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Neuauflage Musical „Rocky Horror Show“ rockt das Publikum bei den Schlossfestspielen in Zwingenberg

Spektakel der Extraklasse hautnah erlebt

Archivartikel

Temperaturen von noch über 30 Grad konnten Hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauer nicht daran hindern, in spektakulärer Kulisse über dem Neckar die Neuauflage der „Rocky Horror Show“ im Rahmen der 36. Burgfestspiele in Schloss Zwingenberg zu genießen. Die zahlreichen Musicalfreunde fieberten in langen Schlangen schon lange vor der Veranstaltung und spürbarer Vorfreude der zeitlosen Geschichte eines prüden Paares und seiner Nacht mit außerirdischen Transvestiten entgegen.

Die Stimmung stieg stetig und die Leute kamen voll auf ihre Kosten. Intendant Rainer Roos, Regisseur Simon Eichenberger und die internationaler Besetzung aus Europa und Amerika ist erneut, wie im letzten Jahr, ein musicalisches Highlight der Extraklasse gelungen, in dem das Publikum von Anfang an mitten drin statt nur dabei war.

Die beiden verklemmten Verlobten, der hibbelige und unterbelichtete Brad Majors (David Lee Krohn) und die überdrehte Janet (interpretiert von Jana Marie Gropp) bleiben im Regen mit dem Auto liegen und erleben die Nacht ihres Lebens. Auf ihrer Suche nach einem Telefon geraten sie in das Schloss des lüstern-dominanten und skrupellosen außerirdischen Transvestiten, Dr. Frank N. Furter. Dieser wird gespielt von Gino Emnes aus Den Haag. Unterstützt wird dessen Treiben von seinem buckligen, aber keineswegs steifen Buttler Riff-Raff, dargestellt von „Soko“-Darsteller Michael Gaedt, einem ostschwäbischen Entertainer mit bodenständiger Handwerksausbildung.

Ihnen zur Seite stehen noch Magenta, gespielt von der Österreicherin Ines Hengl-Pirker, einer gefühlvollen Sängerin, und einem gefallenen Groupie Frank N. Furters namens Columbia, dargeboten von Bianca Spiegel.

Opfer dieser extraterrestrischen Truppe in futuristischen Kostümen sind zunächst Rocky, ein Retortenmensch, der nur zum sexuellen Vergnügen Frank N. Furters von diesem erschaffen wurde und auch sofort herhalten darf. Rocky, ein eingeölter wie gleichsam lüsterner Muskelmann, gespielt von Malcolm Quinnten Henry, denkt aber gar nicht daran, nur einem Herren zu „dienen“.

Komplizierte Situation

Eddie hingegen hatte weniger „Glück“. Das Gehirn des Rockers wurde für die Erschaffung Rockys gebraucht. Er wird von Furter getötet, worauf die entsetzte Columbia, die wohl von Eddie angetan ist, fast die Seiten wechselt. Das ist das Ende des Neffen von Dr. Everett Scott, dem Lehrer von Brad und Janet, zu dem die beiden unterwegs waren.

Es folgt die „Hochzeit“ Furters mit Rocky . Dann lässt sich Janet von Furter hemmungslos „emanzipieren“. Im Schloss trifft sie auf den ebenfalls geflüchteten Rocky. Auch Brad kommt in den Genuss der „besonderen Zuwendungen“ des stets lüsternen Schlossherren. Janet, nun nicht mehr prüde, landet in den Armen des von ihr zuvor geschmähten Muskelprotzes Rocky. Passend dazu singt Janet beglückt ihr Lied „Wanna be dirty“ (Will schmutzig sein).

Verkompliziert wird die Situation durch das Auftauchen von Dr. Everett Scott. Der Naturkundler ist zugleich Beauftragter gegen das Außerirdischenunwesen und greift auf der Suche nach seinem „hirnlosen“ Neffen ins Geschehen ein. Eddie und Scott, einer Einstein-Kopie im Rollstuhl, werden gespielt von Dave Moskin aus New Jersey (USA).

Frank N. Furter rächt sich für das vermeintliche Komplott seiner irdischen Gäste, indem er Brad, Janet, Rocky und Everett Scott in seiner „Flurshow“ zur Unterhaltung erniedrigen will. Nur Magenta ist geblieben und erhält für ihre Loyalität warme Worte. Die „Flurshow“ hat es nun in sich. Rocky, Scott, Brad und Janet in Tutu und Strapsen müssen die Eskapaden des Schlossherrn über sich ergehen lassen. Riff-Raff und Magenta befreien die Welt von Frank N. Furter, für den sich Columbia zuvor opfert. Die beiden töten auch noch Rocky und kündigen deren alleinige Rückkehr zu ihrem Heimatplaneten an. Sie werfen die Irdischen aus dem Schloss. Noch in Strapsen, finden sich Brad, Janet und Scott nach diesem (Alb)Traum vor dem verlassenen Auto wieder.

Heimliche Muse

Als Erzähler und heimliche Muse des Publikums fungiert Uwe Kröger.. Phantoms waren Lisa-Maria Wehle, Alexander Gellner, Carina Huber, Christin Reiter, Valerie Wilhelm und Isabell Zimmermann. Futuristische Kostüme, knackige Lichteffekte und ein mitfieberndes Publikum, das stets mittendrin, statt nur dabei war, machten diesen lauen Abend zu einem besonderen Erlebnis. Vor allem der Erzähler und der im Krönungsornat auftretende Frank N. Furter hatten es den Zuschauern angetan. Gleiches galt für die beiden mit der Situation überforderten Verlobten, die sich der Sache aber schnell und jeder auf ihre ganz spezielle Weise öffneten und dafür ebenfalls prasselnden Beifall erhielten.

Das Erscheinen der Lichtstäbe im Publikum, die spontanen Seifenblasen, spontaner Beifall und Zwischenrufe während der gut zweistündigen Musikdarbietung waren nichts gegen das Geschehen am Ende. Ohrenbetäubender Jubel, Tanzeinlagen einzelner Zuschauer, angefeuert von den Sängerinnen und Sängern, rhythmischer Applaus in lang anhaltendem Standing Ovation waren der Lohn für eine großartige schauspielerische, musikalische und gesangliche Leistung des Ensembles unter von Gino Emnes.

Was aber ist das Geheimnis des Erfolgs dieses Musicals? The Rocky Horror Show wurde aus bescheidenen, steinigen Anfängen heraus eine globale Erfolgsgeschichte. Schöpfer Richard O‘Brien schuf Anfang der 70er (s)eine Mischung aus Horror, Humor, Science-Fiction und Pop. O´Brien hatte mit seinem lustig-kreativen Aufruf gegen Prüderie und für Toleranz mit seinem freakig-gruseligen Musical den Nerv junger Menschen getroffen. Und das tut er noch heute, wie man an der Aufführung in Zwingenberg sieht.

Es ist ein Musical, in dem es normal und besonders zugleich ist, anders zu sein. Ein Musical, das auf spezielle Weise unaufdringlich aufdringlich ist.