professors verschmäht er nicht und erfährt viel über den Spracherwerb als langen Lernprozess, mit den Menschen seiner Umgebung in eine Beziehung zu treten.

Patrick lernt scheinbar nebenbei viel über sich selbst, um so besser den Bruder zu verstehen und willkommen zu heißen. Denn eigentlich hat er sich einen älteren Bruder, etwa mittels einer Adoption gewünscht, wie er seinem Freund Valentin erklärt. Jetzt wird er eines Tages selbst der ältere Bruder sein. Auf diese neue Rolle mit einem Bruder, der nicht auf die Welt kommen wird, um so zu sein, wie andere ihn haben wollen, will er vorbereitet sein.

Regisseur Tim Egloff hatte das untrügliche Gespür für die werthaltigen Dialoge und umging wie der Autor alle Fallstricke, die sich rund um das Thema Behinderung auftun; erst in der zweiten Hälfte des Stücks ist das Wort „behindert“ einmal zu hören, um gleich den Slogan der weltweiten Bewegung aufzugreifen: „Behindert ist man nicht, behindert wird man.“ ferö