Weikersheim

Weikersheimer Skulpturenschau Seit über einem Jahrzehnt gibt es im Sommer bemerkenswerte Plastiken international bekannter Künstler rund um den Marktplatz

Dem Menschen immer neu begegnen

Langer Atem für besuchernahe, unmittelbar erlebbare Kunst: Seit 2008 zeigt die Stadt Weikersheim von Mai bis Mitte September bei der „Skulpturenschau“ Plastiken renommierter Bildhauer.

Weikersheim. Seit über zehn Jahren schon bietet Weikersheim plastische Kunst zum Anfassen. Ohne Schranken führt ein Rundweg die Besucher – die übrigens mittlerweile aus ganz Deutschland und Europa an die Tauber kommen – entlang den öffentlich aufgestellten Plastiken in der (Alt-)Stadt bis hin in den Kräutergarten am Stadtpark und in manchen ganz speziellen Winkel. „Die Künstler reisen immer vorher an und suchen sich die Standorte für ihre Werke selber aus“, erzählt Astrid Hackenbeck, die Leiterin des Weikersheimer Kulturamts. Sie hat die Ausstellungsgreihe initiiert und betreut Künstler und Schau bis heute.

Ein Blick zurück: Bei der ersten („Skulpturen.SCHAU!“, so die Eigenschreibweise der Stadt) präsentierten 22 Bildhauerinnen und Bildhauer aus der ganzen Bundesrepublik jeweils eine Plastik.

Zu den Künstlern dieser ersten Stunde gehörten Bernd Altenstein, Christa Biederbick, Wolfgang Dreysse, Wilfried Fitzenreiter, Richard Heß, Christian Höpfner, Nina Koch, Martin Konietschke, Detlef Kraft, Andreas Krämmer, Rudolf Kurz, Holger Lassen, Eberhard Linke, Guido Messer, Robert Metzkes, Waldemar Ott, Christiane Raschke, Susanne Rudolph, Ludmila Seefried-Matejková, Simon P. Schrieber, Carl Constantin Weber und Leo Wirth.

Einige aus diesem beachtlichen Pool von deutschlandweit und auch international bekannten Künstlern waren in den Folgejahren in Einzelausstellungen im Rahmen der Skulpturenschau zu sehen. Darunter sind etwa mit Leo Wirth (Laudenbach) und Susanne Rudolph (Bächlingen) auch Künstler, die hier in der Region leben.

Noch bis zum 23. September sind heuer Werke von Nina Koch zu sehen – sie hatte als Kuratorin der ersten Skulpturenschau im Jahr 2008 den Weg geebnet, um „unsere Stadt um ein Ereignis im Sommer reicher und noch ein Stück weit attraktiver zu machen“, so Bürgermeister Klaus Kornberger bei der Eröffnung Mitte März.

Bereits 2005 hatte Koch für einen kleineren Auftakt gesorgt: Sie stellte im Sitzungssaal des Rathauses Kleinplastiken, Reliefs und Medaillen aus. Nina Koch ist durch zahlreiche Ausstellungen und Arbeiten im öffentlichen Raum bekannt geworden. Als eines ihrer bedeutendsten Werke gilt das Denkmal für Katharina von Bora, das im Lutherhof in Wittenberg an Luthers Ehefrau erinnert. Großes handwerkliches Können und besondere Ausdruckskraft zeichnen ihre plastischen und zeichnerischen Arbeiten aus. In Weikersheim stellt Nina Koch einen Querschnitt ihrer figürlichen Arbeiten der letzten Jahre vor.

Für Aufsehen sorgten mehrere Künstler, denn „nur schön“ gibt es in Weikersheim nicht – mancher Plastiker sorgt für Provokation und Reibungspunkte. Guido Messer (2009) etwa war so ein Macher. „Messerscharf“, so wird er auch gerne beschrieben, denn er verfügt über eine genaue und tiefgreifende Beobachtungsgabe. Die Begegnung mit Messers Plastiken hat etwas von einem Deja-vu, vom Kontakt mit Archetypen.

Rund um den Marktplatz merkwürdige Gruppen von „Guckern“, ein blaues Nashorn, eine riesige Bronze-Kröte, Gorillas als Menschen (oder umgekehrt) – darüber wurde diskutiert, nicht nur in Weikersheim.

„Der Beginn war ’indoor’“, erinnert sich Astrid Hackenbeck, „dann folgten Werke innen und im Außenbereich. Wir haben schnell festgestellt, dass die Besucher es sehr gut annehmen, wenn sie Kunst open air sehen können.“ Viele Besucher sind überrascht, wie viel hochwertige, figürliche Kunst sie in Weikersheim jeden Sommer sehen können – „normale“ Touristen begegnen den Werken ebenso, wie Radler, die das Taubertal hinauf und hinunter fahren und auf dem Marktplatz Station machen. Und es gibt viele, die extra für die Schau anfahren.

Beliebte Fotoobjekte

Auch die Schau zum Zehn-Jahr-Jubiläum sorgte für großes Aufsehen: Malgorzata Chodakowska (geboren 1965) stellt ihre formvollendeten, filigranen wie artistischen, Plastiken aus. Eine davon stand vierfach wasserspritzend an der westlichen Fußgängerbrücke mitten in der Tauber – und war dort unbestreitbar das Fotoobjekt des Sommers.

Ganz anders der Ansatz des Berliner Bildhauers Rainer Kurka (geboren 1974), der mit Plastiken aus Bronze und Terrakotta vertreten war (2016). Die überwiegend lebensgroßen Figuren zeigten in realistischer Darstellung junge Frauen. Diese stellen, an Kleidung und Attitüde unverkennbar, Personen der Gegenwart dar – und zwangen den Betrachter über ihre Körperlichkeit teils in eine voyeurhafte Situation.

Einblicke in die Ästhetik des Hässlichen und Bösen gab es 2015 mit Werken von Gunther Stilling. Er visualisierte mit fragmentarischen künstlerischen Formen die Themen Macht, Vergänglichkeit und Gewalt. Fast schon brav wirkten in diesem Kontrast die farbigen Terrakotten von Hilde Würtheim, die man in der Ausstellungshistorie wohl am ehesten unter der Kategorie „schön“ verbuchen könnte. Ins Abstrakte hatte 2011 Eberhard Linke geführt – mit seiner persönlichen Auswahl aus einer lange Schaffensperiode, beginnend in den 1970er Jahren bis ins Heute. Ihm ging ein echtes Highlight voraus: Professor Carl Constantin Weber präsentierte höchste Originalität mit Figuren, die durch reduzierte Bodenhaftung der Motive dem schweren Guss-Metall eine Leichtigkeit verliehen haben. Der Hingucker im Jahr 2010: Ein großer Affe, gerade dem Käfig entronnen, direkt am Weikersheimer Rathaus.

Eine attraktive Mischung Jahr für Jahr auch für die Einwohner. Manches Werk, mancher Künstler wird da offen kontrovers diskutiert – und das ist unterm Strich auch gut so. Kunst als Halte- und Anknüpfungspunkt ebenso, wie ganz einfach als Fotomotiv. Selfies mit einem wilden Affen, einer biegsamen Bogenschützin, einer barbusigen Schönheit, solche Fotos schießen auch solche Menschen, die sich ansonsten für Kunst überhaupt nicht interessieren.

Breite Unterstützung

Die Unterstützung aus der örtlichen Wirtschaft ist übrigens breit. Auch die Unternehmen schätzen die attraktiven Spots für ihre Kunden und Gäste.

Ganz nebenbei, erklärt Astrid Hackenbeck, sind die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs „zu Ausstellungsprofis geworden“. Hochwertige, teure Kunstwerke aufzustellen, teilweise spezielle Sockel zu planen und zu errichten, das haben die Männer vom Bauhof mittlerweile extrem gut „drauf“. Die positiven Rückmeldungen von den Künstlern sprechen da für sich. In Weikersheim funktioniert nicht nur die Schau an sich, sondern auch der „Unterbau“.