Weikersheim

Sanierung notwendig Die „Thüringer Haube“ des Turms der St. Nikolauskirche in Schäftersheim muss von Grund auf renoviert werden

300 Jahre hat der Kirchturm gehalten

Der Turm der Schäftersheimer Kirche muss komplett saniert werden. Aus diesem Anlass wird begleitend zum Beginn der Bauarbeiten am Sonntag, 10. Juni, ein Benefiz-Kirchturmfest gefeiert.

Schäftersheim. Die ersten drei der insgesamt heute vier Geschosse des nach Osten ausgerichteten, romanischen Chorturms der Schäftersheimer St. Nikolauskirche stammen aus der Zeit um 1200 und stellten den ursprünglichen mittelalterlichen Aufbau dar. Die Schallarkaden auf allen vier Seiten des dritten Geschosses zeigten das Glockenhaus an, das von einem damals üblichen Zeltdach abgeschlossen wurde.

Über einen Meter stark sind die mächtigen Sockelmauern des Turms, die zusätzlich mit ausgeschmückten Strebepfeilern versehen sind, um für sicheren Stand zu sorgen.

Das Glockenhaus weist einen Fachwerkaufbau mit Riegelwänden auf, der wie der Turmhelm selbst mit Schieferschindeln gedeckt ist. Ende des 16. Jahrhunderts musste der obere Teil des Turmes erneuert werden.

Bei dieser Renovierung wurde das Glockenhaus als viertes Turmgeschoss mit einer hohen verschnittenen Achteckspitze erstellt. Diese ist mit den „Echtertürmen“ des benachbarten Ochsenfurter Gaus vergleichbar.

Kupferschmied Widmann aus Mergentheim fertigte um 1594 für einen Lohn von vier Gulden den 18 Pfund schweren Turmknopf. Fast hundert Jahre später wird unter dem Hohenloher Barock-Grafen Johann Friedrich 1. (*1617, +1702) eine erneute Renovierung des Kirchengebäudes notwendig.

Der Kirchturm war im oberen Abschnitt stark baufällig und drohte sogar einzustürzen. Ebenso war das „Langhauß gar schlecht bestellt und das Dachwerk gar wenig Nutz“. Nach Prüfung der Antragstellung erging die Empfehlung zur zügigen Umsetzung „zumalen bei längerer Unterbleibung der Maßnahmen, bey umbliegender Nachbarschaft, sonderlich der Papisten, üble Nachrede sowie auch des Thurms gänzlicher Einfall drohe“.

An den Weikesheimer Amtskeller Seyfferheld erging die Aufforderung, einen Überschlag zur „Reparatio des schadhaften Kirchturms“ erstellen zu lassen. Für den Turmbau sollte das notwendige Holz geschlagen werden, „damit in längerer Unterbleibung dessen, solcher nicht gar vollends einfalle“.

Ausführender Zimmermann war der aus Sachsen stammende Andreas Drechsler, der 1697 mit dem Bau einer mittlerweile modern gewordenen Kirchendachform beauftragt wurde. Mit Beginn der Renaissance und vor allem im Barock erfreute man sich mehr und mehr an den ursprünglich aus dem vorderen Orient stammenden Zwiebelhauben, die vor allem südlich der Alpen und später dann hierzulande Verbreitung fanden. So hat sich auch der Begriff „Welsche Haube“ eingebürgert, der in Deutschland alles Fremdländische, vor allem Südländisch-Romanische bezeichnete.

So bekam der Schäftersheimer Kirchturm eine zwiebelförmig geschweifte Haube, die sich deutlich von den üblichen, achteckig verschnittenen Spitzhelmen abhob. Ihr Vorteil: Die im Vergleich niedrigeren Hauben waren oftmals kostengünstiger und auch weniger anfällig für Winddruck.

Aber auch sie erforderten Zimmermannsfertigkeiten, etwa bei der Erstellung des Turmskeletts, damit nach dem Beschlagen des Dachbelages die markant gebauchten Formen auch voll zum Ausdruck kommen.

Für den Bau des neuen Kirchendaches, der Riegelwände, des Glockenhauses sowie der Schindelung wurden 70 Stammen „kläfteriche und halbkläfteriche“ Eichen veranschlagt.

Als „kläfterich“ galt ein Stamm, wenn er ein Klafter Holz abgeben konnte, was ungefähr einem Raummaß von drei Kubikmetern oder etwa 2,2 Festmetern entsprach. Die Renovierung fand ihren Abschluss am 6. Juni 1698. Das älteste Bilddokument, das Lambries-Gemälde von Christian Thalwitzer aus dem Jahre 1711, zeigt die Kirche Schäftersheims wenige Jahre nach Vollendung des neuen Kirchturmdaches. Doch das neue Dach konnte den Kapriolen des Wetters nur kurz standhalten.

Gerade einmal 30 Jahre später war das Dachwerk sowie Mauern und Riegelwände von Kirche und Turm von den Naturgewalten erneut so beeinträchtigt worden, dass eine weitere Renovierung notwendig wurde, diesmal unter dem Grafen Carl-Ludwig (*1674 +1756), dem Erbsohn Johann-Friedrichs 1. Im Jahr 1728 verfasste der beauftragte „Bausecretarius“ Schmidt einen Maßnahmenkatalog über Kirch-, Turm- und Pfarrhausrenovierung. Er notierte, dass „der Thurm welcher mit eichenen Schindeln bedecket, entweder mit neuen Schindeln, wozu aber nicht zu rathen, oder aber mit Schiefferstein gedecket werden muß, weil jene Schindel ganz verfault und das Wasser zum Ruin des Thurmes eindringe“.

Interessant ist, wie Schmidt sein deutliches Missfallen bezüglich der Zwiebelhaube ausdrückt, indem er bemerkt, „daß der Thurm welcher von allen Seiten des Thals im Prospect stehet mit einer übelproportionierten welschen Hauben bedachet, dergleichen auff die Kirchthürm nicht gehörig und es folglichen ein gutes Aussehen geben würde, wenn solcher mit dem Weikersheimer, Elpersheimer und Nassauer übereinkäme“. Im Juni 1729 wurde schließlich die „Reparation hochgräflich, gnädiglich verwilliget“.

Nach Abschluss der Sanierung wurde am 12. Juli 1732 nachmittags um 4 Uhr der Turmknopf mit allerlei „Inscriptionen“ zum damaligen Zeitgeschehen befüllt und feierlich auf der Turmspitze verankert.

Präsentiert wurde jetzt ein renovierter Turm mit einem komplett neuen Kirchturmdach nach „Thüringer Art“. Eine halbkugelige Kuppel krönt den vierseitigen Dachansatz, geht in eine offene Laterne über und schließt mit einer kleinen achteckig verschnittenen Spitze und darauf aufgesetzter Wetterfahne ab.

Man mag sich fragen, ob Schäftersheim für den Grafen eine besondere Bedeutung hatte oder ob das Kirchturmdach eher als Reminiszenz an seine verwandtschaftlichen Beziehungen nach Thüringen zu sehen sind, zu seiner Geburtsstätte in Ohrdruf in der Grafschaft Gleichen? Dort sind solche Turmdächer häufig zu finden.

Auf jeden Fall lohnt sich der Vergleich mit dortigen St. Trinitatis Kirche, die im Jahre 1714 feierlich geweiht wurde. Der geschichtliche Hintergrund der Formgebung des Schäftersheimer Kirchturmdaches lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären.

Im Jahre 2018 steht jedenfalls erneut eine Komplettrenovierung der Turmeinschalung und der Verschieferung an sowie die Erneuerung der zugehörigen Holzkonstruktionen. Das mittlerweile seit fast 300 Jahren bestehende Erscheinungsbild der Haube soll jedoch nicht verändert werden. Beginn der Renovierungsmaßnahmen soll noch im Juni sein.

Die Kirchengemeinde Schäftersheim veranstaltet begleitend zum Baubeginn am Sonntag, 10. Juni ab 13.30 Uhr ein Kirchturmfest als Benefizveranstaltung für die gesamte Bevölkerung. Die Besucher erwartet ein buntes Programm mit kleinen Theatereinlagen und Führungen.