Walldürn

Festakt in Reinhardsachsen Am Rathaus wurde die Replik eines römischen Zeugnisses angebracht

Altarstein mit einer langen Geschichte

Archivartikel

Ein Stück regionale Identität ist seit Donnerstag am Rathaus in Reinhardsachen zu sehen. Dort wurde eine Replik eines römischen Altarsteins enthüllt. Beleuchtet wurde auch die Geschichte der Römer.

Reinhardsachsen. 55 mal 63 Zentimeter misst die originalgetreue Replik des römischen Altarsteins des Kleinkastells Haselberg, die in die Fassade des Reinhardsachsener Rathauses eingearbeitet und am Donnerstag während einem kleinen Festakt enthüllt und eingeweiht wurde.

Bürgermeister Markus Günther eröffnete die Feierstunde und ging auf das Tun von Archäologen ein, deren Forschungsergebnisse oft als „Fenster ins alltägliche Leben der Vergangenheit“ anzusehen seien. Gerade bezüglich des im Juli 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe erhobenen obergermanisch-rätischen Limes entstehen faszinierende Einblicke in die Lebensweise und den Götterglauben der Römer, wozu auch der Altarstein seinen Beitrag leiste.

Stein nun sicherer

Freude herrschte auch darüber, dass der witterungsanfällige Sandstein nun sicherer sei – immerhin wurde das Original um 1960 in das Mauerwerk des damals erbauten Neuen Rathauses integriert und äußeren Einflüssen ausgesetzt, was dem „Zahn der Zeit“ freie Hand ließ. Als „sehr wünschenswert“ erachtete es Günther, den Stein als Exponat in das neukonzipierte Heimat- und Wallfahrtsmuseums einzubinden; ebenso galt sein Dank der Limes-Informationszentrale Baden-Württemberg für die partnerschaftliche Zusammenarbeit.

Vertrautes Bild gewahrt

Dass der Stein „weit mehr als eine gefüllte Lücke an der Fassade des Rathauses darstellt“, konstatierte Landrat Dr. Achim Brötel. Weiterhin betonte er, dass man Reinhardsachsen mit der Enthüllung der Replik „ein Stück regionale Identität zurückgab“, gerade weil der Ort authentisch bleibt, werde das römische Erbe des Region bewahrt und gerät nicht in Vergessenheit.

„Auch wird das über Jahrzehnte vertraute Bild des Altars durch das Anbringen dieser Nachbildung gewahrt“, merkte er an und dankte Bürgermeister Markus Günther, Ortsvorsteher Wilfried Kister und dem durch Dr. Stephan Bender vertretenen Landesamt für Denkmalpflege, welches die Initiative zum Schutz des Altars und der neuen Forschungen rund um das Kleinkastell Haselburg ergriffen hatte; fernerhin wurden die Mittel für die Arbeiten am Altar und die Forschungsarbeiten durch das Landesamt für Denkmalpflege bereitgestellt.

„Schöner Mosaikstein“

Abschließend erwähnte Brötel die Planung des „Limessteigs“, der von Mosbach über Schloßau, Reinhardsachsen und Walldürn führen solle, ehe er am Osterburkener Römermuseum endet. „Das wäre ein schöner Mosaikstein, der das römische Gesamtbild unserer Heimat würdevoll komplettiert und zugleich den Wandertourismus neu beleben könnte“, bekundete er.

Auf die Grußworte und die offizielle Enthüllung folgte das auf die bewegte Vergangenheit des Altarsteins eingehende Exposé von Dr. Stephan Bender. 1872 durch den ortsansässigen Landwirt Moritz Ballweg auf dem Ackerland östlich des Kastells Haselburg entdeckt, gelangte der früher vermutlich farbig eingefasste und mit einer nicht mehr rekonstruierbaren Aufschrift versehene Stein in den Besitz des Miltenberger Kunstsammlers Wilhelm Conrady (1829 bis 1903), dessen Erben den Altar etwa 1903 zurück nach Reinhardsachsen verkauften. „Dort wurde er zunächst am Armenhaus angebracht, wobei sich der damalige Standort nicht mehr lokalisieren lässt“, schilderte Bender.

Forschungen begannen

Vor rund 60 Jahren wurde der Stein in die Fassade des neuen Rathauses eingebaut, ehe er als verschollen galt. 2016 wendete sich das Blatt: „Robert Bundschuh gab Christel Bauer den entscheidenden Tipp und lieferte damit den Anstoß, mit Forschungen rund um das Kleinkastell Haselberg zu beginnen“, erklärte Bender. Durch geophysikalische Prospektionen konnte ein lange vermuteter Limesdurchgang entdeckt werden, der Schätzungen zufolge als Zugang zu den germanischen Siedlungen um Tauberbischofsheim fungierte. In diesem Kontext sprach er von einem „wissenschaftlich für die Erforschung von Gestalt und Funktion des Limes sehr bedeutsamem Fund“ auch aufgrund der Tatsache, dass der Altar zwischen Kastell und Limesdurchgang postiert wurde; bisher nicht nachweisen ließ sich jedoch ein aufgrund Bodenfunde westlich des Kastells vermutetes Lagerdorf.

„Der Limes war nicht zur Abschottung gedacht, sondern ein Instrument der kontrollierten Bewegung“, stellte der Experte fest. Auch für die emotionale Herkunft des Altars gab es eine plausible Erklärung: Möglicherweise habe ein Reisender, der den Limes passierte, sich mit dessen Errichtung für die wohlbehaltene Rückkehr aus Germanien bei einer höheren Macht erkenntlich zeigen wollen.

Einblick in Forschungsarbeit

Nach kurzem Imbiss im Foyer gewährten Mitarbeiter des Limes-Informationszentrums Baden-Württemberg Seitenblicke in die Forschungsarbeiten und zeigten, wie das auf den Nebenseiten des Altars abgebildete Gefäßpaar aus Kanne und Griffschale bei den Römern benutzt wurde.