Weikersheim

Diamantene Hochzeit Die Schäftersheimer Lina und Wilhelm Frick haben sich vor 60 Jahren in Vorbachzimmern das Ja-Wort gegeben

Die Liebe zur Musik brachte das Ehepaar einst zusammen

Sie lebten als junge Menschen rund 2000 Kilometer voneinander entfernt. Das Schicksal hat sie in Vorbachzimmern zusammengeführt. Heute feiern Lina und Wilhelm Frick diamantene Hochzeit.

Schäftersheim. Welches Paar kann das schon von sich sagen: „Streit gab es eigentlich nie!“ Beim Schäftersheimer Ehepaar Lina und Wilhelm Frick ist das bis heute so – sie verbrachten ein Eheleben lang vor allem in Harmonie. Vielleicht haben die gemeinsam durchlebten schweren Zeiten damit zu tun. Und das Schicksal, das beide letztlich im Vorbachtal zusammengeführt hat. Vielleicht war es aber auch der Umstand, dass die Musik die beiden Menschenleben stark bestimmt hat. Musik – sie hat ja ganz konkret mit Harmonien zu tun.

Am Ende des Jahres 1930 kam Lina Frick, geborene Striffler, im Niederstettener Ortsteil Vorbachzimmern auf die Welt. Sie wurde in eine Großfamilie hineingeboren. „Patchwork“ gab es auch damals schon. Zwei Ehen des Vaters – elf Geschwister waren es schließlich.

Die Familie lebte in der „Dräschbe“. Für Ortsunkundige: an der Triensbachstraße westlich des Vorbachs. Linas Vater war Kirchenpfleger, da war der Kontakt zum Harmonium vorprogrammiert. Ihre ersten Versuche am Instrument blieben auch dem Gehör des damaligen Pfarrers nicht verborgen. „Ich wollte unbedingt ein Instrument spielen – und der Pfarrer hat auch keine Ruhe gegeben“, erinnert sich die Ehejubilarin. Die Kirchenorgel-Ausbildung wurde eingefädelt, regelmäßig ging es zu Fuß durch den Bahndurchlass einen alten Saumweg entlang hinauf nach Pfitzingen zum Unterricht bei Pfarrer Lang. Nach zwei Jahren – es ist 1947 – legt Lina die Hilfsorganistenprüfung ab, weitere zwei Jahre später besteht sie mit guten Leistungen die C-Prüfung. Ab dann begleitet die Musikerin regelmäßig den Gemeindegesang in den Gottesdiensten „wo ich eben gebraucht wurde“ – nach dem Umzug nach Schäftersheim zuletzt in Weikersheim und Nassau. Musikalisches Engagement im Schäftersheimer Kirchenchor als Sängerin gehörte irgendwann auch dazu – Wilhelm Frick leitete diese Ensemble und den Männerchor lange Zeit. Ganz nebenher war er noch Posaunist in der Stadtkapelle.

Sie Organistin, er Orgelbauer

Die Uhr noch einmal zurückgedreht: Wilhelm Frick verlebte einen Teil seiner Kindheit in Gnadental – und das lag in Bessarabien. Als Nachfahre württembergischer Auswanderer war er in dem fruchtbaren deutschen Siedlungsgebiet südwestlich von Odessa geboren worden. Wirtschaftliche und politische Not in der Heimat hatten im 19. Jahrhundert viele Deutsche zu Wirtschaftsflüchtlingen gemacht. Der Zar rief ab 1813 Kolonisten mit Freiheitsrechten ins Land; Deutsche lebten in Bessarabien zwischen 1814 und 1940 vor allem als selbstständige Landwirte auf eigener Scholle.

Eine weite Reise

Mit dem „Hitler-Stalin-Pakt“ wurde Bessarabien durch die Sowjetunion besetzt. Es kam zur Umsiedlung fast aller dort lebenden „Volksdeutschen“ in das Deutsche Reich. Über Böhmen ging die unfreiwillige Reise der Fricks weiter ins zwischen den Großmächten aufgeteilte Polen, wo die einheimischen Besitzer von ihren Höfen vertrieben wurden. Wilhelm Fricks Vater wurde zum Verwalter eines Gutshofes bestellt.

Im Zuge des russischen Weltkriegs-Vormarschs nach Westen wurde die Familie Frick im Winter 1945 erneut zu Flüchtlingen – unter einem täglichen Granaten- und Kanonengewitter und den „furchtbar schlimmen Eindrücken“ des Krieges, wie sich Wilhelm erinnert.

Das Ziel der Flüchtenden war das „Land unserer Vorfahren“: Altbach bei Esslingen im Württembergischen.

Es sollte anders kommen. Über diverse Sammellager wurden die Fricks 1946 nach Vorbachzimmern weitergeleitet. Schulausbildung, Konfirmation – Wilhelm Frick hat all das mit kriegsbedingter Verspätung absolvieren müssen.

Und dann kam auch schnell die Lehre beim Orgelbauunternehmen Laukhuff in Weikersheim, wo Wilhelm Frick dann insgesamt 46 Jahre in verschiedenen technischen Bereichen beschäftigt war. Die Grundlagen des Orgelspiels gehörten zum Beruf – und dann lebte in Vorbachzimmern noch diese junge Organistin. Lina.

Umsiedlung an die Tauber

„Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen“, das berühmte Zitat aus der Lutherbibel war der Denkspruch zur Eheschließung des Paars am 10. April 1959 in Vorbachzimmern. Und so ist es auch gekommen: Lina hatte (samt Pflege-Pflicht) den Hof ihres Onkels in Schäftersheim geerbt. Mit dem voll beladenen Rollermobil „BMW Isetta“ tuckerte das Paar in der Brautnacht den Vorbach hinunter ins Taubertal.

Später bewirtschaftete die Familie Frick 37 Ar an Rebflächen nach Wilhelms Fricks täglichem – und geliebten – Arbeitstag bei der Firma Laukhuff. Lina vermietete auf der über die Jahre umgebauten Hofstelle Fremdenzimmer an Taubertal-Touristen.

Zwei Söhne komplettierten die Familie, drei Enkelkinder kamen hinzu. Als die jüngste Enkelin getauft wurden, feierte das Ehepaar Frick in der Weikersheimer Stadtkirche ihre goldene Hochzeit.

Jetzt jährt sich der Tag der Eheschließung von Lina und Wilhelm Frick zum 60. Mal. „Wir empfinden es als großen Reichtum, dass wir geistig noch sehr fit sind“, sagt Lina und drückt ihrem Wilhelm die Hand. „Dafür muss man dem Herrgott danken.“