Weikersheim

Land und Leute Reinald Rickmeyer ist passionierter Erzähler aus Elpersheim

„Märchen lehren, mit dem Herzen zu sehen“

Archivartikel

Seit Reinald Rickmeyer 2010 in den Ruhestand wechselte, kann er sich komplett der Märchenwelt widmen.

Elpersheim. Eigentlich hatte sich seine Familie die Karriere ihres Sohnes ganz anders vorgestellt: Wie der Vater wählten auch Reinald Rickmeyers drei Geschwister kaufmännisch orientierte Berufe. Doch dieses Kind tickte irgendwie anders, wünschte sich Bücher zum Geburtstag und unterm Weihnachtsbaum, ließ sich von Märchen faszinieren und erschloss sich über die Volkshochschule seiner Heimatstadt Hameln früh erste Zugänge zum Theater.

Die Grundschullehrerin Annemarie von Scheven – für Reinald Rickmeyer gehört sie bis heute zu den Ermutigern und Motivatoren, die ihn prägten, oft ohne dass sie es selbst wussten – überredete die Eltern, den 1947 geborenen Sohn auf die Realschule zu schicken. Rickmeyer blieb über Jahrzehnte mit ihr in Verbindung.

Die Ausbildung zum Schriftsetzer und Buchdrucker machte ihn ebenso wenig glücklich wie der Wechsel in ein Kontor in Oldenburg. Er sprang ins kalte Wasser, machte sich auf, um über den zweiten Bildungsweg Zugang zum sozialpädagogischen Studium zu finden. Da traf Rickmeyer auch seine aus Pfitzingen stammende Frau Christa. Gemeinsam machten sie sich nach Rickmeyers Pädagogikstudium auf ins Leben und von Nord nach Süd: Vom Studienort Hannover führte der Weg nach Tauberbischofsheim, Bad Mergentheim, Tübingen und schließlich Weikersheim-Elpersheim.

Als 1975 die Benediktiner-Schwester Eoliba in Tauberbischofsheim Lehrer für den Aufbau der St. Lioba Fachschule für Sozialpädagogik suchte, trat Rickmeyer hier seine erste Stelle an. Er brachte neben pädagogischem Fachwissen Theatererfahrung ein, denn sein Studium in Hannover hatte er mit Komparsenrollen am dortigen Theater finanziert. Karl Paryla, der aus Wien stammende experimentierfreudige Regisseur Paryla hatte ihm schon erste Sprechrollen anvertraut. Den angehenden Diplompädagogen begeisterte, wie der Regisseur das Publikum einbezog und was auf der Bühne alles möglich ist – Inspiration pur. Mit Schwester Eoliba teilte Rickmeyer die Begeisterung für die pädagogischen Möglichkeiten der Märchenwelt: Oft auch gemeinsam besuchten sie Seminare und Kongresse der Europäischen Märchengesellschaft.

Zwei Jahre nach dem Start in Tauberbischofsheim wurde Rickmeyer Pendler: Er arbeitete in Würzburg im Rehabilitationswerk für erwachsene Blinde und bot zusätzlich in Tauberbischofsheim für St. Lioba-Fachschülerinnen gut besuchte Theaterpädagogik-Seminare an.

1987 klopfte die Reutlinger Fachschule für Sozialpädagogik bei ihm an. Rickmeyer konnte nicht widerstehen – und fand schnell weitere Inspiration jenseits des Vollzeit-Lehrauftrags für Theater-, Spiel- und Naturpädagogik. Gemeinsam mit einer jungen Musikpädagogin entwickelte der geborene Verflechter in fachübergreifender Zusammenarbeit Konzepte und Aufführungen der Fachschul-Theatergruppe, die sogar den Weg auf die große Reutlinger Theaterbühne fanden. Unter anderem setzten sie ein Weihnachtsstück mit Musik als Wandeltheater um.

Ab 2001 profitierten die Mergentheimer Schüler der Fachschule für Sozialpädagogik von den vielfältigen Erfahrungen Rickmeyers: Leiterin Gudrun Hurdelbrink ließ ihm freie Hand beim Aufbau des neuen Zweigs und seinem Faible für Vernetzung und die Einbeziehung unterschiedlichster Gruppierungen. „Die Vögel“ von Aristophanes, „Aladin und die Wunderlampe“ und „Krabat“ wurden teilweise in der Wandelhalle einem großen Publikum zugänglich gemacht.

Seit 2010, als er in den Ruhestand wechselte, kann sich Rickmeyer komplett der Märchenwelt widmen: Er absolvierte eine Ausbildung zum Märchenerzähler an der als Verein organisierten „Goldmund Erzählakademie München“. Inzwischen gehört er dem Vorstand des Vereins an und nimmt regelmäßig an im gesamten deutschsprachigen Raum stattfindenden Erzählertreffen und Repertoiretagen teil – demnächst findet sogar eines in Elpersheim statt.

Märchen, sagt er, sind seit langer Zeit verdichtete Lebenserfahrung. Sie können durchs Leben begleiten, berühren in verschiedenen Phasen immer wieder unterschiedlich, sind ein Schatz, aus dem Leser oder Zuhörer den jeweils zu ihrer Situation passenden Edelstein herausfischen können.

Es seien eigentlich „antimaterialistische“ Schätze, um die es gehe, auch wenn noch so viel die Rede sei von Glanz und Reichtum: Es geht um Schätze wie die der Begegnung, der Freundschaft, des Vertrauens – um inneren Reichtum also. Märchen lehren, davon ist Rickmeyer überzeugt, „wieder mehr mit dem Herzen zu sehen“.

Wichtig findet er, dass Märchen durch die Bildung eigener Bilder ein Gegengewicht zur Überhäufung mit fremden Bildern, die heute über TV und Internet zur regelrechten Flut angewachsen sind, darstellen. Dass Eltern gerade angesichts der heutigen Bilderflut manchmal fürchten, ihre Kinder durch auf den ersten Blick grausame Märchen zu überfordern, irritiert Märchenfreunde: Mehr als andere Genres bergen sie Bilder, die inneres Wachstum anregen und so zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen.

Rickmeyer verweist auf den Neurobiologen Gerald Hüther, der Märchen als Mut und Zuversicht spendendes „Kraftfutter für die Gehirne“ bezeichnet. Ganz nah ist Hüther da bei Einstein, Albert Einstein, der postulierte: „Wenn du intelligente Kinder willst, lies ihnen Märchen vor. Wenn du noch intelligentere Kinder willst, lies ihnen noch mehr Märchen vor.“

In Kindergärten, Schulen, Seniorenheimen, auch bei Hochzeiten hat er schon Märchen erzählt, bei Erzählabenden, und Märchenwanderungen.

Am letzten Juni-Wochenende kommen Märchenfreunde in Elpersheim beim Erzählfest zum 800-jährigen Dorfjubiläum (Freitag, 28. Juni bis Sonntag, 30. Juni), sogar kulinarisch beim Erzähldinner am 29. Juni, voll auf ihre Kosten.

Schauplätze der Märchenstunden mit den Erzählkünstlern Anja Koch, Norbert Kober, Maren Monnée und natürlich Reinald Rickmeyer sind die Georgskirche, die Emmerts-Scheune und die freie Natur.

Karten für das Erzähldinner und die Geschichtenwanderung gibt’s bei der Elpersheimer Volksbank-Filiale.