Walldürn

Porträt eines Modisten Richard Lang hat sein Atelier seit über 50 Jahren in der Walldürner Hauptstraße / Kopfobjekte zurzeit in der Galerie „Fürwahr“ ausgestellt

Der „Herr der Hüte“ findet überall Inspiration

Er ist ein Unikat. Genauso wie seine Hüte. Er lebt seine Kreativität aus und ist mit unvergleichlicher Fingerfertigkeit und Leidenschaft bei der Sache: Modist Richard Lang aus Walldürn.

Walldürn. Geschickt zieht er sein Lieblingsmaterial Filz in Form. Die Nähmaschine rattert. Wasserdampf liegt in der Luft. Die „Holzköpfe“, die als Formen dienen, stehen im Regal und scheinen schon gespannt zu sein, was unter den Händen von Richard Lang diesmal entsteht.

Ohne Bügeleisen geht nichts

Auch das Bügeleisen gehört zu den wichtigen Werkzeugen, die er immer wieder in die Hand nimmt. „Anwenden kann ich es. Aber wenn es kaputt ist, muss meine Frau Vicky es reparieren“, lacht der bedächtige 80-Jährige, der es zu schätzen weiß, eine solche Unterstützung im Hintergrund zu haben.

Seine Traumfabrik der Damenhüte in der Walldürner Hauptstraße schaffte es, die internationalen Catwalks mit Hüten zu bestücken. Oder wie es in einer Abschlussarbeit der Design-Hochschule Düsseldorf über sein Atelier heißt: „Es klingt beinahe wie im Märchen: die Hutmanufaktur im Odenwald, die ihre Grenzen weit übersteigt und die Welt behütet.“ Unter „all den Hühnern und Heiligen“ finde man tatsächlich Weltklasse-Hüte, wird da an anderer Stelle philosophiert – wohl nicht ganz ohne Ironie.

Tatsächlich glänzen seine Hüte durch besondere handwerkliche Raffinessen, die authentische Individualität und die unkomplizierte Verarbeitung mit modischen Elementen. Richard Lang ist stilistischer Berater bei Modeschauen namhafter Labels.

Dass er auch im chaotischen Durcheinander von Modeschauen backstage den Überblick behalten kann, hat er vielfach bewiesen. Selbst, als er im Alter von 54 Jahren noch einmal Vater von Zwillingen und damit vierfacher Vater geworden war und neben dem Beruf noch ganz andere Herausforderungen zu meistern hatte.

Er ist dekoriert mit Preisen und Auszeichnungen bei Leistungsschauen und Wettbewerben. Sein besonderes Gespür für Material, Formen und Farben machen seine Hüte zu Besonderheiten. Außerdem steckt da wirklich Handarbeit drin. Das schätzt eine Kundin besonders. Sie sammelt Richard Langs Raritäten. Über 300 hat sie jetzt schon! „Mode ist ein ständiges Studium“, sagt der Modist, der mit wachem Blick und ohne Scheuklappen durch die Welt geht und in Formen und Farben schwelgt. Es gibt nichts, für das er sich nicht interessiert. „Neugierde ist meine Inspiration“, sagt der „Herr der Hüte“, der alles Erlebte in seine Kreationen einfließen lässt. 95 Prozent seiner Kollegen arbeiten nicht mehr viel im Atelier, sondern vielmehr als Verkäufer. Sie verkaufen die Hüte lediglich weiter. „Aber das ist nicht mein Bestreben. Ich liebe das Kreieren von Hüten. Ohne diese Arbeit ist das Leben für mich nicht halb so schön“, gesteht Richard Lang.

Aber nein! Hutmacher ist er nicht. „Sie sind mehr für die serienmäßige Herstellung zuständig. Modisten dagegen machen einen Entwurf und fertigen Einzelstücke“, erläutert er im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. Und auf diesen kleinen, aber feinen Unterschied legt er wert. Schließlich übt er den Beruf jetzt in der siebten Generation aus, verrät er. „Zunächst hieß es ja Haubenmacher“, weiß Lang. Über den Begriff Putzmacher kam man dann zu der französischen Berufsbezeichnung des Modisten.

„Aber am Anfang wollte ich das nicht unbedingt“, erinnert er sich zurück. Schließlich sei das Modisten-Handwerk bei seinen Freunden wenig anerkannt und vor allem auch als „wenig männlich“ angesehen worden.

Aber abhalten ließ sich Richard Lang davon nicht und wurde schnell ein sehr versierter Designer von Damenhüten. Er besuchte überbetrieblich Kurse und bildete sich weiter. Nach dem Meisterbrief wurde er Innungsobermeister in Stuttgart, leitete dort die überbetriebliche Ausbildung für Modisten und war der Vertreter und Ansprechpartner für die Gesellen. Neben seiner Arbeit im Atelier hatte der Modist immer zahlreiche andere Aufgaben, die er ebenfalls mit Hingabe erfüllte.

Zwar sind die Ideen von Richard Lang oft spontan. Aber die Umsetzung macht ihm immer wieder Kopfzerbrechen, gibt er zu. Da er nach eigenen Worten schlecht schlafen kann, hat er ein Notizbuch am Bett, in das er sich dann die Eingebungen für die Umsetzung aufschreibt. „Ich lebe mit meinem Beruf und habe das Glück, talentiert und auch ein bisschen aufsässig zu sein“, verrät er verschmitzt.

Konventionelle Gedanken vollkommen weglassen und sich von allen Regeln frei machen konnte Richard Lang jetzt auf Anregung der Malerin Maria Kreuzer und des Bildhauers Josef Speth. Zusammen mit den beiden zeigt Lang in der Galerie „Fürwahr“ nebenan Kopfobjekte aus Papier, Draht und Gips. „Es ist herrlich, seiner Fantasie bei der Gestaltung der Kopfobjekte freien Lauf zu lassen“, berichtet der Modist begeistert von seinem interessanten Schaffen.

Ganz so sei das nämlich im Alltag nicht möglich. Man müsse schließlich immer überlegen, ob es auch jemanden gebe, der den Hut, den man gerade kreiert, auch wirklich trägt. Dagegen ist das Spiel mit den Werkstoffen, die dadurch entstehende Linienführung und die Gestaltung der Kopfobjekte „eine Spur mehr Kunst“. Die Formen bezeichnet Lang als eher „wirr“, die mit denen „normaler Hüte“ nicht vergleichbar seien. Auf jeden Fall sind die Kopfobjekte in der Galerie „Fürwahr“ weit mehr als nur ein „Hingucker“.