Weikersheim

Land und Leute Therapeutin Gisela Dittkuhn hat dem einst ängstlichen und misstrauischen Criollo-Wallach Negro mit ihrer Therapie geholfen

Durch Shiatsu-Behandlung Vertrauen gefasst

Archivartikel

Die diplomierte Shiatsu-Praktikerin Gisela Dittkuhn lebt in Weikersheim. Derzeit ist sie häufig im Mergentheimer Teilort Hachtel anzutreffen. Ob der Criollo-Rappwallach Negro schon auf sie wartet? Schwer zu sagen. Klar aber ist, dass dem Tier gefällt, was Gisela Dittkuhn ihm zu bieten hat: Kaum hat sie begonnen, dem 21-jährigen Südamerika-Pferd Rücken, Flanken und Geläuf auszustreichen, entspannt sich Negro sichtbar. „Dann sinkt der Kopf nach unten“, erläutert Halter Albert Stattelmann.

Seit Herbst 2012 lebt Negro in Hachtel. Er habe „schon einiges durchgemacht“, berichtet Schwiegertochter Susanne Stattelmann, die eigentliche Initiatorin des kleinen Hachteler Pferdeparadieses. Als siebenjähriges Pferd war Negro 2007, damals noch unter dem Namen „Jutrasul Nr. 2572“ mit mehrwöchiger Seereise im dunklen Frachtbauch eines Schiffes aus Argentinien nach Italien gebracht worden.

Die Reise unter Deck dürfte dem raubeinig-argentinisch als Arbeitspferd ausgebildeten Pferd gewaltig zugesetzt haben: Rangstreitigkeiten zwischen durch Enge und Wellengang gestressten Herden- und Fluchttieren können recht heftig werden. Die Folge: Trotz guter Behandlung in Deutschland blieb Negro ein misstrauischer, teilweise ängstlicher Einzelgänger, der als ausgesprochenes Männerpferd keine Frau auf seinem Rücken duldete. Wer kauft so ein Tier?

Auch Stattelmanns hatten eigentlich ein Auge auf ein anderes Pferd aus dem rheinländischen Privatstall geworfen. Das stand kurzfristig nicht mehr zur Verfügung – und Negro punktete bei dem Hachteler Criollo-Fan mit dem in der Rasse raren fast pechschwarzen Fell, seinem Temperament und seiner Geschichte.

Damit zog der Wallach das große Los: In Hachtel erwartete ihn auf reichlich Wiesen-Auslauffläche eine kleine Criollo- und Criollo-Mix-Herde – und eine Familie mit riesengroßem Herz für Pferde. Ob die ihm über anderthalb Jahre teilweise mehrfach täglich auf Brot gereichte Bachblütenmischung dazu beitrug, dass er langsam auch zu den Menschen Vertrauen fasste, mit Reiterin Viola sogar erstmals eine Frau auf seinem Rücken duldete und den einen oder anderen Ausritt gestattete? Ein ernstes, für Spiel und Spaß mit den vierbeinigen Kollegen oder den Menschen nicht gerade empfängliches Pferd blieb Negro dennoch bis vor kurzem. Inzwischen wird es anders: Wer miterlebt, mit welcher Begeisterung sich Negro jetzt im Staub wälzen kann, wer die Kommunikationssignale der Herde lesen kann oder erlebt, um wie viel weicher als noch vor einem halben Jahr sich Negro reiten lässt, kann kaum glauben, dass dieses Pferd ein ängstlicher Eigenbrötler gewesen sein soll. Die Veränderung bewirkt hat die Weikersheimer Shiatsu-Praktikerin Gisela Dittkuhn. Sie war mit Pferden aufgewachsen, spielte als Kind unterm Bauch des großen Arbeitspferdes auf dem von Eltern und Großeltern betriebenen Hof. Klar, dass so jemand reiten lernt; klar aber auch, dass selbst gewiefte Reiter Unfälle haben können.

Gisela Dittkuhn kann ein Lied davon singen. Trotz perfekter Behandlung und Unterstützung durch Akupunktur und Osteopathie wollte der nach Hüftbruch und Wirbelsäulenverschiebung zu Lähmungserscheinungen neigende Arm auch zwei Jahre nach dem Reitunfall immer noch nicht wieder richtig. Daraufhin schenkten Verwandte ihr 1996 einen Erstbehandlungsgutschein bei einer in der Nachbarschaft lebenden Shiatsu-Praktikerin.

Gisela Dittkuhn betrat das komplette Neuland mit skeptischer Neugier. Der zur Stärkung der Selbstheilungskräfte ausgeführte Tanz der Finger auf ihren Meridianen fühlte sich so spannend an, dass sie sich für weitere Anwendungen anmeldete. Der Arm wurde wieder beweglicher – und die Patientin interessierte sich zunehmend für die asiatisch inspirierte Körperarbeit mit „shi“ (Finger) und „atsu“ (Druck). Knapp zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung mit der Kunst der heilenden Berührung stieg Gisela Dittkuhn 2005 selbst in die umfangreiche Shiatsu-Ausbildung in Heidelberg, Münster, München und Basel ein.

Auch Behandlung von Tieren

Das Abschlussdiplom des „Europäischen Shiatsu-Instituts“ (ESI) erwarb Gisela Dittkuhn 2008 – und bereits ein Jahr später empfing sie erste Klienten in ihrer nebenberuflich geführten kleinen Weikersheimer Praxis. Als Mitglied der 1992 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Shiatsu (GSD), die regelmäßig ihre Qualitätsstandards und Anerkennungskriterien weiterentwickelt, arbeitete sie sich auch in die Shiatsu-Behandlung von Kindern und Kleinstkindern ein. Um auch dem Familienhund und ihrem Pferd bei gesundheitlichen Problemen helfen zu können, ließ sie sich in die Behandlung von Tieren einweisen und stieg dann vor gut einem Jahr in die offizielle Ausbildung als Shiatsu-Praktikerin für Pferde ein.

Zwischen den monatlichen Reisen zu der vom Europäischen Shiatsu-Institut anerkannten Ausbilderin in Jülich erarbeitete sich Gisela Dittkuhn zuhause das erforderliche theoretische Wissen – und übte in Hachtel mit Negro die Praxis.

Der reagierte höchst positiv: Bei der Shiatsu-Massage bleibt er tiefenentspannt stehen und lässt die Behandlerin nicht nur gelassen an Kopf und Flanke, Bauch, Rücken und den Beinen manipulieren, sondern streckt sogar freiwillig die Läufe aus, damit Gisela Dittkuhn die Gelenke in feine Rotation führen kann; hin und wieder sperrt er sogar freiwillig das Maul auf, um die Druckbehandlung am Zahnfleisch zu erleichtern.

Nicht nur die aktuelle Behandlung scheint dem Tier gut zu tun: Viel entspannter, ausgeglichener und heiterer sei das einst so misstrauische Pferd geworden, berichten Albert Stattelmann, seine Familie und Viola, die einzige Frau, von der sich Negro bislang reiten lässt.

Doch auch anderen Freunden der Pferde und der Familie fällt auf, wie entspannt sich Negro mittlerweile selbst bei Spazier- und Wanderritten gemeinsam mit anderen Pferden gibt. Das beste aber: Negro hat sichtlich Lebensfreude gewonnen und tollt begeistert mit der Herde über die Pferdeparadies-Weiden am Ortsrand von Hachtel.