Walldürn

Wallfahrt zum Heiligen Blut Tag der Heimatvertriebenen, Aussiedler und ausländischen Mitbürger / Erzabt Tutilo Burger hielt die Predigt beim Pontifikalamt

„Das Feuer hüten, nicht die Asche“

Das Thema Frieden stellte der Erzabt Tutilo Burger in seiner Predigt bei der Wallfahrt am Tag der Heimatvertriebenen, Aussiedler und ausländischen Mitbürger in den Mittelpunkt.

Walldürn. Am Hochfest der Geburt des Hl. Johannes des Täufers und am traditionellen „Tag der Heimatvertriebenen, Aussiedler und ausländischen Mitbürger“ waren wieder viele Pilger in Walldürn, um in der Wallfahrtsbasilika am Blutaltar das Blutkorporale zu verehren. Im Mittel-punkt stand das Pontifikalamt mit Erzabt Tutilo Burger OSB von der Erzabtei Beuron als Hauptzelebrant. Es wurde kirchenmusikalisch umrahmt von Organist Christopher Henk.

Stadtpfarrer und Wallfahrtsleiter Pater Josef Bregula OFM Conv. ging bei der Begrüßung auf das Leitwort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit un das Leben“ (Johannes-Evangelium, Kapitel 14, Vers 6), ein Vers aus der Bergpredigt, ein. Für viele Menschen würden die Aussagen Jesu paradox und unverständlich erscheinen. Aber gleichzeitig stelle sich der Mensch vielfach drei Grundfragen: „Welchen Weg soll ich in dieser multioptionalen Gesellschaft einschlagen?“, „Gibt es überhaupt eine Wahrheit?“ und „Wem kann man heute überhaupt noch vertrauen in einer Gesellschaft, in der es kaum noch Vorbilder gibt?“

Grundfragen des Lebens

Er persönlich sei davon überzeugt, dass Jesus mit seiner Aussage „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ genau auf die drei Grundfragen unseres Lebens zurückgreife. Diese Fragen seien immer aktuell gewesen. Und deshalb sei auch Jesu Aussage gestern, heute und morgen aktuell.

Nach den von einer Lektorin der Ackermann-Gemeinde vorgetragenen Lesungen aus dem Buch Jesaja und aus dem 1. Brief des Apostel Paulus an die Galater sowie nach der Verkündigung des Heiligen Evange-liums nach Lukas durch Diakon Friedhelm Bundschuh stellte der Geistliche das Friedensthema in den Mittelpunkt seiner Predigt. Mit dem Friedensgruß von Jesus sei mehr gemeint als nur ein frommer Wunsch. Dieser „apostolische“ Friedensgruß wirke vielmehr wie geballte Energie, denn der in diesem Gruß enthaltene Friede sei eine Wirklichkeit. Er verändere die Wirklichkeit, ja, er schaffe eine neue Wirklichkeit.

Es komme nicht auf die Macht an, nicht auf die finanziellen oder politischen Möglichkeiten eines Menschen, sondern einzig und allein auf seine Selbstlosigkeit und auf sein Gottvertrauen. Jesus bringe nichts anderes mit als die Rede von Gott, nichts anderes als seinen Frieden. Die Rede von Gott könne niemals Hass und Gewalt predigen. Er fordere nichts, was er nicht schon vollkommen in sich erfüllt hätte. Und er zeige mit seinem eigenen Leben, wie er sich seine Jünger vorstelle: Gewaltlosigkeit, Armut, Selbstlosigkeit, aber auch Entschiedenheit, wo die Situation es erfordere.

Altbekanntes Dilemma

Unterscheide uns gläubige Katholiken heute da nicht etwas von den damaligen Jüngern Jesu. Wen interessiere noch das, was die Kirche zu sagen habe? Das was die Kirche zu sagen habe, sei leider nicht immer das, was sie eigentlich verkünden sollte. Es sei das altbekannte Dilemma von Ideal und Wirklichkeit, das dem Menschen Schwierigkeiten bereite. In der Kirche selbst müsse das zum Tragen kommen, was Jesus ihr zu verkünden aufgetragen habe.

Er persönlich frage sich immer wieder, was da in den letzten Jahr-zehnten schief gelaufen sei. Manche fromme Christen würden ja mei-nen, dass am allgemeinen Glaubensschwund das letzte Konzil Schuld trage, oder aber die Bischöfe, die zu wenig auf den Tisch hauen würden, oder aber der Mißbrauchsskandal, durch den die Glaubwürdigkeit der Bischöfe und Priester schwer erschüttert worden sei.

Dem Verschwinden der Ordensleute aus den Klöstern gehe das Verschwinden des Glaubens aus unseren Familien voraus, dem Ver-schwinden des Glaubens aus der Öffentlichkeit das Verschwinden des Glaubens aus meinem Leben. Der Sonntag als Ruhetag finde immer weniger Verteidiger, die christliche Substanz unserer Gesellschaft werde fortschreitend ausgehöhlt, und was an Substanz noch übrig bleiben solle, sei nicht zu erkennen. Der Wertewandel, von dem immer wieder die Rede sei, bestehe zu seinem größten Teil aus Werteverlust.

Demokratie und Bürgersinn würden heute als wichtige Grundlagen des Staates und der Gesellschaft gelten. Die Mehrheit bestimme, was Recht und Gesetz sei. Aber die Mehrheit gebe keine Gewähr dafür, dass es auch richtig sei, was sie zum Gesetz mache. Doch dürfe die Mehrheit von der Minderheit verlangen, sich an der Tötung Ungeborener zu beteiligen, potentiell kranke Menschen zu selektieren und schon vor der Geburt zu töten, aus jeglichen Verbindungen von Menschen eine kirchliche Ehe zu machen, oder das Zeichen des Kreuzes aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen?

Falsche Toleranz

Vor lauter falscher Toleranz würden wir heute oft unsere Überzeugungen vergessen, desweiteren die vielen Mißbrauchs- und Finanzskandale, die in den letzten Jahren ans Licht gekommen seien und die nicht nur der Kirche ihre Überzeugungskraft genommen hätten und ihre Glaubwürdigkeit ins Unermessliche hätten abstürzen lassen. So sei man zur Zeit nur noch mit peinlicher Schadensbegrenzung beschäftigt. Sei es da ein Wunder, dass so eine Kirche nicht mehr attraktiv wirke?

Wann beginne die Kirche wieder damit, nach vorne zu schauen, das Evangelium zu verkünden, von Jesus zu erzählen?. Die Kirche schaue nur nach vorne, wenn sie wieder das Feuer hüte und nicht die Asche. Die Kirche verkünde das Evangelium erst dann, wenn sie zuvor daran glaube. Die Kirche erzähle nur dann von Jesu, wenn sie liebe. Gläubige Katholiken könnten nur dann überzeugend von Jesus sprechen, wenn sie ihn wahrhaft lieben würden.

Die Überzeugungsarbeit könne nicht an die Kleriker delegiert wer-den, die Überzeugungen müsse man selbst leben, der Glaube müsse in einem selbst leben. Das sei der erste Schritt auf dem Weg der Sendung.

Viele würden sich weigern, die Botschaft des Glaubens zu hören – vor allem, wenn sie unbequem werde und wenn sie den modernen Lebensstil in Frage stelle. Da würden viele oft sehr gereizt reagieren, sehr bissig und gehässig. Und dies nicht nur außerhalb der Kirche. Die Uneinigkeit in den eigenen Reihen, das verstärke auch noch die Not der Kirche. Ein jeder denke doch nur einmal an die unsäglichen Forderungen, die einem heute als Reform der Kirche , als notwendige Erneuerung verkauft würden. Das alles zeuge nicht von einer Liebe zur Kirche, sondern von einem jämmerlichen Glaubensverlust bei so vielen Getauften.

Angesichts der heutigen Nöte und Bedrängnisse der Kirche müsse ein jeder gläubige Katholik heute mehr denn je umso mehr am Auftrag Jesu festhalten. Ein jeder sei aufgefordert, daran festzuhalten, das Evangelium Jesu Christi und somit Gottes zu verkünden, ob gelegen oder ungelegen – in der Gewissheit, dass Gott der Herr der Ernte und sein Reich einem jedem nahe sei. ds