Walldürn

Hagelschäden an Autos FN schauten Gutachter des Hagelschadenszentrums bei der Arbeit über die Schulter

Dellen werden mit dem Schirm sichtbar

Archivartikel

Der „Jahrhunderthagel“ vom 11. Juni ist vor allem Autobesitzern in leidvoller Erinnerung: Rund um Hardheim, Höpfingen und Walldürn wurden zahlreiche Fahrzeuge teils schwer beschädigt.

Walldürn. Um die Regulierung der Schäden kümmern sich mit den Versicherungen kooperierende Gutachter und Sachverständige; die Fränkischen Nachrichten schauten stellvertretend im Walldürner Autohaus Miko-Service den Spezialisten des für 25 Assekuranzen tätigen Hagelschadenzentrums Deutschland über die Schulter.

Das Unternehmen mit Sitz im westfälischen Ibbenbüren ist im ganzen Bundesgebiet unterwegs und nimmt seit 2012 vorwiegend durch Hagelfälle entstandene Massenschäden auf. „In Walldürn werden wir voraussichtlich 600 bis 1000 Fahrzeuge zu Gesicht bekommen, deren Halter maximal 20 Minuten Anfahrtszeit haben“, erklärt Geschäftsführer Lars Rottmann beim Ortstermin.

Um den strengen Zeitplan nicht ins Wanken zu bringen, werden die Autos zu vorher per Post verkündeten Terminen zeitnah durch ihre Besitzer angeliefert. Zunächst müssen die Fahrzeuge durch das Team in Augenschein genommen werden, was entweder im eigens aufgestellten Begutachtungszelt oder in der Werkstatthalle geschieht. „Für eine aussagekräftige und seriöse Bewertung des Schadens und die Ermittlung des Rest- und Wiederbeschaffungswerts ist es sehr wichtig, jedes Auto in natura zu sehen“, erklärt Geschäftsführer Lars Rottmann.

Das bedingt aber auch, dass das komplette Fahrzeug gesichtet wird. So werden auch Vorschäden wie Kratzer und Dellen dokumentiert oder das Alter der Bereifung notiert. „Wir fragen die jeweiligen Besitzer gleichsam nach jüngst durchgeführten wertsteigernden Reparaturmaßnahmen – so wirkt es sich positiv auf die Wertermittlung aus, wenn etwa der bei vielen Fahrzeugtypen sehr teure Zahnriemenwechsel nachweislich vor wenigen Monaten erledigt wurde“, fährt er fort. Ist der Gesamtzustand des vierrädrigen Probanden verbrieft, geht es buchstäblich ans „Eingemachte“, und zwar mit einem besonderen Hilfsmittel: „Die schwarz-weiß gestreiften Wände mit schwarz-weiß gestreiftem Schirm helfen uns dabei, keine Schäden zu übersehen“, so Rottmann bei der Begutachtung eines Opel Omega.

Gerade kleine Dellen seien bei Tageslicht kaum erkennbar, werden aber durch die Streifen sichtbar gemacht: „Bei jeder Delle verschiebt sich das Streifenmuster“, verdeutlicht er, „wo der Streifen eine Krümmung hat, ist das Blech verbogen!“ Um auf „Nummer Sicher“ zu gehen und wirklich alle Beschädigungen zu erfassen, erfolgen jedoch zwei Rundgänge, einmal mit und einmal ohne Schirm.

Frage der Kosten

Aus Anzahl und Größe der Dellen ergeben sich Arbeitszeiten, Arbeitsumfang und die zur fachgerechten Instandsetzung aufzubringenden Kosten. „Grundsätzlich ist alles reparabel, wobei es eine Frage der Kosten und des Aufwands ist“, erklärt er. Benötigt manche Hagelreparatur lediglich einen Tag, so stehen schlimmer betroffene Fahrzeuge bis zu einer Woche in der Werkstatt.

Diesbezüglich aber gibt Rottmann zu bedenken, dass Hagelschäden „keine Sache für Garagenbastler“ sind, sondern Spezialisten benötigen und warnt vor derzeit in der Region verkehrenden „fliegenden Anbietern aus Osteuropa, die im Ernstfall nicht mehr greifbar sind“ und vergleicht die Situation mit der Arztwahl: „So wie der Hausarzt einen Patienten zum Facharzt überweist, benötigt auch ein zu behebender Hagelschaden professionelle Hilfe!“ Was sicher auch im eigenen Interesse des Kunden ist – schließlich können schlecht reparierte Hagelschäden Lack- oder gar Rostprobleme herbeiführen, was bei einer nicht von Fachpersonal ausgeführten Reparatur werkseitige Lack- oder Durchrostungsgarantien für ungültig erkläre. „Dennoch entscheidet jeder Kunde im Endeffekt selbst, was repariert wird und wo das geschieht“, stellt er klar und verweist auf die Möglichkeit fiktiver Abrechnungen.

Hier beginnt der Part des Kfz-Sachverständigen Alexander Koschelnik (Friedrichshafen): Für die mit den Versicherungen kooperierende Firma „carexpert“ arbeitet er im Beisein der Kunden die Gutachten aus.

„Die durchschnittliche Schadenshöhe liegt bei 2000 bis 3000 Euro, wobei man streng genommen nicht pauschalisieren kann, bei Hagel fahrende Fahrzeuge sind aufgrund der durch die Fahrgeschwindigkeit größeren Dellen oft schwerer betroffen als zum Zeitpunkt des Hagels stehende Autos“, berichtet er und schildert seine Verfahrensweise: Nachdem das Gutachten feststeht und per Mail an die zuständige Versicherung geschickt wird, werden der Wiederbeschaffungswert eines unbeschädigten Wagens vergleichbaren Typs und die Ermittlung des Restwerts ermittelt. Bei wirtschaftlichen Totalschäden verfährt man nach der Gleichung „Wiederbeschaffungswert-Restwert=Ausbezahlungssumme“ oder bietet den Wagen direkt in einer Restwertbörse an, wo er online an registrierte Aufkäufer vermittelt wird – je nach Wunsch des Kunden.