Walldürn

Land und Leute Max Steinfeld hat die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland hautnah miterlebt / Bleibende Eindrücke in Jekaterinburg gewonnen

„Es war wirklich die ganze Welt zu Gast“

Archivartikel

Als freiwilliger Helfer hat Max Steinfeld die Fußball-WM in Russland hautnah miterlebt. Drei Wochen lang arbeitete der Walldürner in Jekaterinburg in einem Protokollteam.

Walldürn. Sonntag, 15. Juli, zwei Stunden vor Beginn des Fußball-WM-Finals: „Frankreich war schon vor dem Turnier mein Favorit. Ich glaube, sie werden nachher mit einem Tor gegen Kroatien gewinnen.“ Der Walldürner Max Steinfeld entpuppt sich als Insider. Weltmeister richtig, Tendenz im Finale richtig – der Mann scheint mehr zu wissen als der normalsterbliche Fernsehgucker. Und tatsächlich war Steinfeld ganz nah dran an der WM in Russland. Nämlich drei Wochen lang als Volunteer der FIFA. Als einer von 17 000 Auserwählten unter weltweit 176 000 Bewerbern, die als freiwillige, unbezahlte Helfer bei der Fußball-WM gearbeitet haben.

Nach drei Jahren Vorlaufzeit, der Bewältigung eines rund einstündigen Online-Tests und zweier von Russland aus geführter Skype-Interviews bekam Steinfeld schließlich die Zusage Anfang des Jahres. „Man musste zwar nicht zwingend Russisch können, aber es war sicherlich von Vorteil, dass ich neben Deutsch auch noch Russisch und Englisch beherrsche“, berichtet der 27-Jährige. Steinfeld, der in Tscheljabinsk am Ural geboren wurde, und mit sechs Jahren nach Deutschland gekommen war, wählte als Wunschstandort Jekaterinburg. „Das sind nur 300 Kilometer Entfernung zwischen den beiden Städten. Für russische Verhältnisse praktisch um die Ecke. Dadurch konnte ich den Aufenthalt mit Verwandtenbesuchen verbinden.“

Vor Ort landete der selbst aktive Fußballer im gut 50-köpfigen Protokollteam. Während der vier Vorrundenspiele war er für Betreuung und Wohlbefinden der VIP-Gäste verantwortlich. Darunter russische Eishockey-Legenden und Biathleten, die japanische Prinzessin, FIFA-Präsident Infantino – einfach viele berühmte Menschen.

Ab zwei Stunden vor und bis zwei Stunden nach jedem Spiel war Steinfeld auf verschiedenen, rotierenden Positionen im Einsatz: WLAN-Probleme beheben oder Besucher im Rollstuhl betreuen, Bändchen am Eingang verteilen und kontrollieren, den hochrangigen Gästen den rechten Weg weisen. Alle Abläufe wurden am Tag zuvor trainiert. Dadurch blieb mal mehr, mal weniger Zeit für einen Blick aufs Spielfeld. „Das war für einen absoluten Fußballfan, wie ich es bin, das einzig Negative: im Durchschnitt nur rund 30 Minuten pro Partie mitzukriegen.“

Bei Schweden gegen Mexiko reichte es zumindest für eine gute Halbzeit. Und das für den 27-Jährigen denkwürdigste Spiel war Peru gegen Frankreich. „Absoluter Wahnsinn“, erinnert er sich. „25 000 Peruaner im Stadion, die eine Gänsehaut-Stimmung gemacht haben. Sogar noch vor den Mexikanern, die ebenfalls fantastisch waren.“

Während Steinfeld also während seiner Einsätze im Stadion die WM-Atmosphäre nur in Verbindung mit seinen Aufgaben erleben konnte, änderte sich das in der ausreichend vorhandenen Freizeit. Die insgesamt rund 1200 Helfer aus allen Teams waren in einer Art Studentenwohnheim auf 16 Stockwerken untergebracht, extra für die WM gebaut. Wann immer möglich, ging es von dort aus gemeinsam in die Stadt, zu Fan-Festen und zum Public Viewing mit teilweise 30 000 weiteren Zuschauern.

Viel zusammen erlebt

Außer dem Walldürner waren im Protokollteam nur noch drei Ausländer: Ein Mädchen aus London, ein Moldawier und ein Mexikaner. Alle anderen waren Russen. „Natürlich war es für mich einfacher, weil ich Russisch beherrsche“, erzählt Steinfeld. „Aber es war vom ersten Moment an ein tolles Klima im Team. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen und haben wahnsinnig viel zusammen erlebt.“

Überhaupt siedelt er die Gastfreundschaft in Russland ganz weit oben an: „Soweit mir bekannt ist, haben nur rund 30 Prozent der Russen einen Reisepass. Sie sind also großteils nur selten im Ausland. Manche Einheimische waren deshalb regelrecht fasziniert von den angereisten Fans aus Peru, dem Senegal, Japan, Ägypten, Uruguay, Frankreich, Schweden oder Mexiko. Es war wirklich die ganze Welt zu Gast. Und die Russen sind so sehr auf die WM-Touristen zugegangen. Das hat mich wirklich stark fasziniert.“

In diesem Zuge mag es überraschend erscheinen, dass Steinfeld als dort Geborener davon berichtet, dass er Russland zunächst skeptisch gegenüberstand. Eine solche Aufnahmebereitschaft hatte er nicht erwartet. „Aber ich kann aus meiner Erfahrung wirklich nichts Negatives berichten“, so Steinfeld. Einen Wermutstropfen hatte seine Zeit bei der WM dann aber doch: das historisch frühe Ausscheiden der deutschen Elf.

Als Mitarbeiter einer Agentur für Marktforschung und Sponsoring im Sport ist der 27-Jährige auch in Imagefragen ein kompetenter Ansprechpartner. „Von Deutschland war ich – wie wohl alle – enttäuscht, und auch etwas geschockt. Ich bin von vielen bemitleidet worden. Das kennt man als Deutscher bei Fußball-Weltmeisterschaften nicht wirklich.“ Das Spiel Deutschland gegen Mexiko hat er sich mit vielen Mexikanern geschaut. „Die sind anschließend ausgeflippt und haben die Nacht durchgemacht. Ich bin schnell nach Hause gegangen.“

Stolz auf russisches Team

Im Herzen drückte Steinfeld der russischen Mannschaft aber mehr die Daumen. Denn vor Turnierbeginn gab es keine Euphorie in der Bevölkerung. Alle rechneten mit einem frühen Ausscheiden. Dann aber hat sich das grundlegend geändert. „Die Mannschaft wurde nach dem Viertelfinale von 100 000 Fans empfangen. Wo sonst auf der Welt gibt es das. Auch ich war mega stolz“, sagt Steinfeld. Was nach seiner Rückkehr geblieben ist – neben der Ausstattung mit je einem Sport- und AnzugSet – war mehr als ein flüchtiger Eindruck. Der 27-Jährige war eben ganz nah dran an der WM.