Walldürn

Wanderung am Römerbad Joachim Bernhardt und Martin Kuhnt informierten über den Lebensraum und die Lebensweise von Bibern

Optimal an das Wasser angepasst

Archivartikel

Walldürn.Die Biberwanderung am und rund um das Römerbad ermöglichte am Freitag den 25 Teilnehmern einen Einblick in die Welt des geschützten Nagers. Joachim Bernhardt, Biber-Beauftragter des Landkreises, und Martin Kuhnt vom Biotopschutzbund Walldürn erläuterten anschaulich und detailreich Lebensraum und -weise des Bibers, der in einigen Kreisen der Bevölkerung noch immer kein allzu gutes Image.

Vor Beginn der Wanderung informierten Bernhardt und Kuhnt kurz über Geschichte, Lebensweise und Anatomie des Nagers. Nach zuvor vielen tausend Jahren Anwesenheit war der Biber um 1850 herum hierzulande ausgerottet. Maßgeblich durch die Bevölkerung, der Biber stand auf dem Speisezettel.

Erst in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde er in Bayern an und in der Donau wieder ausgesetzt und dadurch neu angesiedelt. Zusammen mit weiteren solchen Aktionen in den beiden folgenden Dekaden gelang es schließlich, den Vegetarier auch in weiteren Regionen neu zu etablieren. Aufgrund des Anschlusses der Donau an Kocher und Jagst „sind wir hier mittendrin im Verbreitungsgebiet“, wie Bernhardt erläuterte.

Nach 30 Millionen Jahren Existenz hat der Biber einen Körper, der optimal angepasst ist an das Leben am und im Wasser. Vorne kurze Multifunktions-Pfoten, hinten die größere Ausführung mit Schwimmhäuten und am Körperende der „Kelle“ genannte Schwanz. Dieser dient nicht nur als Fettdepot, sondern auch zur Stabilisierung beim Nagen. Dass der Biber zu jeder Jahreszeit aktiv bleiben kann, verdankt er auch der Dichte seines Bauchfells. Mit 23 000 Haaren pro Quadratzentimeter – beim Kopfhaar eines Menschen sind es etwa 600 – ist der Biber immun gegen Kälte. „Das ist die weltweit dichteste Behaarung, die derzeit bekannt ist“, sagte Kuhnt.

Unterschiedliche Techniken

Der Biber hört gut, ist aber kurzsichtig und farbenblind. Für die vordere Sensorik sorgen zudem die sehr empfindlichen Tasthaare. Mit seinen selbstschärfenden Zähnen vermag er es, je nach Stammgröße unterschiedliche Fälltechniken anzuwenden. In der Regel nimmt der Biber ein Revier in Besitz und verlässt es nur dann wieder, wenn ihm keine Wahl bleibt. Bei etwa 30 Kilogramm Körpergewicht, und einer Länge von gut 1,3 Metern bei erwachsenen Exemplaren gehen aus einer Verbindung meist zwei bis vier Jungtiere hervor.

Der Biber lebt in Einehen oder geht solo seine Pfade. Auf Wanderung gehen grundsätzlich nur die Jungtiere, die sich ein Revier suchen müssen. „Die Ausbreitung bleibt immer beschränkt auf geeignete Wasserflächen“, so Bernhardt. „Wenn alle Reviere besetzt sind, breitet sich der Biber nicht weiter aus, seine Anzahl wird auf natürliche Weise beschränkt. Und viele Tiere sterben auf der Reviersuche“.

Das ausgestopfte Exponat, anhand dessen diese Ausführungen verdeutlicht wurden, stammt aus solch einem Todesfall: Ein Jungbiber, der vor Jahren auf Hardheimer Gemarkung überfahren wurde, lässt die Worte buchstäblich Gestalt annehmen. Der folgende, rund einen Kilometer lange Fußweg bis zu einem Hauptdamm des Bibers am Römerbad wurde durch die Erläuterung verschiedener Konstruktionstechniken begleitet. „Was den Bau angeht, so liegen hier im Walldürner Raum nach derzeitiger Erkenntnis ausschließlich Erdbauten vor“, teilte Kuhnt mit. Die Heimstätte des an diesem Tag besuchten Bibers liegt mutmaßlich in der Nähe der Stadtwerk-Zentrale. „Weil dort die Böschungen sehr hoch sind. Dadurch kann er gut von unten in seinen Bau gelangen“.

Wohlfahrtswirkung

Der Damm, der schließlich den Zielpunkt der Wanderung darstellte, ist ein über Wochen entstandenes „absolut hochwasserfestes Bauwerk des hiesigen Bewohners. Und er dient zudem anderen Tieren als Brücke“. Kuhnt belegte diese Aussage durch Kameraaufnahmen, die einen Fuchs zeigen, der sich über den neu geschaffenen Übergang schleicht. Vermutlich stammt der Walldürner Biber aus der Nachkommenschaft einer Amorbacher Population, was vermutlich auch für den in Rippberg ansässigen Biber gilt.

Am Ende der Wanderung vermisste Bernhardt in der gesamten Diskussion über den Biber, bei der oftmals ausschließlich die Schadensperspektive im Vordergrund steht, auch die andere Seite: „Seine Wohlfahrtswirkung für den Naturkreislauf. Die gibt es nämlich auch, und die kann auch bemessen werden“. Schließlich nannten die Biberfachkundler noch eine Schadenszahl, welche die Verhältnisse deutlich macht: Die gesamten im Jahr 2017 in Bayern verursachten Schäden belaufen sich auf etwa 750 000 Euro – bei einem Bestand von rund 20 000 Bibern. chha