Walldürn

Walldürner Traditionsbetrieb Peter Müssig hat die Handwerksbäckerei in der Oberen Vorstadtstraße vor 20 Jahren übernommen

„Der Beruf hat mir schon immer gefallen“

Archivartikel

Vor 20 Jahren hat Peter Müssig die Handwerksbäckerei in der Oberen Vorstadtstraße von seinem Vater Karl übernommen und die Familientradition fortgesetzt.

Walldürn. Saftig-locker in der Struktur, herzhaft im Geschmack, die Gewürznote markant: An der Rezeptur für sein neuestes Roggenmischbrot hat Bäckermeister Peter Müssig lange gefeilt und nichts dem Zufall überlassen. Von der dunklen Kruste heben sich zwei aufrecht stehende Löwen ab, die mit ihren gekreuzten Schwertern eine Brezel hochhalten. Es ist das Wappen der Bäckerinnung, das die Bedeutung dieses Brotes optisch unterstreicht.

Seit 20 Jahren führt Peter Müssig die Traditionsbäckerei in der Oberen Vorstadtstraße. Mit seinem „Jubiläumsbrot“ schlägt er ganz bewusst den Bogen zurück zu den Anfängen des Betriebs, denn das Grundrezept stammt von seinem Ur-Ur-Großvater Wilhelm Müssig, der das Unternehmen im Jahr 1900 als Korn- und Mehlhandlung gegründet und um die Bäckerei erweitert hat. Für eine wichtige Innovation sorgte Karl Müssig nach der Übernahme der Bäckerei 1954. Während die Ware zuvor noch im ersten Stock verkauft worden war, verlagerte er den Laden ins Erdgeschoss und ermöglichte den Kunden damit einen ebenerdigen Zugang.

1978 setzte dann Karl Müssig, in Walldürn als „Karlo“ bestens bekannt, die Familientradition fort, baute eine neue Backstube und festigte den guten Ruf der Bäckerei als einen der Einkaufsmittelpunkte in der Innenstadt in einer Zeit, als die Nachfrage in der Branche zwar stabil, der Konzentrationsprozess jedoch nicht mehr aufzuhalten war. Von ursprünglich bundesweit 55 000 Betrieben zu Beginn der 1950er Jahre ist die Anzahl seither auf rund 11 000 zurückgegangen.

Ein Trend, mit dem der heutige Inhaber Peter Müssig täglich konfrontiert ist, denn der Konkurrenzdruck wächst weiter und die großen Lebensmittelketten fordern dem Bäckerhandwerk eine kontinuierliche Neuorientierung ab.

„Gutes Brot hat Zukunft“

Nach der Übernahme der Bäckerei im Jahr 1998 standen für ihn und seine Frau Karin die Zeichen deshalb zügig auf Modernisierung. 2002 schlugen sie mit der Vergrößerung der Backstube und dem Bau des Kaffeehauses ein neues Kapitel in der Firmengeschichte auf. Eine Expansion mit Filialen über den Standort in der Oberen Vorstadtstraße hinaus kam für Peter und Karin Müssig, die sich 1997 gemeinsam zu Betriebswirten des Handwerks weitergebildet haben, jedoch nie infrage.

„Unter dem Transport der Produkte würde die Frische leiden“, sagt Peter Müssig. Seine Ausbildung schloss er 1987 im Café „Schlossmühle“ in Amorbach ab und absolvierte 1992 die Meisterprüfung in Mannheim. Eine große Produktvielfalt mit hoher Qualität lässt sich für ihn nur durch kurze Wege realisieren: „Unsere Lage mitten in der Stadt ist gut. Von der Backstube in den Laden sind es wenige Meter. So können wir schnell auf Kundenwünsche reagieren.“ Mehrfach frisch am Tag backen ist deshalb ebenso selbstverständlich wie ein individueller Service an der Ladentheke und im Café.

„Gutes Brot hat Zukunft“, ist Peter Müssig überzeugt. Zur Stärkung des Kerngeschäfts mit Spezialitäten wie dem Wallfahrtsbrot oder den Plunderstreuseln mit Nussfüllung tüftelt er deshalb stetig an neuen, gesundheitsbewussten Produkten. Backwaren mit Dinkel haben sich im Sortiment längst fest etabliert. An Trends wie das Backen mit alten Getreidesorten wie Emmer oder Einkorn will sich Peter Müssig langsam herantasten. „Die sind nicht einfach zu bearbeiten“, weiß er.

Verlassen kann er sich dabei auf ein eingespieltes Team mit aktuell 24 Mitarbeitern in der Backstube und im Laden. Viele davon waren schon bei seinem Vater beschäftigt und haben dem Betrieb auch in den zurückliegenden 20 Jahren die Treue gehalten. „Darauf bin ich besonders stolz“, sagt Peter Müssig. Unter seiner Regie hat sich die Zahl der Angestellten mehr als verdoppelt. Tendenz weiter steigend, denn die Pläne zur Erweiterung des Cafés liegen bereits in der Schublade.

Dass die Familientradition nach ihm zu Ende gehen könnte, darum muss sich Peter Müssig übrigens keine Sorgen machen. Mit seinem Sohn Felix steht die fünfte Generation bereits in den Startlöchern. Wie sein Vater verbrachte auch er schon als Kind viel Zeit in der Backstube. Ein anderer Beruf stand für den 21-Jährigen nie zur Debatte. Im September schließt er seinen Meisterkurs an der Akademie in Weinheim ab. „Ich bin gespannt, welche Ideen er mitbringt“, freut sich Peter Müssig bereits auf genreationenübergreifende die Zusammenarbeit.