Weikersheim

Kostümkammer Weikersheim Verkleidungen erinnern an wichtige Ereignisse der Stadtgeschichte / Seit 2009 an neuem Standort

Nicht jeder kann ein stolzer Ritter sein

Archivartikel

In der alten Salzhalle in Weikersheim lagern mehrere hundert Kostüme für den traditionellen Kärwe-Umzug. Seit über dreißig Jahren kümmert sich Ursula Wattke um die textilen Schätze.

WEikersheim. Auf zwei Etagen reiht sich Kleiderstange an Kleiderstange. An ihnen hängen bunte Gewänder, die aufwendig mit Ornamenten oder Applikationen verziert sind. Dazwischen stehen Gewehrattrappen, stumpfe Schwerter, Wappenschilde und Pappkartons mit Römerhelmen. Den Überblick über diese Vielfalt hat Ursula Wattke. Sie ist die Leiterin der Kostümkammer der Stadt Weikersheim. Momentan laufen dort die Vorbereitungen für die 599. Kärwe.

Beim Kärwe-Umzug am 2. September wird mit Kostümgruppen an wichtige Ereignisse, Epochen und Persönlichkeiten der Weikersheimer Geschichte erinnert. Dazu gehören etwa die Stadterhebung, der Bauernkrieg oder bedeutende Grafen. Wattke engagiert sich bereits seit 1985 in der Kostümkammer. Im Jahr davor war sie mit ihrer Familie von Sigmaringen nach Weikersheim gezogen. Zuerst half sie nur mit, war von der Arbeit aber sofort begeistert. Als ihre Vorgängerin aus Altersgründen aufhörte, übernahm Wattke die Leitung. Seit 2009 werden die Kostüme in einem Teil der renovierten alten Salzhalle am Bahnhof aufbewahrt. Vorher lagerten die Gewänder über Jahrzehnte im alten Kino, was den Stoffen nicht guttat. „Das Dach war undicht, es gab Ratten und Motten“, berichtet Wattke von den dortigen Zuständen. Schließlich habe sie die Stadt überzeugen können, angemessenere Lagerräume zur Verfügung zu stellen. In einem anderen Teil der alten Salzhalle stehen heute auch die Kutschen für den Kärwe-Umzug.

Lange arbeitete Wattke ehrenamtlich, inzwischen ist sie bei der Stadt angestellt. Außer ihr ist in der Kostümkammer noch eine Schneiderin beschäftigt. Diese repariert beschädigte Kostüme und fertigt bei Bedarf neue an. Unterstützt wird Ursula Wattke auch von ihrer Tochter Stephanie. Diese läuft seit ihrer Kindheit fast jedes Jahr beim Umzug mit: „Ich habe nur einmal gefehlt, da war ich im Krankenhaus“, berichtet sie stolz. Auch mit der Kostümkammer ist die 34-Jährige bestens vertraut. Sie soll die Stelle ihrer Mutter einmal übernehmen, wenn diese in den Ruhestand geht.

Aus der Nachkriegszeit

Die ältesten Weikersheimer Kostüme stammen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und wurden noch komplett per Hand genäht. Weil sie empfindlich sind, werden sie in der Regel aber nicht mehr ausgegeben. Von den rund 700 in der Kostümkammer gelagerten Verkleidungen sind beim Kärwe-Umzug jedes Jahr 200 bis 300 auf der Straße. Manchmal kommen Kostümgruppen für bestimmte Epochen dazu oder werden abgeändert. Die letzte Neuerung war vor etwa sechs Jahren eine Rokoko-Gruppe, bei der auch Stephanie Wattke mitläuft. Ein Kleid mit auffälligen Ärmeln hat die Schneiderin der Kostümkammer dafür extra nach einem Gemälde im Schloss angefertigt.

Bestimmte Epochen werden jedes Jahr traditionell von denselben Organisationen übernommen, etwa von der DLRG. Musikgruppen und Akrobaten stellen ihre Ausstattung häufig selbst. Mitmachen beim Umzug kann aber jeder, auch dank der Kostümkammer. Und es werden auch noch Teilnehmer gesucht. „Die Kinder wollen am liebsten alle Prinzessinnen oder Ritter mit Schwertern sein“, berichtet Ursula Wattke. Was aber ebenfalls benötigt werde, seien zum Beispiel Träger für die Schilder mit den Zugnummern. 37 Plätze gäbe es hier zu besetzen, aber bisher haben sich noch nicht einmal zehn Freiwillige dafür gemeldet. Auch eine Reihe kleiner Pagenuniformen hat in diesem Jahr noch keine Abnehmer gefunden. Allgemein sei das Interesse, am Umzug mitzuwirken, zurückgegangen, erzählt Ursula Wattke. Sie weiß jedoch aus Erfahrung: „Wer einmal mitgelaufen ist, der bleibt dabei.“ Drei der vier für dieses Jahr geplanten Ausgabetermine sind schon vorüber. Dabei verteilen die Wattkes zunächst aber nur die Kleidung. Utensilien wie Trommeln und Schwerter werden erst am Morgen vor dem Umzug ausgegeben. Dieser Tag ist für Ursula Wattke mit viel Stress verbunden, auch weil dann immer noch Leute auftauchen, die spontan mitlaufen wollen und ein komplettes Kostüm benötigen. Waffen, Schilde und Instrumente werden gleich nach dem Umzug wieder eingesammelt. Für die Kleidung gibt es zwei feste Rückgabetermine. Oft kommen die Leute dann aber nicht, weswegen Wattke ihnen hinterhertelefonieren muss.

Theater und Hochzeiten

Wenn nicht gerade Kärwezeit ist, geht es in der Kostümkammer ruhiger zu. Die Verkleidungen werden dann, teils gegen Gebühr, auch für Theateraufführungen, für Mittelalterhochzeiten oder an Schulen verliehen.

Finanziert wird die Kostümkammer von der Stadt, sie ist aber auch auf Spenden angewiesen. Drei „Bettelmönche“ gehen daher beim Umzug im Publikum herum und sammeln. Wer die Kostümkammer unterstützen will, muss jedoch nicht unbedingt Geld geben. Auch Stoffspenden sind willkommen. Ursula Wattke ist bereits mit gutem Beispiel vorangegangen, wie sie erzählt: „Meine Wohnzimmervorhänge sind bei der Kärwe auch auf der Straße“. Ein Ende ihres Engagements in der Kostümkammer ist nicht abzusehen. Selbst wenn sie einmal die Leitung an ihre Tochter übergeben haben wird, möchte sie dort weiter arbeiten: „Ich komme noch hierher, wenn ich im Rollstuhl sitze.“