Walldürn

Im Haus der offenen Tür Akteure des Kinderheims führen am Donnerstagabend „Macht-los“ auf

Persönliche Sicht in das Innenleben

Eine sehr persönliche Sicht in das Innenleben des Erzbischöflichen Kinderheims St. Kilian bietet die Revue „„Macht-los“. Aufgeführt wird das Stück am Donnerstagabend im Haus der offenen Tür.

Walldürn. Schüler, Lehrer und weitere Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtung bereiten sich seit Wochen auf das Stück vor. „Wir haben für euch den roten Teppich ausgerollt“, sagt Horst Berger am Ende der Probe. „Laufen muss jeder selbst.“ Damit meint er, dass die Schüler am Donnerstag selbst den Mut aufzubringen müssten, auf der Bühne vor einem großen Publikum zu singen.

„Sing your Song“

Seit Wochen bereiten sich rund 40 Schüler der Nardini-Schule im Kinderheim St. Kilian auf eine Revue vor, die am Donnerstagabend im „Haus der offenen Tür“ aufgeführt wird. Horst Berger leitet die Gruppe „Sing your song“ mit rund zehn Mädchen und Jungen. Als Gesamtchor, in Kleingruppen und als Solisten erarbeiten sie ein musikalisches Programm. Sie üben Lieder bekannter Musiker ein und tragen auch eigene Texte vor.

Zum Beispiel bedankt sich ein Mädchen mit einem ausdrucksstarken Solo bei seiner Mutter für all das, was sie ihm an Gutem getan hat. Doch die Mutter will nicht, dass das Kind sein Lied öffentlich aufführt. Ja, sie wird noch nicht einmal zur Aufführung kommen. Ein Junge wiederum wird den Schlager „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ singen in Gedenken an seine verstorbene Mutter. In ihren Liedern verarbeiten die Schüler Themen und Situationen, in denen sie sich stark oder schwach fühlen, machtvoll oder machtlos. So zum Beispiel auch das Heimweh, das viele Kinder und Jugendlich empfinden, die stationär im Kinderheim leben. So wird ein Junge das Lied „Heimweh“ der Zwillinge „Die Lochis“ vortragen.

Anlass zu dieser Revue ist das 160-jährige Bestehen des Erzbischöflichen Kinderheims. Wie Frank Hemberger, Leiter der Nardini-Schule erläutert, habe man sich bewusst gegen ein Theaterstück entschieden. Mit der Revue „Macht-los“, die Gesang, bildende Kunst, elektronische Musik und Schauspiel vereinigt, wollte man vor allem den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten, eigene Gedanken und Gefühle einzubringen. Und so sammelte man zunächst Ideen aus sämtlichen Bereichen des Kinderheims.

Jeder durfte sich einbringen

Jeder durfte sich einbringen. Das Thema „Macht“ und „Machtlosigkeit“ wurde auch im Unterricht an der Nardini-Schule aufgegriffen. So entstanden im Kunstunterricht Fotos und Bilder, von denen einige bei der Revue in den Bühnenhintergrund projiziert werden. Beim Theatertraining leitet die Theaterpädagogin Ann-Kathrin Beyersdorfer die Schüler an, in der Gruppe „We are producers“ entstehen unter Anleitung von Musiktherapeut Magnus Balles am Computer Klänge zum Thema und bei Kirchenmusiker Horst Berger bereiten sich die Schüler auf ihre Gesangsauftritte vor.

Offenes Ende

Nach den Worten von Hemberger war am Anfang der Vorbereitungen völlig offen, was am Ende rauskommt. Das führte auch zu der einen oder anderen Überraschung, mit der man umzugehen lernen musste. Zum Beispiel ist die bevorzugte Musikrichtung der Jugendlichen der Gangster-Rap mit seinen teilweise gewaltverherrlichenden und menschen- beziehungsweise frauenverachtenden Texten. Für die Jugendlichen drücke diese Musik eine Welt aus, in der man sich alles erlauben könne, in der man Macht habe. „Das war für uns schwer zu akzeptieren“, sagte der Schulleiter. Man werde sich nach der Aufführung mit diesem Thema auseinandersetzen.

Wie Hemberger erläuterte, sei „Macht“ ein zentrales Thema in der sozialpädagogischen Arbeit am Kinderheim St. Kilian. Mit Verhaltensauffälligkeiten versuchten Kinder und Jugendliche, Macht über eine machtlose Lebenssituation zu erlangen.

Oft verunsichert

Sie reagierten zum Beispiel mit Aggressionen gegen sich und andere, mit extremer Unruhe und Impulsivität, mit Rückzug und Depressivität, mit Flucht und frühem Suchtverhalten auf die von ihnen empfundene Machtlosigkeit. „Allerdings: Je mächtiger sich Jugendliche erleben, desto weniger Grenzen erfahren sie. Und umso mehr sind sie verunsichert.“

Die Revue ist nun ein spannender Versuch, öffentlich zu zeigen, wie Kinder und Jugendliche ihren Aufenthalt im Kinderheim St. Kilian und ihre Situation erleben. Das Ganze wird um die Sichtweise von Psychologen, Sozialpädagogen, Lehrer und anderen Mitarbeitern ergänzt. „Ein sehr spannendes Projekt“, stellt Frank Hemberger fest. „Sankt Kilian macht sich dadurch ein Stück nackig.“ mb